Umweltschützer warnen vor Folgen des Bioethanol-Booms

"Grünes Gold": Zucker fürs deutsche Auto

Die brasilianische Regierung will die Anbaufläche für Zuckerrohr vergrößern, um mehr Kraftstoff zu gewinnen und nach Europa zu exportieren.

Hamburg. Früher Soja, heute Zuckerrohr: Brasilien hat ein neues "grünes Gold" entdeckt, um den globalen Energiehunger zu befriedigen. Der Handel mit Bioethanol aus Zuckerrohr boomt - und mit ihm wachsen die Bedenken der Umweltschützer. Der umstrittene Kraftstoff landet auch in deutschen Tanks.

"Der Export von Agrosprit soll Brasilien Reichtum und Einfluss bescheren", sagt Klaus Schenck vom Hamburger Verein "Rettet den Regenwald". "Mit Zuckerrohr und Ethanol verdienen Großgrundbesitzer inzwischen noch mehr Geld als mit Soja." So stammte 2008 ein Drittel der Weltproduktion an Ethanol aus Brasilien, angebaut auf einer Fläche von fast vier Millionen Hektar. Rund 70 Prozent der Importe nach Europa kommen laut Schenck aus dem südamerikanischen Land. Für die Zukunft plant die brasilianische Regierung, sogar auf 66 Millionen Hektar - zweimal die Fläche Deutschlands - Zuckerrohr anbauen zu lassen.

Die ökologischen Folgen des Biosprit-Booms seien verheerend, warnt Schenck. Die Ethanolproduktion aus Zuckerrohr grabe dem Fluss São Francisco, der Lebensader Nordbrasiliens, das Wasser ab: Etwa 1400 Liter Wasser seien notwendig, um einen Liter Bioethanol herzustellen. "Viele Quellflüsse des São Francisco sind bereits ausgetrocknet", sagt Schenck. Wo noch Wasser fließe, werde es durch Schädlingsbekämpfungsmittel vergiftet.

Die Monokulturen zerstörten, so Schenck, die Cerrado genannten Savannenlandschaften. Die Plantagenbetreiber beuten die Landarbeiter aus und verdrängen ortsansässige Kleinbauern. Und nicht zuletzt gehen die Wälder des Amazonas in Rauch auf - wenn auch nicht direkt für den Zuckerrohranbau, sondern indirekt: Das Zuckerrohr konkurriert mit den Sojaplantagen um Flächen und treibt diese immer weiter in den Amazonas hinein.

Jenseits des Atlantiks will Europa seinen Biokraftstoffbedarf befriedigen. Schließlich haben die EU-Staaten beschlossen, bis 2020 als Beitrag zum Klimaschutz allen Kraftstoffen zehn Prozent Bioethanol beizumengen. Dass dabei auch brasilianisches Zuckerrohr-Ethanol in deutschen Tanks landet, ist sicher. Doch streiten sich die Experten über die importierten Mengen.

"In der Außenhandelsstatistik wird Bioethanol mit gewöhnlichem Alkohol in einen Topf geschmissen", sagt Sven Schneider von der Abteilung Energiedaten des Umweltbundesamts. Da falle es schwer, verlässliche Daten zu erheben. "Viele Firmen sind außerdem in mehreren Ländern gleichzeitig tätig. Deswegen kann man nicht genau sagen, welchem Land die jeweiligen Mengen zuzurechnen sind."

Dennoch kommt die Behörde mit ihren Schätzungen auf erstaunliche Ergebnisse: "Über die Hälfte des nach Deutschland importierten Bioethanols könnte aus Brasilien stammen. Damit dürfte es mehr als ein Viertel des deutschen Biokraftstoffverbrauchs decken", so Schneider. Er macht folgende Rechnung auf: Der deutsche Bioethanolverbrauch lag 2008 bei 626 000 Tonnen. Davon wurden 260 000 Tonnen importiert. "166 000 Tonnen der Importe kommen nicht aus Europa, in sehr hohem Maß aus Brasilien."

Ganz anderer Ansicht ist Dietmar Kemnitz von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR): "Brasilien exportiert nur sehr geringe Mengen nach Deutschland. Die Hauptabnehmer sind Belgien, die Niederlande und Frankreich sowie Pakistan." Kemnitz räumt allerdings ein: "Ob die Mengen, die aus den Niederlanden kommen, auch dort hergestellt wurden, kann ich leider nicht sagen." Für Umweltschützer Klaus Schenck ist der Fall eindeutig: "Übersee-Importe aus den Niederlanden gelangen über den Hafen in Rotterdam nach Deutschland."

Das Produkt kommt nach Europa, europäische Investitionen fließen nach Brasilien. Der britische Mineralölkonzern BP will in den nächsten zehn Jahren etwa sechs Millionen Dollar (vier Mio. Euro) in die Produktion von brasilianischen Biokraftstoffen investieren. Bereits seit September 2008 ist das Unternehmen an der Ethanolfabrik "Tropical Bioenergia" beteiligt. Diese kann im Jahr bis zu 435 Millionen Liter Kraftstoff herstellen. BP sieht keine ökologischen Probleme: "Die fortschreitende Abholzung des Amazonas-Gebiets steht nicht im Zusammenhang zu der Ausweitung von Brasiliens Zuckerrohrproduktion. Tropical befindet sich im Bundesstaat Goias, mehr als 1000 Kilometer von der Grenze des Regenwaldes entfernt", sagt BP-Sprecherin Claudia Braun. Die Landesteile, auf denen BP Zuckerrohr anbauen lässt, seien degeneriertes Weideland und Ackerland von geringer Qualität, die ortsansässigen Gemeinden profitierten von Tropical Bioenergia als Arbeitgeber.

Ganz gegen den Trend sind die Importmengen in diesem Jahr gesunken. Die Getreidepreise sind auf einem Tief, sodass die Bioethanolproduktion daraus lukrativer ist. Gleichzeitig waren die Zuckerpreise extrem hoch. Für die Plantagen lohnte es sich also mehr, mit dem Rohstoff zu handeln statt mit dem verarbeiteten Bioethanol. In Zukunft könnte sich das jedoch wieder ändern, auch auf Initiative der Bundesregierung.

Im Mai 2008 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel ein deutsch-brasilianisches Energieabkommen unterzeichnet, in dem es hauptsächlich um nachwachsende Energieträger geht. Der Vertrag wurde vor allem deshalb kritisiert, weil er gerade den Bioethanolimporten den Weg bereiten soll. Um zu vermeiden, dass deutscher Biokraftstoff die Natur in Drittländern ruiniert, verabschiedete die Regierung zudem den Entwurf einer Biomasse-Nachhaltigkeits-Verordnung. Sie soll garantieren, dass Biokraftstoffe umwelt- und sozialverträglich produziert werden. Ob brasilianisches Bioethanol unter diesem Aspekt als Zukunfts-Kraftstoff taugt, wird weiter heiß diskutiert werden.