Studie: Mensch stört umherziehende Herden

Steppentiere verlieren Lust am Wandern

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Roland Knauer

Jagd, Ackerbau und Zäune lassen Huftiere nur noch kurze Strecken ziehen und sogar ortstreu werden.

Mehr als 100 000 Hufe wirbeln auf der weiten Ebene Staubwolken auf, die riesige Herde wandert viele Hundert Kilometer in Regionen, in denen sie besser überleben kann. Seit Jahrtausenden pendeln die Gnus in der afrikanischen Serengeti, die Bisons auf den nordamerikanischen Prärien oder die Saiga-Antilopen in den Steppen Zentralasiens zwischen Gebieten, die in der jeweiligen Jahreszeit die optimalen Bedingungen für sie bieten. Aber diese beeindruckenden Massenwanderungen sind zunehmend bedroht.

Die Migrationen riesiger Huftierherden leiden unter verschiedenen menschlichen Einflüssen. Das stellten Grant Hopcraft und Simon Thirgood vom Afrika-Hauptquartier der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF) in Tansania fest, nachdem sie gemeinsam mit US-amerikanischen und polnischen Forschern diese 24 wandernden Arten genauer studiert hatten.

Weltweit nehmen Äcker den Tieren ihre alten Weidegründe. Zäune versperren die alten Wanderwege. Und weil die durch Jagd massiv dezimierten Herden weniger Gras brauchen, kommen sie jetzt mit kleineren Wanderungen aus. Sechs der 24 Arten haben ihre langen Märsche sogar komplett eingestellt, etwa die Springböcke und Weißschwanzgnus in Afrika.

Allerdings gibt es zu vielen Wanderungen kaum zuverlässige Daten. ZGF-Geschäftsführer Christof Schenck nennt in Frankfurt/Main die Saiga-Antilope als typisches Beispiel. Diese Huftiere wandern in Kasachstan über weite Strecken durch die Steppen Zentralasiens. Mehr als siebenmal würde die Fläche Deutschlands in dieses Land passen, in dem nur 16 Millionen Menschen leben.

Ein großer Teil des Landes sind Steppen, auf denen karge Grasbüschel wachsen, an denen die Antilopen knabbern. In der Sommerhitze ist das Gras jedoch verdörrt, im Winter liegt es unerreichbar unter einer dicken Schneedecke. Dagegen lässt das Schmelzwasser im Frühjahr reichlich frisches Grün sprießen. Vielleicht wandern die Saiga-Antilopen also der Schneeschmelze hinterher, weil das frische Gras für die gerade geborenen Kälber besonders nahrhaft und leicht verdaulich ist.

Fest steht, dass verschiedene Regionen große Säugetiere nur zu bestimmten Zeiten versorgen können. Und so wanderten nicht nur Huftiere, sondern auch die Nomaden Zentralasiens, die Massai Ostafrikas und die Indianer Nordamerikas jeweils in die für sie besten Gebiete. In den meisten Regionen aber ziehen immer weniger Menschen und Tiere umher - erneut nennt ZGF-Spezialist Christof Schenck die Steppen Kasachstans als Beispiel: Bis 1991 war das Land eine Republik der Sowjetunion, die ihre Nomaden zur Sesshaftigkeit umerziehen wollte. Die kargen Äcker in den ehemaligen Steppen ernährten die Menschen kaum, Fleisch von der Saiga-Antilope ergänzte vor allem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion oft die Speisekarte. Von einst wohl mehreren Hunderttausend Saiga-Antilopen waren vor wenigen Jahren vielleicht noch 10 000 Tiere übrig.

Erst wenn der Mensch sich zurückzieht, haben die Wanderungen wieder eine Chance, zeigt erneut Kasachstan: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion suchten die meisten ehemaligen Nomaden ihr Glück in den Städten des Landes. "Die Dörfer sind heute meist verlassen und verfallen", sagt Schenck. Gleichzeitig bauen kasachische Naturschutzverbände - gemeinsam mit der ZGF und Norbert Schäffer von der britischen Royal Society for the Protection of Birds - Ranger-Brigaden im Land auf. Sie sollen den Wilderern das Handwerk legen, die unter anderem die Hörner der Antilope für hohe Summen in den Fernen Osten verkaufen, wo sie in der traditionellen Medizin eingesetzt werden. Als die Naturschützer jetzt aus Flugzeugen Saiga-Antilopen zählten, kamen sie auf etwa 40 000 Tiere in den Steppen Zentralasiens. "Um diesen Aufwärtstrend zu unterstützen, versuchen wir Kasachstan davon zu überzeugen, auf mehreren Millionen Hektar Schutzgebiete einzurichten", so Christof Schenck.

Ähnlich hat der Schutz schon einmal in Ostafrika funktioniert: In den 1950er-Jahren kam der damalige ZGF-Präsident Bernhard Grzimek in der Serengeti bei der ersten wissenschaftlichen Untersuchung auf wenige Hunderttausend wandernde Gnus. Seit dort ein großer Nationalpark einen wichtigen Teil ihres Lebensraumes schützt, haben sich die imposanten Huftiere auf heute eineinhalb Millionen Exemplare vermehrt.