Gastbeitrag zur Klimaforschung

Der Ozean ist kein Wasserglas: Meeresspiegel steigt nicht an allen Küsten gleich stark an

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Detlef Stammer

Was den Klimawandel angeht, gelten vor allem Inselstaaten wie Tonga oder Kiribati als "Sorgenkinder". Ihre Küstenlinie liegt nur wenige Meter über dem Meeresspiegel.

Schmelzen in Grönland und der Antarktis die Eisschilde, drohen die Eilande im Pazifik zu versinken. Allerdings zeigen neuere Ergebnisse des Instituts für Meereskunde am KlimaCampus, dass sich der enorme Zufluss an Schmelzwasser nicht gleichmäßig über den Weltozean ausbreitet, sondern dass es regionale Unterschiede gibt. Diese machen sich insbesondere an den Küsten Nordeuropas und Nordamerikas bereits kurzfristig bemerkbar.

Ursache sind die dynamischen Prozesse im Ozean: Anders als in einem Glas, in das man Wasser gießt und in dem sich nach wenigen Sekunden eine ruhige Oberfläche bildet, gibt es im Ozean aufgrund der Meeresströmungen keinen Ruhezustand. Unsere Berechnungen zeigen, dass das Schmelzwasser auch nach 50 Jahren noch für zusätzliche Bewegung im Nordatlantik sorgt. Den Weltozean erreicht es dagegen erst später.

Fazit: Der Meeresspiegel steigt ungleichmäßig; es kommt zu Minimum- und Maximumwerten, die erheblich voneinander abweichen können. Da ist zunächst die einströmende Masse: Fließt Wasser in ein Becken, baut sich ein Wellenberg auf, der sich ausbreitet. Zusätzlich wird er durch die Erddrehung abgelenkt. Die entstehenden Wirbel können sich weit durch den Atlantik ziehen. Man muss sich das vorstellen wie einen randvollen Wassereimer, in den man einen Quirl hält: Während der Pegel durch die Drehbewegung in der Mitte sinkt, läuft am Rand das Wasser über.

Tatsächlich kommt es durch das Abschmelzen des Eises innerhalb weniger Jahre im gesamten Nordatlantik zu Veränderungen - was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, aber auch die Zirkulation des Wassers. Schmelzwasser ist Süßwasser. Wegen der geringeren Dichte schiebt sich dieses über das salzhaltigere Ozeanwasser und mischt sich nur langsam. Gleichzeitig geraten globale Meeresströmungen und der damit verbundene Wärmetransport wie etwa der für uns so wichtige Golfstrom aus dem Takt. In unseren Klimamodellen lässt sich diese "Antwort" des Ozeans auf den Frischwassereintrag bereits deutlich erkennen.

Doch leider sind auch Tonga und Kiribati durch die neuen Erkenntnisse nicht außer Gefahr. Ein gewisser Teil des Schmelzwassers beeinflusst den Pazifik schon früher. Außerdem schmelzen durch den Klimawandel nicht nur Eisflächen - ein Gutteil des zu erwartenden Meeresspiegelanstiegs geht auf die Tatsache zurück, dass sich die Meere bei Erwärmung ausdehnen. Allerdings ist auch dieser Prozess nicht überall gleich stark, sondern durch Meeresströmungen beeinflusst, die das System durcheinanderwirbeln - quasi der berühmte "Sturm" im Wasserglas.

Der Autor, Prof. Dr. Detlef Stammer (Institut für Meereskunde), arbeitet zur Physikalischen Ozeanografie.

Die Klimaforschung in Hamburg genießt international viel Renommee und ist einer der wissenschaftlichen Leuchttürme der Stadt. 17 Uni-Institute, das Max-Planck-Institut für Meteorologie und das Institut für Küstenforschung am Geesthachter Forschungszentrum GKSS haben sich zum KlimaCampus zusammengeschlossen. Unter dem Motto "Neues aus der Klimaforschung" präsentieren Wissenschaftler des KlimaCampus den Abendblatt-Lesern einmal im Monat neueste Ergebnisse aus ihrem jeweiligen Forschungsgebiet.

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