Energieprojekt: Solarkraftwerke in Nordafrika

Die Idee für den Wüstenstrom ist aus Hamburg

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Angelika Hillmer

Dr. Gerhard Knies forschte bei Desy über Elementarteilchen. In der Freizeit verfolgte er eine Vision, die nun Realität werden könnte.

In dieser Woche gründeten zwölf Unternehmen die Initiative Desertec, die Nordafrika und Europa mit Solarstrom aus der Sahara versorgen will. Der geistige Vater des Milliardenprojekts lebt in Hamburg: Seit 1997 engagiert sich der Ex-Desy-Physiker Dr. Gerhard Knies für Milliardeninvestitionen in den afrikanischen Sonnengürtel, um dort große Mengen regenerativen Strom zu erzeugen. "Vergangenen Montag haben wir einen Meilenstein auf diesem Weg erreicht. Möglicherweise zeigt sich jetzt, dass die Menschheit doch noch Vernunft annehmen kann", kommentiert Knies das Engagement finanzkräftiger Unternehmen wie Siemens, E.on, RWE und Deutsche Bank unter Führung der "Münchner Rück"-Versicherung.

Fünf Jahre zahlen die Firmen jährlich 120 000 Euro

Das vorbildliche Dutzend zahlt über fünf Jahre jährlich jeweils 120 000 Euro, um aus dem technisch ausgearbeiteten Konzept, mit thermischen Solaranlagen Strom zu erzeugen, ein Geschäftsmodell zu entwickeln. Gerhard Knies ist überzeugt von dem Projekt: "Es leistet einen Beitrag zum Klimaschutz und zur wirtschaftlichen Entwicklung der nordafrikanischen Staaten. Beides dient zugleich dem Weltfrieden."

Die Vision des Sonnenstroms aus der Wüste

Die Verwundbarkeit der Industriegesellschaft, gerade auch des Energiesektors, gegenüber Kriegen bewegt Knies (72), der beruflich Grundlagenforschung zu Elementarteilchen betrieb, seit Jahrzehnten. "Einen Tag ohne Strom hält die Gesellschaft aus, ein Tag Krieg kann weit mehr zerstören", sagt er. Die ungleiche globale Verteilung des Wohlstands hat ein großes Konfliktpotenzial, das durch den Klimawandel noch verschärft wird. Dieser Gedanke sei eine Initialzündung für die Vision des solaren Wüstenstroms gewesen. Eine zweite war der Reaktorunfall von Tschernobyl. "Als Physiker fragt man sich: Müssen wir uns so etwas antun? Geht es nicht auch besser?"

Solarexperten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) rechneten Ende der 90er-Jahre vor, dass solarthermische Kraftwerke in den Wüsten des Mittleren Ostens und Afrikas theoretisch fast 40-mal mehr Strom liefern könnten, als weltweit verbraucht wird. Und sie zeigten, dass die höheren Kosten der Solarstromproduktion stark fallen würden, wenn die Kraftwerkstechnik massenhaft eingesetzt würde. Aber damals waren die herkömmlichen Energien preiswert zu haben und die Klimaproblematik kaum ins Bewusstsein gerückt.

Entscheidende Forschungsprojekte gab es schon 2003

Erste entscheidende Fortschritte gab es 2003. Der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin fand das Projekt interessant, und sein Haus machte jeweils 165 000 Euro für zwei Forschungsprojekte locker: Es galt, die Potenziale und Bedarfe in den afrikanischen Erzeugungsländern zu erkunden sowie mögliche Exporte nach Europa auszuloten. Heute rechnet die Desertec-Initiative damit, dass in 40 Jahren um die 15 Prozent des europäischen Bedarfs durch Wüstenstrom gedeckt werden könnte.

Klimaschutz ist preiswerter als Nicht-Handeln

"Der Durchbruch kam im November 2007, als der Club of Rome, mit dem ich seit Längerem zusammenarbeitete, das Buch ,Clean Power from Deserts' (sauberer Strom aus Wüsten, die Red.) vorgelegt hat", erzählt Knies. Kurz zuvor hatte der Weltklimarat drei alarmierende Berichte zum Klimawandel veröffentlicht, und der britische Ökonom Nicholas Stern hatte auf 650 Seiten dargestellt, dass Klimaschutz preiswerter ist als die durch Nicht-Handeln entstehenden Schäden. Berlin und Brüssel seien aufmerksam geworden, Frankreich habe dafür gesorgt, dass das Wüstenstrom-Konzept zum Flaggschiff der im Juli 2008 gegründeten "Union für das Mittelmeer" wurde.

Da das Desertec-Konsortium jetzt seine Arbeit aufnimmt, könnte sich Knies, der vor sieben Jahren pensioniert wurde und seitdem als Vollzeitkraft für seine Vision kämpft, eine Pause einlegen. Er macht das Gegenteil: Nächste Woche ist er bei Projektpartnern in Köln und Jülich, danach in Monaco, um die Prinz-Albert-Stiftung davon zu überzeugen, eine Weltkonferenz zu Desertec zu organisieren. Die Zeit ist günstig: "Die Leichtigkeit, mit der ich Türen einrenne, war noch nie so groß wie jetzt."