Schwund im Braunbären-Bestand

Österreich: Wilderer auf Bärenjagd

Naturschützer in Österreich schlagen Alarm. Viele Braunbären werden illegal abgeschossen. In den Waldgebieten zwischen Wien und Salzburg überlebt nicht mal jeder zweite Bär sein zweites Lebensjahr.

Wien. 100 Kilometer südwestlich von Wien zieht sich vom Ötschergebiet bis fast nach Salzburg ein Waldgürtel, in dem seit 1972 Bären leben und sich vermehren. Doch in diesem Sommer fanden Wissenschaftler in dem Lebensraum, der leicht 100 ernähren könnte, nur noch die Spuren von zwei Exemplaren. Wo sind die Bären geblieben, die hier lebten?

Wildbiologen wie der Spezialist für Großraubtiere Felix Knauer von der Universität Freiburg (Baden) blickt in die Bärengeschichte. Nachdem Jäger 1842 den letzten Braunbären in Österreich geschossen hatten, wanderte 1972 ein Jungtier aus dem Grenzgebiet des heutigen Slowenien und Kroatien bis 100 Kilometer vor Wien. Dort hatte 1966 ein Jahrhundert-Föhnsturm 2500 Hektar Wald umgemäht. Sechs Jahre später standen die Himbeeren voll im Saft. Außerdem gab es dort viel Wald, kaum Menschen, viele Bienenstöcke. Tatzenspuren und demolierte Bienenhäuschen sowie der Mundraub des verlockenden Rapsöls für die Kettensägen aus den Depots der Waldarbeiter verrieten den Bären.

Die Menschen lernten mit ihm zu leben: Zäune schützten Bienenhäuser. Rapsöl wurde außer Reichweite der Bärentatzen gelagert. Um die Vermehrung zu sichern, setzte der WWF seit 1989 zwei Bärinnen und ein Männchen aus. Bald gab es Nachwuchs. Spuren tauchten häufig auf.

1998 alarmierte Bärin Christl die Naturschützer. Sie hatte sich zur Spezialistin für Rapsöl-Diebstahl entwickelt. Also fingen Naturschützer sie ein, rüsteten sie mit zwei Radiosendern aus und ließen sie wieder frei. Ab sofort sollten Spezialisten nach jedem Rapsölraub ausrücken, die Bärin orten und mit harmlosen Gummigeschossen erschrecken. Doch die Bärin verschwand spurlos, ihre Sender meldeten sich nie mehr, die Rapsölplünderungen endeten. Christl war offensichtlich gewildert worden. Die Täter mussten die Sender vernichtet haben, um Spuren zu verwischen.

Als Reaktion startete der WWF eine Bärenzählung mit genetischen Fingerabdrücken. Um sie anzulocken, mischte Wildbiologe Jörg Rauer von der Veterinärmedizinischen Uni Wien Fischreste und Blut in einem Kanister, den er zwei Wochen in der Sonne stehen ließ. So infernalisch stinkt die Mischung, dass ihr Geruch nie mehr aus Hemd und Hose rausgeht. Bären zieht das magisch an, denn es deutet auf Aas und leichte Beute. Allerdings hat Rauer um den Kanister einen Stacheldrahtzaun mit einem 60-Zentimeter- Durchschlupf gezogen. Da robbt ein Bär problemlos durch - und verliert dabei Haarbüschel. Aus ihnen ermitteln Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums Wien den genetischen Fingerabdruck.

Damit identifizieren Forscher die Bären und stellen fest, wie viele in der Region leben. Die niederschmetternden Ergebnisse: 1999 verschwinden sieben Bären spurlos aus Österreich, 2001 und 2002 je zwei, seit 2003 gibt es keine Spur von der elffachen Bärenmutter Mona, ein Jahr später sind drei weitere Bären weg. Auch 2007 tauchen zwei weitere Bären nicht mehr auf.

"Natürliche Ursachen kommen für einen solchen Schwund kaum infrage", erklärt Felix Knauer: Aus jeder Population verschwinden Tiere, die von Lawinen verschüttet werden oder im Alter sterben. So wurde im Salzatal in der Steiermark 2002 ein Bärenschädel gefunden, den Forscher des Naturhistorischen Museums Wien erst 2009 anhand des Erbguts identifizierten: Die Bärin Rosemarie war die Tochter der 2003 verschwundenen Mona und des Bären Djuro. Offensichtlich war sie in einer Lawine umgekommen.

"Trotzdem liegt ein Schwund wie in Österreich weit außerhalb des normalen Bereichs", sagt Knauer: Zwischen Wien und Salzburg überlebt nicht mal jeder zweite Bär sein zweites Lebensjahr, während in Schweden 90 bis 95 Prozent zumindest zwei Jahre alt werden. Dabei sind die Lebensbedingungen in Österreich besser. "Mit einer Überlebensrate wie in Schweden sollten heute 100 Bären in Österreich leben", so Knauer. Es sind aber nur noch zwei.

2007 führten Knauer Gerüchte zu der Witwe eines Jägers, in deren Wohnzimmer ein ausgestopfter Bär stand. Die genetischen Analysen identifizieren das Tier als Cilka, die 1994 verschwand. Von fast allen anderen fehlt jede Spur. Indizien deuten auf Jäger, aber mangels Spuren stellte das Bundeskriminalamt seine Ermittlungen ein.

"Die Akzeptanz für Bären ist unter Bauernjägern nicht sehr groß", weiß Knauer. Als der WWF Jagd- und Bauernverbände in Niederösterreich und der Steiermark überzeugen wollte, Bärinnen auszusetzen, wurde das vehement abgelehnt. Jetzt sind die Naturschutzbehörden Österreichs am Zug, denen die EU-Kommission im Nacken sitzt: Sie hatte den Bärenschutz mit mehr als einer Million Euro unterstützt und will nicht mit ansehen, wie die Bären zum zweiten Mal aussterben.