Ausstellung zum 100. Todestag von Georg von Neumayer

Er erforschte das Meer mit Flaschenposten

Der Gründungsdirektor der Deutschen Seewarte in Hamburg war ein exzellenter Wissenschaftsmanager. Die deutschen Forschungsstationen in der Antarktis tragen seinen Namen.

Er ist der Pionier der Flaschenpost, genauer der wissenschaftlichen Flaschenpost: Georg von Neumayer. Der Gründungsdirektor der Deutschen Seewarte (1876-1903) drückte den Kapitänen deutscher Handelsschiffe im Hamburger Hafen eigenhändig die Vordrucke für die Flaschenposten in die Hand. Er bat sie, diese, mit Positions- und Datumsangaben versehen, in verkorkten Flaschen an bestimmten Punkten ihrer Reise über Bord zu werfen. Die Finder wurden ersucht, den Inhalt der Flasche unter Angabe von Datum, Uhrzeit und Fundort an die Deutsche Seewarte zurückzuschicken.

Rund 5000 Flaschen reisten von Hamburg aus um die Welt. Seit heute erinnert eine Ausstellung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) an Georg von Neumayer, der vor 100 Jahren verstarb. Dort gibt es einige der 662 Dokumente aus Flaschenposten, die in der weltgrößten Sammlung des BSH aufbewahrt werden, zu sehen. Unter ihnen auch ein Exemplar aus dem Jahr 1864, das Georg von Neumayer vor Kap Hoorn von Bord des Segelschiffs "Norfolk" ausgesetzt hatte und das an der australischen Küste bei Portland wieder aufgetaucht war.

Studiert hat der Pfälzer Ingenieurs-wissenschaften an der Technischen Universität München. Nach fünf Jahren hatte er sein Studium beendet, eine akademische Laufbahn vor sich - doch das Meer reizte ihn mehr. Er beantragte 1850 bei der Deutschen Marine, für eine Ausbildung aufgenommen zu werden. Aber er wurde abgelehnt. Entschlossen, trotzdem zur See zu fahren, reiste er noch im gleichen Jahr von München nach Rotterdam und musterte an Bord der Hamburger Bark "Luise" an - nachdem der 24 Jahre alte Dr. phil. zuvor 14 000 Ziegelsteine an Bord verstaut und sich damit den Respekt des Kapitäns erarbeitet hatte. Ein Jahr später hatte er sein Steuermannsexamen und heuerte 1852 auf der Hamburger Bark "Reiherstieg" an, Ziel Australien.

Der fünfte Kontinent weckte seine Begeisterung. Er reiste zu den gerade entdeckten Goldfeldern von Bendinge, besuchte das frühere Observatorium von Sir James Ross in Tasmanien, unternahm einige erdmagnetische Messungen. Vor allem warb Neumayer für die Gründung eines nautischen und erdmagnetischen Observatoriums. Um die nötigen Gelder zu beschaffen, kehrte er als Zweiter Steuermann an Bord des US-Clippers "Sovereign of the Seas" 1854 nach Hamburg zurück. Naturforscher wie der weit gereiste Alexander von Humboldt ermutigten Neumayer, seine Pläne zu verwirklichen. Mit Erfolg: König Maximilian II. von Bayern bewilligte seinem Landeskind - die Pfalz gehörte damals zu Bayern - die nötigen Gelder. 1857 brach er mit dem Schiff "La Rochelle" nach Australien auf, die Hamburger Reederei Godeffroy beförderte ihn kostenfrei.

Innerhalb kurzer Zeit baute er in Melbourne das Flagstaff-Observatorium für Geophysik, Magnetismus und Nautik auf, das 1859 von der australischen Regierung übernommen worden und noch heute in Betrieb ist.

Fünf Jahre führte Neumayer dort meteorologische, erdmagnetische und astronomische Studien durch, dann kehrte er nach Europa zurück, genauer in die Pfalz.

Der umtriebige Forscher, der durch seine Überzeugungskraft und sein erstaunliches Organisationstalent beeindruckte, vergrub sich aber nicht in seiner Studierstube. Vielmehr warb er fortan auf Kongressen und Tagungen energisch für die Einrichtung eines Instituts zur Pflege der Hydrografie und maritimen Meteorologie und für die Erforschung des südpolaren Raumes. Dort wollte er eine Forschungsstation aufbauen.

So gesehen ist es nur konsequent, dass die deutschen Forschungsstationen in der Antarktis seinen Namen tragen. Zumal es ihm in einem zweiten Anlauf 1874 auch gelang, eine Polarexpedition auf die Beine zu stellen. Das Forschungsschiff "Gazelle" drang bis zum Rand des antarktischen Packeises vor. 1901 startete das deutsche Forschungsschiff "Gauss" in die Antarktis, sechs Jahre hatte Neumayer diese Expedition vorbereitet. Er gehörte auch zu den Initiatoren des 1. Internationalen Polarjahres, trat entschlossen für eine internationale, friedliche Erforschung der Antarktis ein.

Dabei hatte er eigentlich schon genug zu tun. Seit 1876 war Neumayer, inzwischen Hydrograf der Admiralität, Direktor der Deutschen Seewarte in Hamburg. Sie war aus der sieben Jahre zuvor von Wilhelm von Freeden gegründeten Norddeutschen Seewarte hervorgegangen. Die Reichsregierung hatte das einst private Institut zum Reichsinstitut ernannt und dem Chef der Admiralität der Kaiserlichen Marine unterstellt. Neumayer erhielt den Auftrag, die Interessen der Marine zu wahren. Von Freeden, anerkannter Naturforscher und Ozeanograf, verkaufte daraufhin sein Institut und zog sich nach Bonn zurück.

Neumayer gestaltete das Institut, das seinen Hauptsitz seit 1881 auf dem Stintfang hatte, von Grund auf um. Der Vater der ersten Wetterkarte legte den Grundstein für die moderne Meteorologie. Mit dem Chronometerprüfinstitut, einem der vier Abteilungen der Deutschen Seewarte, sorgte er dafür, dass die deutsche Chronometerindustrie aufblühte, sodass die Schifffahrt nicht mehr von Schweizer Importen abhängig war. Die Standards, die in der Abteilung für Instrumentenprüfung erarbeitet wurden, gelten noch bis heute - auch wenn vieles durch moderne Technik ersetzt worden ist.

Ersetzt wurde dann auch die Deutsche Seewarte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden der Deutsche Wetterdienst (DWD) und das Deutsche Hydrographische Institut. Dieses wurde nach der Wende 1990 mit zwei weiteren Instituten zum Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH) zusammengelegt. Die Institutsgebäude stehen oberhalb der Landungsbrücken, nur wenige Meter von der historischen Stätte am Stintfang entfernt.

Neumayer, der 1900 vom bayerischen König geadelt worden war, ging mit 77 Jahren in Pension. Er zog nach Neustadt/Weinstraße, wo er seine wissenschaftlichen Arbeiten bis zu seinem Tod am 24. Mai 1909 fortsetzte. Auf die Frage, warum er nicht geheiratet habe, soll er geantwortet haben: Er habe Frauen immer geschätzt, doch sei er in jungen Jahren der Auffassung gewesen, dass mit der Heirat aller Idealismus zum Teufel gehe.

Info:
Georg von Neumayer - die Ausstellung, bis zum 18.6., dienstags und donnerstags, 13-16 Uhr, Deutscher Wetterdienst, Bernhard-Nocht-Straße 76, 20359 Hamburg