Die Karriere eines Bayern

Heinrich II. - Der deutsche Kaiser galt als machtbewusst und durchsetzungsfähig. Vor 1000 Jahren erhielt er die Königskrone. In Bamberg erinnert eine Ausstellung an diesen außergewöhnlichen Herrscher.

Herr Heinrich, der bayerische Herzog, trat durch die Weihe des Willigis in die Herrschaft ein und lenkte die heilige Kirche Gottes mit wachsamster Sorge und Weisheit sein Leben lang sowohl im Hinblick auf den Klerus wie auf das Volk." So beschrieben mittelalterliche Chronisten eine Ära, die vor fast genau 1000 Jahren in Mainz ihren Anfang nahm. Am 7. Juni 1002 setzte Erzbischof Willigis seinem 29 Jahre alten Freund und Gönner Heinrich II. die Königskrone aufs Haupt. Damit hatte die Karriere des Bayern längst noch nicht den Höhepunkt erreicht; es folgte zwölf Jahre später in Rom die Krönung zum deutschen Kaiser. Und schließlich wurde er anno 1146, 122 Jahre nach seinem Tod, heilig gesprochen. Keinem deutschen Herrscher ist derlei je widerfahren. Nur der Kaiserin Kunigunde, Patronin der Schwangeren und Kleinkinder. Aber sie ist durch die Ehe zu der Ehre gekommen - sie war Heinrichs Frau. Im Bamberger Dom liegen beide begraben; Tilman Riemenschneider schuf ihnen dort mit seiner Tumba ein steinernes Meisterwerk. Ein Seitenrelief auf dem Grabmal zeigt ein Gottesgericht, das die Legende der tugendhaften Frau begründet hatte: Heinrich, der an ihrer Treue zweifelte, ließ sie barfuß über glühende Kohle laufen. Blieb sie unversehrt, wäre sie im Recht. Sie überstand die Prüfung unverletzt. Die Ehe blieb kinderlos, was Heinrich nicht nur den Beinamen "der Lendenlahme" eintrug, sondern ihm auch Sorgen bereitete, sein Reich in der Nachfolge zu sichern. So setzte der Sohn Heinrich des Zänkers auf das Episkopat. Er verstand sein Amt nicht nur als weltlicher Vollstrecker Gottes, sondern auch als Stellvertreter Christi auf Erden. Wie schon bei den Ottonen - Heinrich war ein Neffe zweiten Grades Ottos des Großen - waren für ihn die Bischöfe die zuverlässigsten Stützen seiner Herrschaft. Ihre Ernennung war Sache des Königs, und davon machte Heinrich reichlich Gebrauch. So schuf er sich eine Schar ergebener Vasallen. Während seiner Amtszeit ernannte er nicht weniger als 50 neue Bischöfe. Manche hatte er vorher als Äbte eingesetzt, andere mit auswärtigen Gesandtschaften betraut. Die meisten waren bei ihm Hofkapläne gewesen. Die königliche Kapelle wurde darauf nicht von ungefähr eine "Pflanzschule für Bischöfe" genannt. Die Geschichtswissenschaft bescheinigt Heinrich Tatkraft, politisches Geschick und Kampfesmut. Nach unseren aufgeklärten heutigen Vorstellungen würde dieser von Gallen- und Nierensteinen geplagte Bayer wohl kaum besonders sympathisch genannt werden können. Er war streng, machtbewusst und hartnäckig, autoritär, doch durchsetzungsfähig. Und gerecht (solange alles im Sinn der Kirche blieb). Niemand konnte ihn täuschen, urteilten die Zeitgenossen. Über sein politisches Geschick schreibt die französische Historikerin Regine Pernoud: "Mag auch sein Eingreifen in angrenzenden Ländern, in Italien (wo er die deutsche Herrschaft wieder herstellte) und vor allem in Polen (gegen das er sechs Jahre lang Feldzüge führte, bis Boleslaw I. Chrobry sich ihm beugen musste), anfechtbar gewesen sein, so hat er doch auf anderen Gebieten Herausragendes geleistet. So schloss er 1006 den letzten Sklavenmarkt des Reichs in Mecklenburg." Heinrich war ein Herrscher ohne festen Wohnsitz. Wo er war mit Mann, Maus, Wagen und meist ohne Kunigunden, also dem gesamten reisenden Hofstaat, da war die Regierung. Die vielen von ihm eingesetzten Erzbischöfe und Äbte hatten dafür zu sorgen, dass jedermann bei den bis zu 1000 Mann starken Umritten durchs Land standesgemäß untergebracht und verpflegt wurde. "Wie ein alles vernichtender gefräßiger Heuschreckenschwarm fiel der Tross des Kaisers über die jeweiligen Dörfer und Bauern her, um sich Nahrung zu verschaffen", schreibt Harald Eggebrecht in der "SZ", "die Bayern hatten dabei einen besonders schlechten Ruf als habgierige Totschlägerbande." Sich selbst aber setzte Heinrich mit der Gründung des Bistums Bamberg das großartigste Denkmal. Alles, was er "sammelte" auf seinen Umritten - also erbeutete - holte er heim in seine "einzig geliebte Stadt", in der er seine Kathedrale mit dem berühmten "Reiter" bauen ließ. Um das Bistum gründen zu können, warf er sich demonstrativ devot vor seinen Bischöfen auf die Knie und küsste die Erde. Unvorstellbar die Fülle von Evangeliaren und Goldschmiedearbeiten, Elfenbeinschnitzereien und Prachthandschriften, die da in der Landesausstellung am Domplatz, in der Staatsbibliothek, dem Diözesanmuseum und in der Alten Hofhaltung zu sehen sind. Auch der berühmte blaue Sternenmantel wird gezeigt, ein goldgewirktes Meisterwerk islamischer Textilkunst, das Heinrich einst als "Zierde Europas" überreicht worden war. Und das bedeutendste Werk deutscher Buchkunst des Mittelalters, das Perikopenbuch aus der Bayerischen Staatsbibliothek. Diese 410 Pergamentseiten, in Elfenbeindeckel gebunden und illustriert mit 40 farbigen ganzseitigen Miniaturen vor goldenem Hintergrund, sind eine Sammlung von Evangelienabschnitten ("Perikope"), die an Sonn- und Feiertagen während der Messe vorgetragen wurden. Vor acht Jahren waren sie zuletzt öffentlich gezeigt worden. Der Andrang der Besucher ließ den Direktor des Bayerischen Nationalmuseums in München damals ausrufen "Als hätten wir hier die Mona Lisa!" Die Leute wussten derlei zu schätzen: Allein das Faksimile kostet 15 000 Euro. Heinrich starb am 13. Juli 1024 in der Pfalz Grone bei Göttingen, Kunigunde neun Jahre später im Kloster Kaufungen.

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