Venus vor der Sonne

Wann und wo Sie das Spektakel in Deutschland sehen können

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abendblatt.de

Mittwochmorgen wird die Venus zum letzten Mal für 105 Jahre als schwarzer Punkt auf dem Feuerball zu sehen sein. In vielen deutschen Städten gibt es ein Public Viewing.

Hamburg. Ein seltenes Himmelsschauspiel können Frühaufsteher am Mittwoch über Deutschland beobachten. Die Venus schiebt sich als dunkler Fleck vor die Sonne. Das astronomische Ereignis sei in Deutschland zwischen 4.40 Uhr und 6.55 Uhr mit bloßem Auge zu sehen. Es wiederholt sich den Angaben zufolge nur alle 105,5 Jahre. Das DLR warnte Himmelsbeobachter zur Vorsicht: Wer den sogenannten Venus-Transit sehen wolle, müsse eine Sonnenfinsternis-Brille tragen. Anderenfalls drohe der Verlust des Augenlichts. Sicherheit böten Sonnenfinsternisbrillen, sagt Stephan Fichtner, Sprecher des Planetariums Hamburg. Die Einrichtung bietet einen besonderen Service: Auf ihrer Aussichtsplattform können Weltraumfans den Transit durch Teleskope mit speziellen Schutzfiltern beobachten.

In Niedersachsen laden Astronomiefans in unterschiedlichen Städten zum Public Viewing ein. Die Sternwarte in Hannover wird bei gutem Wetter ab 5.00 Uhr geöffnet sein. Das Göttinger Institut für Astrophysik und das Planetarium in Osnabrück öffnen ebenfalls ihre Türen. In Wolfsburg treffen sich Interessierte in aller Frühe auf dem Klieversberg, der Astronomie-Verein „Pegasus“ lädt in Wolfenbüttel im Süden der Stadt zum gemeinsamen Beobachten ein.

Wer den Transit auf eigene Faust bestaunen will, braucht vor allem einen unverstellten Blick auf den Horizont. Denn wenn die Sonne um kurz nach 5.00 Uhr aufgeht, ist das Schauspiel schon fast zu Ende. Nur etwa die letzten anderthalb Stunden lassen sich von Deutschland aus beobachten. Das Wetter könnte Hobby-Astronomen allerdings einen Strich durch die Rechnung machen. Gute Chancen auf freie Sicht haben nach Prognose des Deutschen Wetterdienstes vom Montag die Küstenregionen und die östlichen Bundesländer. Sollte die Wolkendecke undurchdringlich sein, bleiben nur noch die zahlreichen Live-Übertragungen im Internet. „Je östlicher, desto besser die Chancen“, sagte der Meteorologe Helmut Malewski vom Deutschen Wetterdienst (DWD) am Montag.

Gute Chancen auf freie Sicht haben nach Prognose des DWD die Küstenregionen, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und der Osten Bayerns. „Im Westen gibt es stärkere Bewölkung“, kündigte Malewski an. Das bedeute jedoch nicht, dass sich dort Astronomiebegeisterte das frühe Aufstehen sparen sollten. Eine Gelegenheit für ein Blick auf die teilweise verdeckte Sonne könne es mit etwas Glück auch dort geben.

Wer das Schauspiel verpasst, wird es wohl nie wieder beobachten können. Der nächste Venus-Transit wird am 11. Dezember 2117 stattfinden und dann wohl von Europa aus nicht zu sehen sein; erst am 8. Dezember 2125 könnten unsere Nachfahren das Glück haben, Venus besonderen Auftritt zu erleben. Zuletzt fand das Ereignis am 8. Juni 2004 statt, davor am 6. Dezember 1882. Zwar begegnen sich Erde und Venus bei ihrer Reise um die Sonne alle 584 Tage, doch ihre Bahnen sind zueinander um 3,4 Grad geneigt. So kommt es, dass die Venus sich in 99 Prozent aller Fälle nicht genau zwischen Erde und Sonne schiebt, sondern ober- oder unterhalb vorbeizieht. Auf einer perfekten Linie mit Erde und Sonne steht sie zweimal im Abstand von acht Jahren, danach aber erst wieder über 100 Jahre später.

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Entsprechend aufgeregt sind Astronomen. Planetariums-Direktor Thomas Kraupe freut sich auf einen "Augenblick des Kosmos, der wie ein Fingerzeig ist - und eine besondere Chance, die Größenverhältnisse in unserem Planetensystem zu erleben". Diese Chance nutzen wird etwa ein Oberstufenkurs des Gymnasiums Oldenfelde: Unter der Leitung des Forschers Uwe Wolter von der Astronomie-Werkstatt der Hamburger Sternwarte werden die Schüler den Transit vom 36 Meter hohen Turm der Martins-Kirche in Rahlstedt aus beobachten

Dunkel wird es durch den Übergang bei uns nicht. Denn die Venus, die fast genauso groß ist wie die Erde (oder genauso klein, je nach Betrachtung), bedeckt während ihres Transits nur ein Tausendstel der Sonnenscheibe - es kommt zu einer Minifinsternis. Eindrucksvoll ist der Übergang insofern, weil er zeigt, wie gigantisch groß unser Zentralgestirn ist. Die Sonne erscheint uns ja nur als kleine Kugel, weil wir rund 150 Millionen Kilometer von ihr entfernt sind. Tatsächlich hat sie einen 109-mal größeren Radius als die Erde.

Von diesen Größenverhältnissen und von den Entfernungen im Kosmos ahnten die Menschen bis zur frühen Neuzeit nichts. Der deutsche Astronom Johannes Kepler (1571-1630) sagte als Erster einen Venus-Transit voraus - für 1631. Er vermutete allerdings, dass unser Nachbarplanet die Sonne bis zu einem Viertel bedecken würde. Das war ein kolossaler Irrtum, wie sich herausgestellte, als es den britischen Astronomen Jeremiah Horrocks und William Crabtree im Jahr 1639 erstmals gelang, einen Venus-Transit zu beobachten.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam der britische Astronom Edmond Halley auf die Idee, dass man den Abstand zwischen Erde und Sonne bestimmen könnte, wenn man die Dauer eines Venus-Transits von vielen möglichst weit voneinander entfernten Objekten messen würde. Mit dem dritten Keplerschen Gesetz, so Halley, ließen sich dann auch die Abstände der anderen Planeten ausrechnen. So kam es, dass später neben dem Seefahrer James Cook Astronomen in alle Himmelrichtungen aufbrachen, um den Transit 1769 zu beobachten. In jenem Sommer hätten erstmals Wissenschaftler weltweit zusammengearbeitet, beseelt vom Geist der Aufklärung, schreibt die Historikerin Andrea Wulf in ihrem neuen Buch ("Die Jagd auf die Venus und die Vermessung des Sonnensystems", C. Bertelsmann, 21,99 Euro). "Das Wettrennen um die Beobachtung und Messung des Venus-Transits war ein Schlüsselmoment der neuen Zeit, einer Epoche, in der man die Natur mithilfe der Vernunft zu verstehen suchte."

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Aus den Daten dieser Expedition errechneten Astronomen kurz darauf die Entfernung der Erde zur Sonne, wobei sie auf Werte knapp über 150 Millionen Kilometer kamen - und damit den tatsächlichen Entfernungen erstaunlich nahe. Heute weiß man, dass die Erde auf ihrer elliptischen Bahn im Mittel 149 598 262 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt ist (Quelle: Nasa). Mit technischer Hilfe lassen sich Distanzen zwischen den Planeten seit den 1960er-Jahren berechnen. Damals schickten Astronomen erstmals Radarstrahlen zur Venus. Das Echo fingen sie auf. Aus der Laufzeit errechneten sie die Entfernung. Aktueller Stand: Erde und Venus nähern sich bei ihren Begegnungen bis auf 38,2 Millionen Kilometer.

Die Venus bewegt sich schneller, für einen Umlauf um die Sonne benötigt sie 225 Erdtage. Dabei rotiert sie "rückwärts", entgegengesetzt zur Erdrotation. Deshalb geht die Sonne auf der Venus im Westen auf und im Osten unter. Das sind nicht die einzigen Unterschiede zur Erde. Die Venus ist ein extrem unwirtlicher Planet, zumindest für Leben, wie wir es kennen: Auf ihrer Oberfläche ist es im Mittel 462 Grad heiß, es herrscht ein Druck von 92 Bar. Ihre Atmosphäre besteht zu mehr als 95 Prozent aus Kohlendioxid; Wasser und Sauerstoff kommen nur in Spuren vor. Zum Vergleich: Der Luftdruck auf der Erdoberfläche beträgt etwa ein Bar, die Atmosphäre besteht zu fast 80 Prozent aus Stickstoff und zu etwa 20 Prozent aus Sauerstoff.

Weil die Oberfläche der Venus von dichten Wolken bedeckt es, lässt sie sich nicht mit Teleskopen studieren. Einblicke erhoffen sich Forscher vor allem von der Esa-Sonde Venus Express, die den Planeten seit 2005 umkreist.

Mit Material von dapd und dpa

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