Sternehimmel im Mai

Die Venus ist jetzt so schön wie selten

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Thomas W. Kraupe

Strahlend hell leuchtet der "Abendstern" kurz nach Sonnenuntergang über dem Westhorizont. Am 4. Mai erklimmt sie ihre nördlichste Position.

Hamburg. Bis tief in die Nacht ist es dämmrig hell, denn unsere Sonne taucht nun selbst um Mitternacht weniger als 18 Grad unter den Nordhorizont. Erst ab August können wir in Norddeutschland wieder einen dunklen Nachthimmel erleben. Doch gerade in dieser Dämmerungszeit ist der Himmel jetzt abends prächtig geschmückt.

Strahlend hell leuchtet der "Abendstern" Venus bereits kurz nach Sonnenuntergang über dem Westhorizont. Venus erreicht zu Monatsbeginn den größten Glanz und übertrifft alle anderen Gestirne an Helligkeit. Am 4. Mai erklimmt sie im Sternbild Stier mit knapp 28 Grad Höhe über dem Himmelsäquator ihre nördlichste Position im Tierkreis und ist für alle Beobachter auf der Nordhalbkugel der Erde außergewöhnlich gut zu sehen. Erst in acht Jahren, im Mai 2020, können wir Venus wieder so günstig abends beobachten!

Zu Monatsbeginn leuchtet sie noch bis 1 Uhr morgens am Westhorizont, am Monatsende verschwindet sie bereits eine Stunde nach Sonnenuntergang unter dem Horizont. In den letzten Monatstagen wird man wohl vergeblich nach dem Abendstern Ausschau halten, kann jedoch dann schon dem Venus-Transit, dem Vorübergang des Planeten vor der Sonne entgegenfiebern, der in den Morgenstunden des 6. Juni 2012 bei uns horizontnah zu sehen sein wird. Dies wird für 105 Jahre die letzte Möglichkeit sein, einen Venus-Transit zu beobachten. Aus dem bis Mitte Mai hell strahlenden Abendstern ist dann ein dunkler Punkt geworden, der vor der Sonne vorbeizieht.

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Venus ist nicht der einzige Planet, der abends für uns leuchtet. Hoch im Südwesten strahlt abends im Sternbild Löwe der Planet Mars. Am 28./29. Mai zieht der zunehmende Mond an Mars vorbei und man kann den ruhig leuchtenden, roten Planeten südlich des Löwen-Trapezes dann besonders leicht identifizieren.

Auch der Planet Saturn verrät sich durch sein ruhiges Licht. Wir finden ihn gegen 23 Uhr halbhoch im Süden, über dem bläulich-weiß funkelnden Stern Spica in der Jungfrau. Die Ringe des Saturns kann man nur mit einem Fernrohr ab etwa 30-facher Vergrößerung erkennen. Den großen Bruder des Saturns, den Planeten Jupiter, suchen wir vergeblich am Himmel.

Blicken wir nun zu fernen Sternen: Hoch über unseren Köpfen stehen die sieben Sterne des Großen Wagens. Sie bilden den hellsten Teil des viel größeren Sternbildes Großer Bär. Verlängern wir die Hinterachse des Wagens etwa fünfmal, so stoßen wir auf halber Höhe über dem Nordhorizont auf den Polarstern - den Nordstern. Lassen wir unseren Blick vom Polarstern senkrecht herunter zum dämmrig aufgehellten Nordhorizont schweifen, so finden wir dazwischen die Zickzack-Linie des Himmels-Ws. Dieses zirkumpolare Sternbild - die Kassiopeia, wie sie offiziell heißt - hat seine tiefste Stellung erreicht. Himmels-W und Großer Wagen stehen auf einander gegenüberliegenden Seiten des Polarsterns: Steht der Große Wagen hoch am Himmel, finden wir das Himmels-W in seiner Tiefststellung - und umgekehrt.

Verlängern wir den Bogen der Wagendeichsel, so führt er uns zu dem hellen, rötlichen Stern Arktur im Bärenhüter. Der Sage nach treibt er den Großen Bären vor sich her. Moderne Astrophysik zeigt, dass dieser Stern eine Riesensonne ist, die mehr als zweimillionen Mal weiter von uns entfernt und fast 70-mal größer ist als unsere Sonne. Trotz dieser 36 Lichtjahre Entfernung sehen wir Arktur als hellen Stern, da er nahezu 1200-fache Sonnenleuchtkraft besitzt.

Ziehen wir den Deichselbogen über Arktur hinaus noch weiter nach Süden, so treffen wir wieder auf Saturn und Spica, den bläulich funkelnden, hellen Hauptstern des Sternbilds Jungfrau. Spica und Arktur sind die beiden hellsten Fixsterne des Frühlingshimmels und bilden gemeinsam mit Denebola, dem Schwanzstern des Löwen, ein großes, nahezu gleichseitiges Sternendreieck, das sogenannte Frühlingsdreieck.

Hoch im Osten zeigen sich schon die Sommersternbilder: das ausgedehnte Sternbild Herkules folgt dem Bärenhüter und die nördlichsten Sterne des Sommerdreiecks, die helle Wega in der Leier und Deneb im Schwan, steigen im Nordosten herauf. Auf der Verbindungslinie von der rötlichen Riesensonne Arktur im Süden hin zur bläulich-weißen Wega im Osten stoßen wir zunächst, auf etwa einem Drittel des Weges, auf den halbkreisförmigen Sternenbogen der Nördlichen Krone und weiter Richtung Wega auf das trapezförmige Herzstück des Herkules.

Im Laufe der Nacht steigen im Nordosten die Sommersterne Wega und Deneb Stunde für Stunde höher. Im Nordwesten sinken der Stern Capella im Fuhrmann und weiter links im Westen, über der Venus, die beiden Zwillingssterne Kastor und Pollux zum Horizont. Löwe und Jungfrau mit Mars und Saturn folgen ihnen. Am Ende der Nacht sind sie bereits untergegangen und in der hellen Morgendämmerung leuchtet das Sommerdreieck in die Südrichtung. Der Sommer naht!

Diese Monatssternkarte ist auch erhältlich im Planetarium Hamburg oder kann online mit einem Sternen-Podcast heruntergeladen werden: www.abendblatt.de/sterne

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