Tastsinn und Hörsinn haben eine gemeinsame genetische Basis

Berlin. Wer gut hört, kann auch gut tasten. Wer aber schlecht hört, hat auch einen schlechteren Tastsinn. Wie das zusammenhängt, haben Dr. Henning Frenzel und Prof. Gary Lewin vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin Berlin-Buch entdeckt. Sie konnten zeigen, dass beide Sinne eine gemeinsame genetische Basis haben.

Hören und Tasten sind bei allen Wirbeltieren und damit auch beim Menschen zwei unterschiedliche Sinnessysteme. Bei beiden werden aber mechanische Reize in elektrische Signale umgewandelt. In den vergangenen Jahren sind beim Menschen rund 70 Gene identifiziert worden, die Schwerhörigkeit (Taubheit) auslösen, wenn sie mutiert sind. "Seltsamerweise sind bisher keine Gene gefunden worden, die den Tastsinn beeinflussen", sagte Prof. Lewin. Um zu sehen, ob es beim Tastsinn auch eine vererbbare Komponente gibt, untersuchten die Forscher zunächst 100 Zwillingspaare. Die Tests zeigten, dass die unterschiedlichen Tastfähigkeiten der Probanden zu mehr als 50 Prozent durch Gene bestimmt wird. Weiter zeigten die Tests, dass eine Verbindung zwischen Hörsinn und Tastsinn besteht.

Die Forscher vermuteten deshalb, dass Gene, die den Hörsinn beeinflussen, möglicherweise auch auf den Tastsinn Einfluss haben. In Patienten mit Usher-Syndrom, einer erblichen Form der Schwerhörigkeit mit Sehbehinderung, entdeckten sie eine Genmutation, die ursächlich auch für den schlechteren Tastsinn der Betroffenen ist.

Und noch ein interessantes Detail fanden die Forscher in ihrer Studie heraus. "Wenn Frauen beklagen, dass ihre Männer ihnen nicht richtig (zu)hören, dann ist da in der Tat etwas dran", sagt Prof. Lewin. "Die Untersuchungen mit insgesamt 518 Personen, darunter 295 Frauen, haben tatsächlich gezeigt, dass Frauen besser hören und feinfühliger als Männer sind."