Online-Enzyklopädie

Wohin steuert Wikipedia?

Die Informationen sind teilweise kaum noch überschaubar. Ein rüder Umgangston belastet das Arbeitsklima bei der Online-Enzyklopädie

Hamburg. Kaum etwas hat den Umgang mit dem Wissen der Welt so verändert wie Wikipedia. Die von Tausenden von freiwilligen Helfern erstellte Online-Enzyklopädie ist eine ein Jahrzehnt währende Erfolgsstory. Mit rund 1,2 Millionen Artikeln ist die deutsche nach der englischen die zweitgrößte Wikipedia-Ausgabe. Laut der Online-Studie von ARD und ZDF haben fast 36 Millionen Deutsche schon einmal etwas online nachgeschlagen.

Wikipedia ist ein Gigant. Doch zu manchen Themen liest sie sich nicht mehr wie ein Volkslexikon, sondern wie eine Doktorarbeit. Ein Beispiel dafür ist der Artikel über den "Goldenen Schnitt". Dass sich dabei der größere Abschnitt einer Strecke zu dieser verhält wie der kleinere Abschnitt zum größeren, erklärt das gedruckte "Meyers Taschenlexikon" in zwei Sätzen. Wikipedia-Nutzer sehen sich dagegen einer Fülle von Formeln, Schaubildern und Diagrammen gegenüber. "Kann es sein, dass sich hier die reinen Fachidioten tummeln?", fragt ein Nutzer.

Nur drei Prozent der Nutzer haben Artikel verfasst oder fremde überarbeitet. Nicht wenige von denen, die aus Frust nicht mehr dabei sind, machen dafür die Administratoren verantwortlich. Rund 300 "Admins" wurden von der Wikipedia-Gemeinschaft mit weiter gehenden Rechten ausgestattet, als sie normale Nutzer haben. Einige haben recht rustikale Umgangsformen. Wer die Relevanz seines Artikels nicht nachweisen kann, muss mit der Löschung des Beitrags rechnen. Wer dagegen Einspruch erhebt, wird barsch abgebügelt. Ganz Uneinsichtige müssen mit dauerhafter Sperrung rechnen.

"Das allgemeine Arbeitsklima und die Art und Weise, wie hier mit Leuten umgesprungen wird, ist absolut beklagenswert", sagt Dr. Klaus Graf, Historiker und Archivar an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen und seit 2004 aktiver Mitarbeiter der Online-Enzyklopädie. Viele Admins beherrschten die einfachsten Grundregeln im Umgang mit Menschen nicht. "Diese Leute leben bei Wikipedia ihre Allmachtsfantasien aus und glauben, sich alles herausnehmen zu können." Und das Schiedsgericht, das man als letzte Instanz anrufen kann, sei nicht neutral, sondern stehe fast immer geschlossen hinter den Admins.

"Wir mischen uns grundsätzlich nicht in redaktionelle Vorgänge ein", kommentiert Catrin Schoneville vom Förderverein Wikimedia Deutschland Klagen enttäuschter Mitarbeiter. Selbstgerechtigkeit und rüpelhaftes Verhalten seien zudem ein Problem des gesamten Internets.

Dennoch bemühe man sich, mit Förderprojekten und Workshops für mehr Motivation zu sorgen und neue Zielgruppen zu erschließen. Besonders stolz ist man bei Wikimedia auf das Projekt "Silberwissen", das vor allem ältere Menschen ansprechen soll. "Das Wissen älterer Generationen könnte Wikipedia bereichern und neue Perspektiven eröffnen", hofft Schoneville. Vielleicht wirkt sich diese Lebenserfahrung ja auch auf die Umgangsformen in der Wikipedia-Gemeinde aus.

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