Teil 22: Trommelfell

Der Unfall im Ohr: ein Loch im Trommelfell

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Achim Wüsthof

Eine Verletzung des Trommelfells versorgen Ärzte mit einer "Schienung" oder verschließen sie durch eine OP.

Ein Wattestäbchen kann eine gefährliche Waffe sein. Das bekommt Erika S. schmerzhaft zu spüren, als sie mit einem Q-tip ihr rechtes Ohr putzt und ihr Mann beim Abtrocknen ihrer Hand aus Versehen einen Stoß versetzt. Sie schreit auf und kann von da an auf der rechten Seite schlechter hören als auf der linken.

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt stellt ein Loch im Trommelfell fest. Meist sind es Haarnadeln oder Wattestäbchen, die eine solche Verletzung verursachen. Auch bei Schweißarbeiten oder Explosionen von Feuerwerkskörpern in unmittelbarer Nähe des Ohres kann es zu einer Durchbohrung des Trommelfells kommen. Der Besuch einer Diskothek schädigt zwar das Innenohr und führt auf Dauer zu einem Hörverlust, doch das Trommelfell wird selbst durch sehr starken Lärm nicht beschädigt.

Ein Schrei direkt in das Ohr kann dieser dünnen Membrane, die das Außenohr vom Mittelohr trennt, nichts anhaben. Sie übersetzt alle Geräusche in Schwingungen, und wenn es sehr laut wird, schwingt sie besonders intensiv. Gefährlich allerdings ist ein gesteigerter Druck unter Wasser. Wenn zum Beispiel Kinder tauchen, und jemand bekommt dabei einen Fuß ans Ohr, kann das Trommelfell platzen.

Erika S. wird zur weiteren Beurteilung in die Asklepios-Klinik St. Georg geschickt. Dort raten die Ärzte vom sofortigen Eingriff ab. "Es ist besser, etwa zwei Wochen zu warten, denn wenn sich nach der Trommelfellverletzung eine Infektion im Ohr ausbreitet, ist diese sehr gefährlich", sagt Prof. Jobst von Scheel, Leiter der Abteilung für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. Mindestens einmal pro Monat muss er Patienten davon überzeugen, dass es gar nicht schlimm ist, mit einem kleinen Loch im Trommelfell herumzulaufen. Zumal bei den meisten nicht einmal das Hörvermögen besonders beeinträchtigt wird.

Sehr kleine Löcher verschließen sich meist von ganz allein. Wenn nicht, versuchen die Ärzte, den Heilungsprozess durch eine sogenannte "Schienung" zu unterstützen. Zunächst wird ein Lokalanästhetikum in den Gehörgang gespritzt, weil der Eingriff sonst zu schmerzhaft ist. Bei Kindern muss deshalb sogar eine Vollnarkose gemacht werden. Dann klebt der HNO-Arzt entweder ein steriles Pflaster oder ein Plättchen aus Silikon auf das Loch. Das Gewebe wächst dann an dieser "Schienung" entlang, bis keine Öffnung mehr vorhanden ist. "Die Selbstheilungskräfte sind enorm", sagt von Scheel. Doch wenn das Loch drei Monate später immer noch offen sei, müsse operiert werden.

Um eine solche Tympanoplastik durchzuführen, wird hinter der Ohrmuschel oder am Gehörgangseingang ein Schnitt gemacht und das Ohr aufgeklappt, sodass der Chirurg mit beiden Händen und mithilfe eines Mikroskops am Trommelfell arbeiten kann. Zunächst frischt der Arzt den Rand des Loches an, dann entnimmt er ein kleines Stückchen von der Knorpelhaut der Ohrmuschel und platziert dieses auf der Innenseite des Trommelfells, sodass es zu einem Verschluss des Lochs kommt. Hierbei gibt es diverse Tricks, diese kleine Haut so zu befestigen, dass sie nicht gleich wieder wegrutscht. Die Operation dauert bis zu einer Stunde, doch um den Patienten vorzubereiten und hinterher den Verbandswechsel zu machen, liegt der durchschnittliche Krankenhausaufenthalt für diese Prozedur bei zwei Tagen - sofern keine Probleme auftauchen. Eine gefürchtete Komplikation sind Infektionen. Eiter im Ohr kann den Eingriff zunichte machen.

Erika S. hat Glück. Bei ihr reicht eine "Schienung", und ihr Trommelfell regeneriert sich schnell. Einen Monat nach dem Missgeschick ist ihr Ohr wieder in Ordnung. Von jedem Arzt, der sie behandelt hat, bekommt sie immer wieder zu hören, dass Wattestäbchen für die Reinigung des Gehörgangs prinzipiell nicht verwendet werden sollten. Es reiche aus, wenn ein Finger beim Haarewaschen sanft am äußeren Gehörgang kreise.

Lesen Sie morgen in unserer Abendblatt-Serie Teil 23: Operation der Halsschlagader