Teil 16: Herzrhythmus

Die häufigste Störung ist das Vorhofflimmern

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Christoph Rind

Die typischen Merkmale: Herzrasen, Unwohlsein, Leistungsabfall und Luftnot. Die Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.

Das Herz, unsere faustgroße Lebenspumpe, schlägt im Normalfall 60- bis 70-mal in der Minute. Wenn sich diese Frequenz plötzlich und ohne erkennbaren Grund auf mehr als 100 Schläge pro Minute steigert und der Schlagrhythmus völlig aus dem Takt gerät, liegt eine Herzrhythmusstörung vor. Das sogenannte Vorhofflimmern ist die meistverbreitete Erkrankung dieser Art. Typische Merkmale sind Herzrasen, Unwohlsein, Leistungsabfall, Luftnot. "Hinzu kommen erhebliche Ängste", sagt Prof. Dr. Karl-Heinz Kuck, Chef-Kardiologe in der Asklepios-Klinik (AK) St. Georg.

Im Elektrophysiologischen Labor seiner Abteilung werden im Jahr über 1500 Patienten mit Rhythmusstörungen behandelt - mit modernster Technik. Damit ist die Klinik eines der weltweit größten Behandlungszentren auf diesem Gebiet.

Wie lässt sich die Diagnose Vorhofflimmern sichern? "Erst ein EKG bringt Klarheit", sagt Kuck. Voraussetzung: Während der Aufzeichnung kommt es zu den Störungen der elektrischen Impulse der Herzmuskelfasern. Das Flimmern entsteht, wenn Gewebe im linken Vorhof des Herzens, etwa an der Einmündung der beiden Lungenvenen, eigenständig elektrische Impulse ausstrahlt. Sie bringen den Rhythmus aus dem Takt.

Das Gefährliche an dieser Erkrankung ist, wenn sie dauerhaft auftritt, also chronisch ist: Die Betroffenen haben ein siebenfach erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden. Kuck: "Etwa 15 Prozent der Schlaganfälle in Deutschland, das sind 40 000 im Jahr, gehen auf Vorhofflimmern zurück."

Kuck rät zu einer schnellen Behandlung, vorausgesetzt die Diagnose steht und andere Ursachen (Bluthochdruck, Schilddrüsenerkrankung, Herzleiden) sind ausgeschlossen. "Denn Vorhofflimmern erzeugt auf Dauer erneutes Vorhofflimmern, das ist ein Teufelskreis", sagt Kuck. Der Grund: Mit der Zeit ändert sich auch die elektrische Eigenschaft der Vorhöfe.

Bei der Behandlung versuchen die Kardiologen, den normalen ("Sinus"-)Rhythmus des Herzens wiederherzustellen. Bei seltenem Auftreten reichen oft Medikamente (Antiarrhythmika). Sie wirken, indem sie den Natriumstrom in die Zelle hemmen.

Wenn Vorhofflimmern ein- bis zweimal im Jahr auftritt, hilft eine "Pille in der Hosentasche", so Kuck. Das Mittel wirkt innerhalb von 30 Minuten. Doch sei dieses Vorgehen nur bei fünf Prozent der Patienten möglich.

Wenn die Medikamente versagen oder der Patient sie nicht verträgt, ist eine Katheter-Ablation (-Verödung) der notwendige nächste Schritt. Um eine möglicherweise jahrzehntelange Medikamenteneinnahme zu vermeiden, rät Kuck auch Betroffenen, die jünger als etwa 55 Jahre sind und ein- bis zweimal im Monat unter Vorhofflimmern leiden, zu einer Ablation.

Das Ziel des Eingriffs: Das Gewebe, das den Fehlimpuls auslöst, wird verödet. Dies geschieht folgendermaßen: Durch einen kleinen Schnitt an der Leiste wird ein flexibler Schlauch (Katheter) unter Röntgenkontrolle zum Herzen geschoben. Über ihn wird das krankhafte Gewebe mit Hochfrequenzstrom "verbrannt". Das ist Millimeterarbeit.

Damit die Patienten während der insgesamt zwei bis drei Stunden dauernden Behandlung völlig ruhig und entspannt auf dem Untersuchungstisch liegen, bekommen sie über die Vene eine leichte Betäubung, die keine künstliche Beatmung erfordert und sie sofort aufwachen lässt, sobald die Betäubungs-Infusion beendet wird.

Damit der Kardiologe das richtige Gewebe trifft, hat er ein dreidimensionales, mittels Magnetbild erstelltes Bild des Herzens vor sich. An den beiden Lungenvenen wird jeweils auf etwa 14 Zentimetern das Gewebe Punkt für Punkt im Millimeterabstand verödet. An jeder Stelle dauert das 20 Sekunden. So entsteht eine elektrische Barriere. In 30 Prozent der Fälle müssen bei einem späteren Eingriff, der nur noch 45 Minuten dauert, einzelne Stellen nachverödet werden. Mit diesen beiden Eingriffen kann 95 Prozent der Erkrankten geholfen werden. Mögliche Komplikationen sind sehr selten. Weltweit sind 30 Todesfälle beschrieben, bei denen durch die Erhitzung auf 40 bis 45 Grad die Speiseröhre verletzt wurde, sich eine Fistel bildete und nach drei bis vier Tagen Luft über die Speiseröhre über den linken Vorhof ins Gehirn drang. Kuck: "In unserer Klinik haben wir so etwas noch nicht erlebt." Die Patienten sollten bei der Auswahl der Klinik jedoch danach fragen, wie erfahren die Ärzte mit dem Eingriff seien.

Und eine noch schonendere Therapie könnte sich bald durchsetzen: Die Behandlung mit einem Kühl-Ballon. Er verödet das Gewebe bei minus 60 Grad - mit einer einzigen Ablation, die den ganzen Kreis schließt. Dieses Vorgehen dauert nur wenige Minuten. Kuck: "Das könnte das Standardverfahren der Zukunft werden."