Gesundheit

Können Mundsprays auch vor Erkältungen schützen?

Diese Hausmittel helfen bei Erkältungen

Hausmittel gegen Erkältung

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Pharmafirmen bewerben Antivirenmittel, die Krankheiten verhindern sollen. Den Beweis bleiben die Hersteller schuldig, sagen Experten.

Berlin.  Die Erkältungswelle scheint auf ihrem Höhepunkt, es schnieft und keucht aus allen Ecken. Neben Nasenspray, Hustensaft, Schmerzpillen und vielen anderen Mitteln gegen schon bestehende Beschwerden bewerben Pharmafirmen derzeit offensiv sogenannte Antivirensprays, die Erkältung und Co. gleich ganz verhindern oder zumindest verkürzen sollen. Funktioniert das?

Besonders prominent vertreten sind das Stada-Spray „ViruProtect“, „Erste Abwehr“ der Firma Wick sowie „Algovir Effekt“ des Arzneimittelherstellers Hermes. Alle drei verfolgen ein ähnliches Prinzip. „Sie enthalten filmbildende Substanzen, die die Viren umhüllen und so ihre Fähigkeit, krank zu machen, zumindest reduzieren können“, erklärt Professor Martin Smollich, Fachapotheker für Klinische Pharmazie und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Diese physikalische Barriere könnte es Erkältungskeimen – zumindest in der Theorie – erschweren, sich in menschlichen Nasen- Mund- und Rachenschleimhäuten zu tummeln, ihren bevorzugten Fortpflanzungsstätten. Hier docken sie üblicherweise an die menschlichen Zellen an und lassen ihr Genmaterial dort vervielfältigen. Nach etwa zwölf Stunden schwärmen um die 100.000 neu entstandenen Viren aus und hinterlassen eine zerstörte Wirtszelle.

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Viren auf Vermehrungstour durch die Schleimhäute

Je mehr Schleimhautzellen die Viren für ihre Vermehrungstour nutzen, desto rigoroser setzt der Körper sich zur Wehr. Die zweckentfremdeten Zellen alarmieren das Immunsystem, dessen körpereigene Killer an die Front ziehen und die befallenen Zellen zerstören. So versuchen sie, den Virennachschub zu unterbinden. Je mehr Zellen sie allerdings dabei zerstören, umso unangenehmer die Symptome. Die Schleimhäute leiden, sind entzündet, schmerzen.

Im Hintergrund arbeitet das Immunsystem derweil an passgenauen Antikörpern, die die Viren schließlich – ähnlich wie es die Antivirensprays leisten sollen – mit einer Schicht überziehen, die sie daran hindert, in fremde Zellen einzudringen. Die entschärften Viren klumpen zusammen und werden schließlich von Fresszellen beseitigt. Doch diese Maßarbeit dauert einige Tage.

Medikamente, die diesen Job schneller erledigen oder beschleunigen könnten, gibt es bisher nicht. Denn an Erkältungen können Dutzende Keimfamilien beteiligt sein, von Adeno- über Coxsackie- und Parainfluenza- bis hin zu Rhinoviren. All die kleinen Übeltäter sind zudem genetisch so simpel konstruiert, dass sie kontinuierlich mutieren. Kein Arzneimittel kann mit dieser Veränderung mithalten. Da Erkältungen bei ansonsten Gesunden in der Regel keine bleibenden Schäden verursachen, ist so ein Mittel auch nicht zwingend nötig.

„Von der Idee her nicht ganz unplausibel“

Angenehmer wird die Krankheit durch diese Erkenntnis allerdings nicht. Antivirensprays dürften für viele Verbraucher also zumindest eine Überlegung wert sein, denn „von der Idee her ist der Ansatz nicht ganz unplausibel“, wie auch Pharmakologe Smollich meint. Dass ihre Produkte allerdings auch im Praxistest standhalten, konnten die Hersteller bislang kaum ausreichend belegen.

ViruProtect beispielsweise, das unter dem Namen ColdZyme schon seit einigen Jahren im Ausland verkauft wird, wurde zwar in mehreren Studien auf die Probe gestellt, doch nur eine davon entspricht strengen wissenschaftlichen Standards. Dabei ließen Forscher das Produkt unter anderem gegen ein Placebo antreten. Eine mit 46 Probanden recht kleine Gruppe wurde dafür mit dem Rhinovirus infiziert.

Das Spray habe die Menge der Viren im Vergleich zum Placebo deutlich reduzieren können, heißt es in der 2017 im „Open Journal of Respiratory Disease“ veröffentlichten Studie. Zudem hätte sich die Krankheitszeit halbieren lassen. Erzielt werde der Effekt unter anderem durch die Kombination des Mittels.

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Mit der Kraft der Rotalge gegen die Erkältung

Für den Schutzfilm sorgt in ViruProtect der Stoff Glycerin, der zum Beispiel auch Handcremes oder Make-up zu einem geschmeidigen Gefühl verhilft. Zusätzlich enthält das Spray Trypsin, ein Verdauungsenzym. „In früheren Studien wurde gezeigt, dass es Rhino- und Influenza-Viren nicht nur im Körper, sondern auch auf der Haut abtötet“, erklärt Smollich. Mensch und Tier produzieren es gleichermaßen, im Fall von ViruProtect stammt es vom Kabeljau.

Algovir setzt auf die Kraft der Rotalge. Hauptsächlich eine aus ihr gewonnene gelartige Substanz soll, in die Nase gesprüht, Erkältungsbeschwerden mildern und die Menge der Viren reduzieren. Bestätigung dafür lieferte bislang nur eine kleine publizierte Studie mit 35 Probanden. In zwei ebenfalls veröffentlichten hochwertigen Untersuchungen mit je 200 Erkälteten zeigte das Produkt jedoch keine deutlich bessere Wirkung als das Placebo.

Zu „Erste Abwehr“ ist bislang nur eine von Wick-Hersteller Procter& Gamble durchgeführte Studie öffentlich zugänglich. 91 erkältete Probanden erhielten das Spray mit dem Hauptbestandteil Hydroxypropylmethylcellulose – eine chemisch modifizierte Version der Zellulose, dem Hauptbestandteil pflanzlicher Zellwände. Im Vergleich zu den 85 Placebo-Kandidaten seien ihre Symptome um 17 Prozent reduziert gewesen, so die Autoren.

Die Studien enthalten viele methodische Mängel

„Für alle Präparate gilt: Diese paar Studien sind wissenschaftlich gesehen nur sehr bedingt verwertbar, da es viele methodische Mängel gibt und die Fallzahlen sehr gering sind“, urteilt Martin Smollich. Auch das „Arznei-Telegramm“, die größte anzeigenfreie Medizinzeitschrift Deutschlands, rät von der Verwendung von Algovir und ViruProtect „angesichts fehlender hinreichender Nutzenbelege“ ab. Immerhin, einen Selbstversuch könnten Erkältungsgeplagte aber durchaus wagen, meint Smollich – „Nebenwirkungen sind aufgrund der Zusammensetzung keine zu erwarten“.

Warum die Sprays trotzdem in der Apotheke stehen, verrät ein Blick in den Beipackzettel. Bei allen drei Produkten handelt es sich nicht um Medikamente, sondern um Medizinprodukte. Damit fallen sie in eine Kategorie mit Pflastern, Brillen, Zahnimplantaten oder Kondomen. Weder können sie Viren direkt attackieren, noch Stoffwechsel oder Immunsystem des Menschen beeinflussen.

Um verkauft werden zu dürfen, müssen Medizinprodukte ein Konformitätsbewertungsverfahren durchlaufen, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) erklärt. Sie müssen demnach sicher sein und ihre medizinische Leistung so erfüllen, wie vom Hersteller versprochen. Eine klinische Prüfung gehört allerdings nicht zum Pflichtprogramm.