Der Sprung ins kalte Wasser lohnt sich

Auslandpraktika bringen mehr Selbstbewusstsein und verbesserte Sprachkenntnisse und weltgewandte Azubis für die Unternehmen

Nach zwei Wochen habe es bei ihm „klick“ gemacht, erinnert sich Maurice Heissig. Ab da seien ihm auch englische Fachbegriffe locker über die Zunge gegangen. „Dabei war mein Englisch nicht so top, als ich losfuhr“, erzählt der 22-Jährige, der im Januar 2014 seine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Unilever abschloss, übernommen wurde und nun bei Langnese in der HafenCity tätig ist. Überhaupt sei sein fünfwöchiges Praktikum in London ein echter Sprung ins kalte Wasser gewesen. „In England ist unser Ausbildungssystem relativ unbekannt. Ich wurde daher für einen Trainee mit Hochschulabschluss gehalten.“ Die Folge: eigenständiges Arbeiten von Anfang an, Learning by Doing in Reinkultur.

Das sei schon eine Herausforderung gewesen, sagt Maurice, aber eben auch genau das, was er sich erhofft hatte. „Ich wollte in meinem Praktikum nicht nur simple Hilfstätigkeiten, sondern möglichst eigene Projekte übernehmen.“ Darum hat er in London gezielt nach einen Praktikumsplatz im Verkauf und Außenhandel gesucht, weil er in diesem Bereich die meiste Erfahrung mitbrachte.

Vor allem die britische Höflichkeit habe ihm die Arbeit im neuen Umfeld sehr erleichtert, erzählt Maurice. „Bei Fragen hatte ich die volle Aufmerksamkeit meiner Kollegen und bekam alles in Ruhe beantwortet“ – selbst wenn dem englischen Kollegen eigentlich schon längst der nächste Termin im Nacken saß. Umgekehrt fiel es auf, wenn Maurice mit Puffer zur gemeinsamen Konferenz erschien. „Da hieß es dann ,Ah, das muss der Deutsche sein. Er ist zehn Minuten zu früh da‘“, sagt Maurice lachend.

Viktoria Anizaew erfuhr in der Berufsschule von der Möglichkeit eines Auslandspraktikums, und ihr Arbeitgeber – Viktoria lernt im dritten Jahr Kauffrau im Einzelhandel bei Takko Fashion – reagierte begeistert auf ihr Interesse an einem Auslandseinsatz. „Die Eröffnung von sieben Filialen in St. Petersburg wurde gerade vorbereitet, damit stand mein Praktikumsziel fest. Drei Wochen in der zweitgrößten Stadt Russlands“, erzählt die 24-Jährige. Die gebürtige Kasachin lebt seit ihrem dritten Lebensjahr in Deutschland. Gewohnt, die eigene Meinung frei auszusprechen, landete sie damit in Russland im Fettnäpfchen. Während in Deutschland Probleme gern direkt angesprochen werden, tasten sich Engländer und Russen vorsichtig an Kritik heran. Ihr Praktikum sei eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, sagt Victoria. Zudem habe sie viel über sich selbst erfahren und sei persönlich gereift.

Eine Einschätzung, die von den meisten Auslandspraktikanten geteilt werde, sagt Annette Kohlmüller, Sprecherin von „Arbeit und Leben Hamburg“, deren „Mobilitäts-Agentur“ reisewillige Azubis unterstützt. „Nach unserer Erfahrung kommen alle ein Stück weit verändert zurück.“ Viele der Auszubildenden seien jung und reisten zum ersten Mal allein in ein fremdes Land, dessen Sprache sie nur zum Teil beherrschten. „Sich da zurechtzufinden führt automatisch zu mehr Selbstständigkeit, einem gesteigerten Selbstbewusstsein und einer größeren Offenheit fremden Gewohnheiten gegenüber.“ Eine Weiterentwicklung, die in Lehrfirmen sehr geschätzt werde.

Die Mobilitäts-Agentur hilft bei dem Zurechtfinden vor Ort. Zum einen durch interkulturelle Vorbereitungsseminare, zum anderen werden die Auszubildenden durch Partnerorganisationen im Zielland betreut.

„Die Zahl der Auslandspraktika steigt deutlich“, sagt Janine Thoms, Referentin Berufliche Schulen der Handelskammer Hamburg. „2013 sind 1186 Azubis ins Ausland gegangen. Das sind 8,4 Prozent aller Auszubildenden und eine Steigerung von 22 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor!“