Von den Großen lernen

Alles Liebe für Richard und Giuseppe

Gratulationskonzerte für Wagner und Verdi, zwei große Komponisten-Jubilare des Jahres 2013

Das Schicksal hat es 2013 gut gemeint mit Opernfreunden, die es dramatisch lieben – nicht nur Richard Wagner, sondern auch sein italienischer Kollege Giuseppe Verdi wurde vor 200 Jahren geboren. Obwohl beide auch ohne so runde Geburtstage Stammgäste in den Spielplänen sind, nutzen Programmplaner solche Gelegenheiten liebend gern, um sich spezielle Würdigungen auszudenken.

Schön wäre in diesem Zusammenhang ja gewesen, wenn sich die beiden großen Egos von diesseits und jenseits der Alpen tatsächlich einmal leibhaftig begegnet wären. Sind sie aber nicht, obwohl Wagner so gern in Italien weilte, hin und wieder haben sie sich nur knapp verfehlt. Auch an Meinungsäußerungen über den jeweils anderen herrscht eindeutiger Mangel. Für Wagner war der Italiener ein eher vernachlässigenswertes kleines Licht, das nicht in seiner Liga spielte. Verdi wiederum ging sehr professionell an die stilistischen Unterschiede zwischen seinen eigenen Opern und denen des egozentrischen Deutschen heran.

Mit diesem musikhistorischen „Was wäre, wenn?“-Oha-Effekt spielt sehr gekonnt ein surreales Opernfragment, das die vier Hornisten von German Hornsound bei zwei SHMF-Konzerten (30.7. Pronstorf / 31.7. Brunsbüttel) vorstellen. Hinter dem sinnigen Titel „Siegfried und Violetta oder List, Last, Lust und Lunge“ verbirgt sich ein Stückchen für Opern-Feinschmecker und alle, die das werden möchten. Wagners „Ring“-Held begegnet im Titel der tragischen Heldin aus Verdis „La Traviata“. Der Musikschriftsteller Herbert Rosendorfer und der Dramaturg Karl Dietrich Gräwe fantasieren sich darin – unter Beigabe etlicher Leitmotive und Ohrwürmer aus den beliebtesten Opern ihrer Idole – ein deutsch-italienisches Gipfeltreffen im Caffè Florian auf dem Markusplatz in bella Venezia. Ein Oberkellner ist übrigens auch noch dabei.

Ein Original und nicht eine derart amüsante Melange bietet das Konzert am 1.8. in der Lübecker MuK, der Titel „Seliges Glühen“ spielt auf die Emotionen an, die in epischer Breite, Länge und Tiefe in Wagners „Tristan und Isolde“ ausgereizt werden. Semyon Bychkov dirigiert die konzertante Aufführung des 2. „Tristan“-Akts, es spielt das Schleswig-Holstein Festival Orchester. Vor allem aber sind zwei Sängerpersönlichkeiten zu erleben, die an ersten Häusern auf große Wagner-Partien abonniert sind. Den Part der irischen Prinzessin Isolde übernimmt die Litauerin Violeta Urmana. Als Tristan wurde Peter Seiffert verpflichtet, auch er Stammgast im Wagner-Fach. Franz-Josef Selig, derzeit als Daland für den Bayreuther „Holländer“ gebucht, singt den Marke. David Wilson-Johnson ist Melot, Sophie Koch singt Brangäne. Eine All-Star-Besetzung, wie sie so auch bei den Londoner Proms zu hören ist.

Obwohl der Länderschwerpunkt dem Baltikum gewidmet ist, zieht ein spektakuläres Wagner-Konzert den Schlussstrich unter den Konzertsommer. Der mit Wagner besonders hörenswerte Lette Andris Nelsons dirigiert zum Finale (24.8. Lübeck / 25.8. Kiel) das NDR Sinfonieorchester: Da Nelsons in Riga geboren wurde, wo Wagner zum „Fliegenden Holländer“ inspiriert wurde, beginnt er mit der „Holländer“-Ouvertüre, bevor Nelsons‘ Frau, die Sopranistin Kristine Opolais, die Wesendonck-Lieder singt und der Gemahl Publikumslieblinge wie den Walkürenritt aus der „Walküre“ und Teile aus der „Götterdämmerung“ sowie Vorspiel und Liebestod aus „Tristan“ folgen lässt.

Und wo bleibt bei so viel scheinbarem Wagner-Übergewicht der Verdi-Part? Der wurde von SHMF-Intendant Rolf Beck zur Chefsache erklärt. Er dirigiert am 9.8. in der Lübecker MuK das „Benefizkonzert des Bundespräsidenten zugunsten der musikalischen Bildung von Kindern“ mit dem Festival-Orchester und -Chor. Mit seinen „Quattro pezzi sacri“, vier geistlichen Chorwerken, kehrte das Opern-Genie Verdi auf seine alten Tage zu seinen Wurzeln als Kirchenmusiker zurück. Das Konzert, mit Rossinis „Stabat mater“ als passender Ergänzung, wird einen Tag später in Rendsburg wiederholt.