Die Klanginstallation mit dem Paukenschlag

"re-rite" verspricht: "Du bist das Orchester!"

Achtung, Wortspiel: Der Neologismus re-rite schlägt die beiden im Englischen gleichtönig summenden Fliegen to write und rite mit einer Klappe. Re-write meint das Überschreiben von Vorhandenem, sei es ein Computerprogramm, eine Geschichte oder gleich das ganze Leben. Rite heißt Ritus, Zeremonie. Im großen Saisonabschluss-Spektakel der Elbphilharmonie Konzerte kommt beides zusammen. Vom 8. bis zum 29. Mai ist jeder Bewohner der Stadt, sind all ihre Gäste eingeladen zum Überschreiben, neu Schreiben einer Zeremonie, genauer: eines Opfers, nämlich des "Frühlingsopfers" von Igor Strawinsky, das im Englischen seltsam beschönigend nur "Rite of Spring" heißt. Das Werk wurde ursprünglich als Ballettmusik komponiert und erlebte am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs Élysées in Paris seine skandalumtobte Uraufführung.

Was bei uns nun pünktlich zum 100. Geburtstag des "Sacre du printemps" landet, hat seinerseits schon ein paar Jahre Aufführungsgeschichte hinter sich. Gleich in seiner ersten Saison als neuer Chefdirigent des Philharmonia Orchestra London im Jahr 2009 schuf Esa-Pekka Salonen mit seinen Musikern mit "re-rite" eine Art begehbare und für jedermann benutzbare Klanginstallation. 29 Filmkameras nahmen während einer Aufführung des "Sacre" das Geschehen im Orchester auf. Manche Kamera war mit Klettband am Kopf eines Instrumentalisten montiert, sodass der Blick des Betrachters zu dem des Orchestermusikers wurde. Das ist die visuelle Komponente; sie soll "Sacre"-Novizen einen ersten und Kennern einen neuen Zugang auf das immens dicht geflochtene Stimmenwerk der Partitur liefern.

Doch natürlich geht es auch um das unmittelbare Erleben von Musik, um Interaktion. So können die Besucher an einem großen Mischpult die Lautstärkenverhältnisse zwischen den Instrumentengruppen beeinflussen, etwa nur die Flöten oder nur die Bassgruppe der Streicher hervorheben und die anderen Stimmen in den Hintergrund drängen. Eine große Trommel lädt zum pünktlichen Draufschlagen ein - den richtigen Einsatz liefert eine projizierte Notenschrift. Und ans Dirigentenpult darf man natürlich auch.

Erkenntnisgewinn selbst für Profis ist verbürgt. Als etwa die an der Aufnahme beteiligten Trompeter des Philharmonia Orchestras durch die "re-rite"-Installation im Bargehouse streiften, einem schick heruntergekommenen Lagerhaus am Südufer der Themse nahe der Tate Modern, in dem sonst Ausstellungen stattfinden, soll einer von ihnen überrascht gerufen haben: "Dass die Bratschen das da spielen, wussten wir gar nicht." Im "Guardian" war daraufhin die sardonische Bemerkung zu lesen, man wisse nicht, über wen diese Mitteilung mehr verrate, ob über die Trompeter oder über die Bratscher des Philharmonia Orchestras.

Ein Education-Projekt bietet den Besuchern in einem umfangreichen Begleitprogramm allerlei weitere Chancen zur Mitwirkung. Instrumentalisten können jederzeit mitspielen - Pulte und Noten sind vorhanden. Zwei reguläre Mitspielkonzerte Seite an Seite mit den Musikern des NDR Sinfonieorchesters sind ebenso geplant wie Familienworkshops. Open-Dance-Workshops für alle großen und kleinen Tänzer ab neun Jahren werden von Mitgliedern des Bundesjugendballetts geleitet.

Ohne eine richtige "Sacre"-Aufführung wäre das Projekt unvollständig. Sie findet am 25. Mai statt, nur wenige Tage vor der exakt 100. Wiederkehr der Uraufführung, und bringt Esa-Pekka Salonen und das Philharmonia Orchestra London auch leibhaftig nach Hamburg in die Laeiszhalle.

"re-rite" selbst soll allen Besuchern die ewige Lieblingskulturbaustelle der Republik näherbringen, die Elbphilharmonie. "Das Parkhaus ist dafür der ideale Ort", sagt Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie und bisher ihr Hausherr Ohneland. Er erlebte die interaktive Ausstellung im Herbst 2011 im Dortmunder U, einem Gebäude, das früher von der Dortmunder Union-Brauerei betrieben und zwischenzeitlich zu einem Kreativzentrum umgewidmet wurde. Auch in Lissabon war "re-rite" schon zu sehen.

Wer mag, kann die Entscheidung für diesen Spielort als Versuch deuten, das zuletzt von Negativschlagzeilen bombardierte Haus in der Bevölkerung wieder etwas beliebter zu machen, selbst wenn es sich beim Parkdeck um einen Nebenschauplatz handelt. Das hat aber auch seine Vorteile: Für den Besuch von "re-rite" braucht es weder Gummistiefel noch Schutzhelm, sonst unerlässlich für eine Baustellenbesichtigung. "Wir bauen einen eigenen Zugang - das Publikum kommt den Bauarbeitern nicht in die Quere", sagt Lieben-Seutter. Und hofft auf jene Zukunft, in der er Esa-Pekka Salonen jenseits des Parkhauses so opulent präsentieren kann, wie die beiden das schon seit Jahren immer wieder neu planen.

"re-rite. Du bist das Orchester!" , 8. bis 29.5., geöffnet So-Mi 10.00-18.00, Do-Sa 10.00-21.00, Baustelle der Elbphilharmonie, Eintritt Erwachsene 5,-, alle bis 18 Jahren 3,-. Do ab 19.00 freier Eintritt (nach Verfügbarkeit), Schulklassen (mit Anmeldung) freier Eintritt

Konzert "Le Sacre du printemps" , Sa, 25.5., 20.00 Laeiszhalle, Karten zu 10,- bis 75,- unter T. 35 76 66 66