Abfalltransporte per Rohrpost

Unterirdisches Netz entsorgt 130 000 Haushalte der Region

Stockholm. Beim Stockholmer Abfallmanagement geht die Post ab, genauer die Rohrpost: Zur Müllabfuhr werden die Reststoffe von 130 000 Haushalten in der Region Stockholm durch Rohrnetze gesaugt, 90 solcher Systeme sind bereits installiert. "In Schweden ist der Arbeitsschutz für Müllwerker ein Hauptargument für die Einführung des Systems", sagt Jonas Törnblom vom Hersteller Envac. Aber auch die Anwohner profitieren. Schließlich wird der Unrat lärm- und geräuschlos abtransportiert.

Die modernen Müllschlucker nehmen die Abfälle entweder an runden, in einer Wand eingelassenen Einfüllstutzen auf, die in Treppenhäusern von Mehrfamilienhäusern installiert sind - zu sehen sind dann nur silberne Klappen im Format von Waschmaschinentüren. Oder die Einfüllstationen stehen im Freien und erinnern dann an kleine Zapfsäulen. Hier sammelt sich zunächst der eingeworfene Abfall. An jeder Einwurfstelle sitzt ein Ventil zur Hauptleitung. Drei verschiedene Techniken lösen wahlweise die Ventile aus: Entweder meldet ein Sensor, dass das Auffanggefäß voll ist, ein Zentralcomputer gibt zu einer bestimmten Tageszeit das Öffnungssignal oder das Andocken eines Müllwagens öffnet die Ventile. Der Abfall fällt dann ins Rohr und tritt seinen Weg zum Sammelpunkt an.

Je nach Situation kommt ein stationäres oder ein mobiles System zum Einsatz: Beim stationären Einsammeln endet das Rohr in einem Container, der zu bestimmten Zeiten per Computersteuerung vollautomatisch gefüllt und in bestimmten Abständen von einem Fahrzeug abgeholt wird. Beim mobilen System dockt ein Müllwagen am Rohrnetz an und saugt den Abfall ab.

Im Rohrnetz wird der Müll durch Unterdruck mit einem Tempo von 60 bis 70 Kilometern pro Stunde zum Sammelpunkt gesaugt. Bei stationären Systemen darf die Distanz zwischen der weitesten Einwurfstelle und der Endstation bis zu zwei Kilometer betragen. Übernimmt ein Fahrzeug das Einsaugen, reduziert sich die maximale Transportstrecke auf 500 Meter. Eine Abfalltrennung ist bei beiden Varianten möglich. Die Eingabeschächte müssen dann entsprechend vervielfacht werden. Durch die gezielte Ansteuerung der einzelnen Ventile werden die Abfallarten dann nacheinander durch die Rohre geschleust.

Die erste Abfall-Rohrpost ging 1961 in Nordschweden zur Entsorgung eines Krankenhauses in Betrieb. Inzwischen gibt es weltweit um die 700 Systeme. Törnblom: "Gerade bei der Planung neuer Stadtteile lässt sich das Rohrsystem leicht integrieren." Dies geschah zum Beispiel im Stockholmer Vorzeige-Stadtteil Hammarby Sjöstad. Dort werden Papier, Bioabfälle und Restmüll getrennt abgesaugt.

Doch noch wird der größte Teil des Stockholmer Abfalls per Müllwagen weggeschafft. Das macht gerade in den engen Altstadtgassen Probleme. Hier landet der Unrat in Säcken, die oftmals mehr als zehn Meter weit herangetragen werden müssen. Dies könnte sich vielleicht bald ändern: "Die Stadt plant, die Abfallentsorgung wie die Abwasserentsorgung zu organisieren", sagt Törnblom. "Sie will die Rohrnetze aufbauen und die Bewohner dann daran anschließen." Bau- und Verkehrsamt wollen den unterirdischen Abfalltransport, aus der Politik seien bislang noch keine Einsprüche gekommen. Törnblom: "Derzeit werden noch juristische Fragen geprüft, aber ich rechne noch in diesem Jahr mit einer positiven Entscheidung."

Auf welchem Weg Hausmüll und Wertstoffe auch zu den Sammelpunkten kommen: Der nun folgende Schritt entscheidet über die Umweltfreundlichkeit des Abfallmanagements, nämlich die Frage, wie das Sammelgut verwertet wird. Ein Viertel des Aufkommens werde recycelt, versichert die Stadtverwaltung. 73,5 Prozent wird verbrannt, um Fernwärme zu gewinnen. 1,5 Prozent des Mülls wird bakteriell abgebaut, separat erfasste Nahrungsmittelabfälle zu Kompost und Biogas verarbeitet.

Die Abfallwirtschaft ist eine von vier Disziplinen, in denen Stockholm Hamburg und die anderen Finalisten um die Umwelthauptstadt-Titel 2010/2011 überflügelte. Auch bei den anfallenden Müllmengen sind die Stockholmer in der ökologischen Spitzengruppe vertreten. Jeder Bürger produzierte im Jahr 2007 im Durchschnitt 409 Kilogramm Abfall (inklusive Wertstoffe wie Glas, Papier, Kunststoffe). In Hamburg liegt der Pro-Kopf-Wert bei 462 Kilo (2008) - und wird noch per Müllwagen abgefahren.