Quergedacht

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mit Johann Hinrich Claussen über kleine Schätze, die man bei der Auflösung des Elternhauses findet

Das Haus der eigenen Eltern aufzulösen, ist eine schwere Pflicht. Aufwühlend und anstrengend für Körper, Seele und Geist, aber auch lohnend. Manchmal aber entdeckt man bei diesem letzten Liebesdienst einen verborgenen Schatz. So erging es mir, als ich den Dachboden im Haus meiner verstorbenen Eltern leerräumte. In einer der vielen, seit Jahrzehnten ungeöffneten, im Dunkeln verstaubenden Kisten fand ich drei große Aktenordner. Darin waren Zeitungsartikel abgeheftet, die meine Mutter in den 60er Jahren geschrieben hatte. Große, ausführlich recherchierte und schön platzierte Arbeiten - vor allem für die "Welt" und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Davon hatte ich gar nichts gewusst. Sie muss als junge Mutter von vier Kindern intensiv gearbeitet haben, ohne dass es uns in Erinnerung geblieben wäre.

Als Familienarchivar sichtete ich diese Funde. Und las mich fest. Zum Beispiel in einen ganzseitigen Artikel in der Wochenendbeilage der "Frankfurter Allgemeinen" vom 17. Oktober 1964.

Darin berichtet sie von einer erstaunlichen pädagogischen Neuerung in Hamburg. In den Alsterdorfer Anstalten, der heutigen evangelischen Stiftung Alsterdorf, sowie in anderen Einrichtungen begann man damit, auch Kindern mit geistigen Behinderungen Schulunterricht zu erteilen. Bisher waren sie, anders als ihre Altersgenossen mit körperlichen Behinderungen, nach den üblichen Untersuchungen "ausgeschult" worden. Jetzt aber fing man an, in ihnen Kinder zu sehen, zu deren Menschenwürde es gehört, dass sie zur Schule gehen dürfen. Das muss eine ungeheure Umstellung gewesen sein. So lang war es ja nicht her, dass Eltern Kinder mit Handicap vor dem Staat verstecken mussten.

Als ich diesen Artikel zu Ende gelesen hatte, war ich stolz auf meine Heimstadt Hamburg, die hier eine Vorreiterrolle gespielt zu haben scheint, und natürlich auch auf meine Mutter, weil sie dieses wichtige Thema so gut in die Öffentlichkeit getragen hatte. Ich selbst habe dabei auch einen Beitrag geleitet, weil ich sie - als damals dreimonatiger Säugling - bei dieser Arbeit offenkundig nicht gestört habe. Ich muss schon damals sehr brav gewesen sein.