Arbeitgeber: Was Firmen attraktiv macht

"Wie begehrt bin ich?"

Lesedauer: 6 Minuten

Beim Wettbewerb um neue Mitarbeiter können Unternehmen durch gelebte Werte und gutes Arbeitsklima punkten.

Abendblatt:

Herr Prof. Sarges, der Wettbewerb "Hamburgs beste Arbeitgeber" findet bereits zum zweiten Mal statt. Was hat sich verändert?

Werner Sarges:

Es gibt kaum Unterschiede zum ersten Wettbewerb. Wir haben festgestellt, dass einige Firmen nur alle zwei Jahre teilnehmen möchten, um die Zielvereinbarungen in der Zwischenzeit abzuarbeiten. Das zeigt aber auch die Ernsthaftigkeit, mit der die Firmen arbeiten. Einen Unterschied gibt es allerdings doch: Diesmal haben viel mehr Firmen mitgemacht, die nicht immer mutig und ganz davon überzeugt sind, die Macher zu sein, die aber dafür andere Stärken haben und diese auch in die Waagschale werfen können. Diese Ausweitung auf weitere und andere Firmenpersönlichkeiten hat uns sehr gefreut.

Abendblatt:

Weshalb gibt es in diesem Jahr ein Sterne-Ranking statt wie im vergangenen die Plätze von eins bis zehn?

Sarges:

Das Sterne-Ranking hat den Vorteil, dass man auf diese Weise nur drei Kategorien hat, gegenüber zehn oder mehr Rangplätzen, die eine Messgenauigkeit im Ranking vermuten lassen, die man bei derartigen Umfragen jedoch nicht wirklich erzielen kann.

Abendblatt:

Worin liegt die Chance des Wettbewerbs?

Sarges:

Es gibt gerade jetzt auch ernst zu nehmende eigentümergeführte und Familien-Unternehmen, die ihren Betrieb ausbauen. Der Wettbewerb ist eine Chance vor allem für die kleinen Unternehmen und die noch etwas unbekannten Firmen, an hoch qualifizierte Mitarbeiter zu kommen. Gleichwohl ziehen natürlich auch etablierte und große Unternehmen ihren Nutzen aus dem Vergleich mit anderen Firmen der Region und dem Wettbewerb.

Abendblatt:

Worin liegt der Vorteil Ihrer wissenschaftlichen Methode gegenüber anderen Bewertungsmethoden?

Sarges:

Wir können beliebig große oder auch kleine Unternehmen messen. So hat das größte teilnehmende Unternehmen 1800, das kleinste 25 Mitarbeiter. Im Gegensatz zu anderen Wettbewerben ermöglicht unsere Methode gerade die Messung kleiner sowie großer Firmen. Außerdem benötigt das Ausfüllen des Fragebogens bei der Mitarbeiterbefragung nur etwa zehn Minuten Zeit in den Unternehmen und bringt zugleich ein valides und wissenschaftlich fundiertes Ergebnis hervor.

Abendblatt:

Was ist das Besondere an Ihrem Ansatz?

Sarges:

Wir legen - anders als das bei anderen Wettbewerben der Fall ist - Wert darauf, dass beide Gruppen, die Mitarbeiter wie die Führungskräfte, gleichberechtigt gesehen und befragt werden. Die Aussagen beider Gruppen fließen in das Ergebnis ein und zeigen uns auch mögliche positive oder negative Unterschiede.

Abendblatt:

Wie kommen Sie zu einem Ranking?

Sarges:

Wenn beide Gruppen, Mitarbeiter und Management in der Beantwortung einer Frage übereinstimmen, so ist das ein Gütefaktor. Der Grad der Übereinstimmung war also für das Ranking von großer Bedeutung. Das ist es natürlich nicht allein. Wichtig ist außerdem die Ausprägung der Mittelwerte der Messwerte beider Gruppen sowie die Homogenität oder auch Heterogenität dieser Messwerte.

Abendblatt:

Was ist der Kern Ihres Untersuchungsansatzes?

Sarges:

Wir beschreiben das Unternehmen, als wäre es ein Mensch, eine Person mit spezifischen Charaktermerkmalen. Uns geht es um die Persönlichkeit des Unternehmens, um seine Unternehmenskultur und das Qualitätsmanagement (EFQM). Wir haben Werte wie Kommunikation, Förderung, Orientierung und Unternehmenskultur bewertet, alles wichtige Kriterien für den Bewerber bei der Bevorzugung eines Arbeitgebers, die er jedoch in einem Vorstellungsgespräch allein nicht feststellen kann.

Abendblatt:

Wie gewinnen Sie einen tieferen Einblick in die Firmen?

Sarges:

Wir machen bei den ersten sechs Unternehmen Audits und besuchen die Firmen vor Ort. Dort überprüfen wir die Ergebnisse der Befragung.

Abendblatt:

Weshalb heißt der Wettbewerb Hamburgs beste Arbeitgeber und nicht Hamburgs bester Arbeitgeber?

Sarges:

Wir definieren nicht was eine gute Firma ist. Es gibt bei uns eben nicht den einen guten Arbeitgeber. Wir schauen, wie heterogen ist das Bild in dem Unternehmen. Wenn ein Unternehmen von seinen Mitarbeitern sehr homogen wahrgenommen wird, bedeutet das, viele wissen, wie dort der Hase läuft. Das bietet wiederum Bewerbern eine gute Orientierung

Abendblatt:

Was ist denn ein guter Arbeitgeber?

Sarges:

Das hängt von dem persönlichen Geschmack des Bewerbers ab, ob dieser beispielsweise enge Rahmenbedingungen mehr schätzt oder mehr Freiräume bevorzugt. Gemeinsam ist guten Arbeitgebern aber ein hoher Wert in der EQM, also bei der Firmenkultur. Diese ist von Offenheit gekennzeichnet, von gegenseitigem Vertrauen. Probleme werden besprochen und nicht unter den Teppich gekehrt. Verkürzt kann man sagen, bei guten Unternehmen werden für Probleme Lösungen gesucht und nicht Schuldige.

Abendblatt:

Gab es für Sie Überraschendes in den Ergebnissen?

Sarges:

Fast 50 Prozent der Firmen haben die Persönlichkeit der einfühlenden Kontaktperson. Im Vorjahr trafen diesen Typus nur 11 Prozent. Neu ist dagegen in diesem Jahr die verlässliche Gestaltende mit immerhin 24 Prozent an zweiter Position. Das zeigt ein anderes Bild als im ersten Wettbewerb.

Abendblatt:

Was ziehen Sie daraus für Schlüsse?

Sarges:

Vor allem den, dass jetzt vermehrt auch Firmen an den Start in unserem Wettbewerb gehen, die wissen, dass sie etwas für Mitarbeiter zu bieten haben, dieses aber nicht immer allzu lautstark nach außen kehren möchten.

Abendblatt:

Welches Ziel verfolgen die Unternehmen mit ihrer Teilnahme?

Sarges:

Viele legen Wert auf das Gütesiegel. Andere möchten die Stimmung in der Belegschaft professionell messen lassen und anhand der wissenschaftlichen Methode etwas dazulernen. Einige Unternehmen berichten, dass sie nach dem ersten Wettbewerb mehr Auswahl an Bewerbern und zugleich eine qualitativ bessere Auswahl hatten. Wichtig ist vielen auch, Impulse für die eigene Entwicklungsarbeit im Unternehmen zu erhalten.

Abendblatt:

Wie bewerten Sie die Teilnahme der Firmen insgesamt?

Sarges:

Mit 35 Firmen ist das eine sehr gute Quote trotz Krise, denn man muss alles vor dem Hintergrund der größten Krise seit den 30er-Jahren sehen.

( Interview: Manuela Keil )