Museum für Völkerkunde

Ein wiedergewonnener Mythos

Wie die Ethnologin Antje Kelm in Papua-Neuguinea die Bedeutung von Hamburger Museumsstücken erforscht - und die Einheimischen dazu anregt, die eigene Kultur und Geschichte zu ergründen.

Es ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Seit 2004 hat Dr. Antje Kelm, die frühere Südsee-Kuratorin des Museums für Völkerkunde, Kontakt zu dem traditionellen Heiler John Sakle und seinem Sohn William vom Stamm der Sulka. Jedes Jahr fährt sie mindestens einmal nach Neubritannien, einer Insel, die zu Papua-Neuguinea gehört, und trifft dort Angehörige der Ethnien, von denen das Haus an der Rothenbaumchaussee Artefakte besitzt.

Finanziell unterstützt werden diese Forschungsreisen von der Edmund-Siemers-Stiftung und der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung. Ein großer Teil der Museumsstücke kam schon vor mehr als 100 Jahren nach Hamburg, als die Forscher der berühmten Hamburger Südsee-Expedition das damalige Deutsch-Neuguinea bereisten und dort Masken und andere kultische Gegenstände erwarben.

Für die Ethnien in Melanesien sind Masken rituelle Gebrauchsgegenstände, die entsorgt oder verbrannt werden, wenn die Zeremonie vorüber ist und sie ihre kultische Funktion verloren haben. Aus diesem Grund besitzt das Völkerkundemuseum zahlreiche Zeugnisse der kulturellen Vergangenheit der Völker in Neubritannien, die vor Ort nicht erhalten geblieben sind. Immer wieder hat Dr. Kelm John und William Sakle Fotos von Sulka-Masken gezeigt, die deren Vorfahren vor mehr als 100 Jahren gebaut haben.

Oft waren die beiden Sulka fasziniert von den künstlerischen Formen und Gestaltungen, die sie auf den Fotos sahen und deren Bedeutung teilweise längst nicht mehr bekannt ist. Der hoch betagte John Sakle kann sich an alte Mythen erinnern, kennt noch die Bedeutung vieler Zeichen und Symbole, doch jetzt treibt ihn die Sorge, dass dieses Wissen mit seinem Tod für immer verloren gehen könnte. Daher sind er und sein Sohn seit Jahren dabei, Dr. Kelm bei ihren Forschungen zu unterstützen.

"Die Globalisierung trifft auch die Ethnien in einem aus unserer Sicht so abgelegenen Gebiet wie Papua-Neuguinea. Die Gesellschaften verändern sich, passen sich nach und nach dem modernen Leben an und geben dabei oft Traditionen auf, manchmal aus ganz praktischen Gründen", erzählt Dr. Kelm, die bei ihren Besuchen erfahren hat, dass manchen Sulka-Künstlern, die sich ihren Lebensunterhalt inzwischen in der Landwirtschaft verdienen, schlicht die Zeit fehlt, aufwendige Masken auf traditionelle Weise herzustellen.Andererseits führt gerade das veränderte Leben unter den Bedingungen der Globalisierung dazu, dass sich viele Einheimische wieder stärker für ihr kulturelles Erbe interessieren. Wie haben unsere Vorfahren die Entstehung der Welt erklärt? Woher kommt unser Stamm, unser Clan? Wie greifen die Ahnen in unser Leben ein? Die Frage nach den Stammestraditionen ist für die Angehörigen der Sulka zunehmend auch zu einer Frage der kulturellen Identität geworden. Vor zwei Jahren hat William Sakle, der mit traditionellem Namen Lalu heißt, Dr. Kelm in seinen Letun-Clan aufgenommen, ein enormer Vertrauensbeweis, aber auch ein Zeichen der Wertschätzung. Seither ist Lalu auch ihr Clan-Bruder, was für die deutsche Ethnologin durchaus auch mit materiellen Verpflichtungen verbunden ist. Andererseits hat Lalu, wie sein Vater John, die Erforschung der eigenen Geschichte zu einem Projekt gemacht, dem er sich inzwischen mit professionellen ethnologischen Methoden widmet.

So fanden sie im letzten Jahr alte Menschen, von denen sie sich den Ursprungsmythos des Letun-Clans erzählen ließen, ihn später schriftlich aufnahmen und Dr. Kelm übergaben. Es ist die Geschichte eines Fisches, der ein Menschenkind gebar, das zu einem schönen Mädchen heranwuchs. Ein Mann aus dem Kaimun-Clan beobachtete die junge Frau am Strand, verliebte sich in sie und nahm sie als Gattin mit in sein Dorf. Dort nannte man sie Letun, die Nachfahren der beiden bilden den Letun-Clan.

Als Dr. Kelm im Juli dieses Jahres gemeinsam mit einer Gruppe aus Hamburg bei den Sulka zu Gast war, tanzten dort zwei Masken, die William Sakle eigens für dieses Fest gestaltet hat. Sie verkörpern die beiden Ahnen des Letun-Clans - nach dem Mythos, den die Sulka durch eigene Forschungsarbeit jetzt wiedergewonnen haben.