Karmann: Ein Rundgang durch die Automobilgeschichte

Vom Ghia bis zum "Erdbeerkörbchen"

Hinter den Mauern des insolventen Karmann-Werkes schlummert ein automobiler Schatz. Seine Zukunft entscheidet sich in den nächsten Wochen.

Osnabrück. Einträchtig stehen sie beieinander, 130 Ikonen aus mehr als 100 Jahren Automobilgeschichte: Porsche 356, BMW 2000 Coupé, Käfer Cabrio, Mercedes SLK, Jaguar XJS Cabrio. Und dann die rollende Legende von Karmann - der Ghia. Sie alle hat der Osnabrücker Autohersteller entweder entworfen oder gebaut, sie alle funkeln in Karmanns Werksmuseum.

Perfektion sagte man den Konstruktionen stets nach. Die technisch anspruchsvollen Dachsysteme des Spezialisten für offene Traumautos begeisterten Kunden ebenso wie Auftraggeber durch höchste Qualität, Zuverlässigkeit und gediegene Technik.

Namhafte Autohersteller ließen bei Karmann in Osnabrück und im nahe gelegenen Rheine ihre Cabriolets, Coupés und Sportwagen konstruieren und fertigen. 3,3 Millionen Autos verließen die Fließbänder seit 1949. Doch nur eines hieß so wie der Firmengründer: der Karmann Ghia. "Weil er so berühmt ist, vergessen viele, dass das Auto eigentlich ein VW war", erzählt Jörg Steuernagel, Direktor des Karmann Design-Studios. Beginnend im Jahr 1955 hielten Autofans den Atem an, wenn der stromlinienförmige Sportwagen mit der Stupsnase durch das Wirtschaftswunderland brauste. Unterm Heckdeckel brummte die Technik des Käfers. Das führte allerdings dazu, dass der Ghia mit seinen 54 PS in der kräftigsten Variante nie schneller als Tempo 145 lief. Die Amerikaner flogen trotzdem auf das schnelle Design "made in Germany". Und Miss Germany freute sich 1959 über ihr schneeweißes Ghia Cabriolet. "Sekretärinnen-Porsche" spotteten die Kritiker, doch etliche der 445 000 gebauten Coupés und Cabrios (bis 1971) werden noch heute von ihren Besitzern liebevoll gehegt.

Natürlich steht der elfenbeinfarbene Prototyp von 1953 auf einem Podest am Eingang der 1500-Quadratmeter-Ausstellung. Diesen Entwurf des Turiner Designbüros Ghia (ausgesprochen "Gia") hatte der legendäre Volkswagen-Chef Heinrich Nordhoff bei einem Besuch in der Osnabrücker Zentrale zu Gesicht bekommen. Und zusammen mit Wilhelm Karmann spontan entschlossen: "Den bauen wir!". Eine ganze Ahnenreihe des Ghia dokumentiert heute in der Autosammlung den Reifeprozess des anfangs 7500 Mark teuren Volks-Sportwagens. Darunter auch der "große" Ghia mit neuer Nase und Platz für Vier. Und auch das bis heute heiß geliebte Käfer Cabrio lief in einer unvergleichlichen Erfolgsstory von den Bändern in Osnabrück: 331 000 Exemplare von 1949 bis 1980.

Doch längst hatte die "Generation Golf" auch hier Einzug gehalten: Dank der Nähe zu Volkswagen gestalteten und fertigten die Osnabrücker fast alle Cabriolets und Coupés aus Wolfsburg: Angefangen mit dem legendären Ghia-Nachfolger Scirocco (1974-1992), mit fast 800 000 Exemplaren das erfolgreichste Modell "made by Karmann". Dann kam der kantige, weniger erfolgreiche VW Porsche (1969 bis 1975). Weiter ging es mit dem Golf Cabrio (1981-1992), das wegen des Überrollbügels liebevoll "Erdbeerkörbchen" genannt wurde und mit 388 000 Einheiten zum damals meistgebauten Cabrio der Welt aufstieg. Es folgte der schnelle Sportwagen VW Corrado und die zweite Golf-Cabrio-Generation (1998-2001). Auch Audi baute auf das Know-how aus dem Niedersächsischen mit dem eleganten A4 Cabrio (1997-2000).

"Einen ganz besonderen Auftrag bekamen wir von Mercedes - mit einer außergewöhnlichen Geschichte", erzählt Designer Steuernagel. "Wir sollten 1993 innerhalb weniger Monate eine Flügeltürer-Studie vom 300 SL auf die Beine stellen, was wir auch geschafft haben." Der Lohn der Mühe: Karmann bekam den Auftrag, den ersten Metallklappdach-Roadster zu entwickeln - den Mercedes SLK. Die geniale, von Karmann patentierte Konstruktion macht es möglich, dass sich der Zweisitzer auf Knopfdruck von einem Coupé in ein Cabrio verwandeln kann. Bis heute bauen die Osnabrücker die Dachkonstruktion für den erfolgreichen SLK, der bei Mercedes in Bremen gefertigt wird.

Auch das erste offene Gefährt aus dem Hause Karmann zeigt die Ausstellung: eine hölzerne Pferdekutsche von 1901. Schon ein Jahr später verließ das erste motorisierte Cabriolet die kleine Fabrik: eine Karosserie für den Bielefelder Autobauer Dürkopp. Wie 30 andere fahrbereite Autos der Sammlung startet auch ein rot-weißes Adler-Cabrio regelmäßig bei Oldtimer-Rallyes. Ford ließ schon früh in Osnabrück fertigen, etwa den Taunus Kombi in den 50ern oder das Escort Cabrio (1983-1997) und das Rallyeauto RS Cosworth. Für BMW baute man die legendären CS-Coupés in den 60er und 70er Jahren sowie die 6er Reihe. Bis zuletzt setzte Mercedes auf die Karmänner: Am 22. Juni 2009 verließ das letzte von insgesamt 225 000 CLK-Cabrios die Werkshallen. Seitdem stehen die Fließbänder des insolventen Autokonstrukteurs still.

Auch die Karmann-Raritäten sind momentan nicht zugänglich, doch das dürfte sich wieder ändern. Neben der Karmann-Stiftung hat der Osnabrücker Unternehmer und RWE-Chef Jürgen Großmann Interesse angemeldet. Aber wahrscheinlich kommt VW zum Zuge, das Teile des Betriebes übernehmen und ab 2011 in Osnabrück wieder Fahrzeuge produzieren will - wohl das neue Golf Cabrio und einen Roadster. Dem Abendblatt sagte VW-Sprecher Christoph Adomat: "Auch die Sammlung ist Gegenstand der aktuellen Verhandlungen." Unklar ist nur, wie viel sich die Wolfsburger diese kosten lassen.