Gesundheit

Beruf, Familie, Corona: Warum Dauerstress so gefährlich ist

| Lesedauer: 6 Minuten
Annika Bingger und Kai Wiedermann
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Immer mehr Menschen klagen über Dauerstress. Die Pandemie hat die Situation verschärft. Das hat Folgen, nicht nur für die Psyche.

Berlin. Durch Beruf, Ausbildung oder Studium, durch Konflikte mit Freunden und der Familie oder die ständige Erreichbarkeit: 26 Prozent der Erwachsenen in Deutschland fühlen sich häufig gestresst. Das ist das Ergebnis der Studie „Entspann dich, Deutschland!“ der Techniker Krankenkasse (TK), die am Mittwoch vorgestellt worden ist. Auf die Frage, ob ihr Leben seit Beginn der Corona-Pandemie stressiger geworden ist, antwortet fast jeder zweite Befragte über 18 mit Ja.

„Der subjektiv empfundene Stress hat in den vergangenen Jahren noch mal signifikant zugenommen“, sagt TK-Vorsitzender Jens Baas. Im Vergleich zur ersten Erhebung vor acht Jahren sei bei der Zahl der häufig Gestressten ein Zuwachs um 30 Prozent zu verzeichnen. Familien mit Kindern im Haushalt fühlten sich dabei in Zeiten der Pandemie deutlich stärker belastet (60 Prozent) als Haushalte ohne Kinder (43 Prozent).

Pandemie beeinflusst die Auslöser von Stress

„Bei den Stressauslösern ist ein deutlicher Einfluss der Corona-Pandemie zu erkennen“, sagt Professor Bertolt Meyer von der TU Chemnitz, der die Daten ausgewertet hat. Die Sorge um erkrankte Angehörige habe bei den vorherigen Befragungen kaum eine Rolle gespielt. „Jetzt ist sie auf Platz drei der häufigsten Stressgründe“, so Meyer.

Dauerstress ist ein Problem, weil sich ein durchdachter Ansatz der Natur in sein Gegenteil verkehrt. „Stress ist ein System, das unser Überleben sichert“, sagt Guy Bodenmann, Professor für Klinische Psychologie der Universität Zürich. Stress sei eine körperliche Reaktion auf äußere Reize, um sich auf Anforderungen der Umwelt vorzubereiten. „Aus evolutionärer Sicht betrachtet wären wir ohne dieses System nicht hier.“

Bodenmann zufolge werden bei Gefahr im Körper die Hormone Adrenalin und Noradrenalin ausgestoßen, um den Mensch auf die Abwehr der Gefahr vorzubereiten. „Etwas verzögert wird Cortisol freigesetzt, um dem Körper bei andauerndem Stress Energie zuzuführen.“

Stress aktiviere das Herz-Kreislauf-System, Blutdruck und Herzschlag stiegen und die Atemfrequenz erhöhe sich. „Im Kopf wird die Bedeutung der Situation zunächst evaluiert und dann entschieden, ob man die Situation bewältigen kann“, sagt Bodenmann. Stress sei deshalb immer situativ und subjektiv. Lesen Sie auch:

Stress: Digitalisierung und neue Medien verstärken den Trend

„Auch wenn zwei Menschen denselben Umständen ausgeliefert sind und objektiv gesehen demselben Stressreiz unterliegen, können beide eine gegenteilige Stressreaktion haben“, sagt Robert Willi, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit eigener Praxis in München. Heute verstehe man unter Stress vor allem den psychologischen Stress.

Und dieser habe sich massiv geändert: „Wir sind eigentlich dafür geschaffen, um auf akute Stressreize zu reagieren, nicht aber auf einen dauerhaften Stress, wie wir ihn heute kennen“, sagt Willi. Der westliche Lebensstil, flexible Arbeitszeiten sowie Digitalisierung und neue Medien verstärkten diese Art von Stress. „Das Problem ist, dass uns nicht einmalig eine Gefahr bedroht, sondern dass oftmals ein Dauerstressor vorhanden ist.“ Auch interessant: Führen Instagram und Co. zu psychischen Problemen?

Lang anhaltender, chronischer Stress wird in der Psychologie als Distress bezeichnet: „Das ist der Stress, der in einem nachhallt, der einen nicht mehr loslässt. Man grübelt noch stundenlang nach, warum etwas so abgelaufen ist oder warum man so reagiert hat“, sagt Guy Bodenmann. „Dieser Stress geht häufig mit spezifischen Emotionen wie Enttäuschung, Traurigkeit, Angst, aber auch Hilflosigkeit oder Bitterkeit einher und führt zu Schlafstörungen, Verdauungsproblemen oder Herzerkrankungen.“ Dabei ist vor allem der chronische Mikrostress gesundheitsschädigend, also der immer wiederkehrende Stress, der vor allem durch kleinere Stressoren ausgelöst wird, zum Beispiel Lärm beim Nachbarn, Streitereien oder ein kaputtes Auto.

Studie: Mehr als jeder Zweite hat Schlafstörungen

Laut Stressstudie der TK leidet ein Großteil der häufig Gestressten unter körperlichen und psychischen Problemen: Erschöpfung (80 Prozent), Schlafstörungen (52 Prozent), Kopfschmerzen und Migräne (40 Prozent) oder Niedergeschlagenheit beziehungsweise Depressionen (34 Prozent). Bei den selten Gestressten sind es deutlich weniger (Erschöpfung 13 Prozent; Schlafstörungen 28 Prozent; Kopfschmerzen und Migräne 13 Prozent; Depressionen 7 Prozent).

Positiver Stress hingegen, genannt Eustress, hilft den Nutzen, Situationen erfolgreich zu meistern. „Das kennt man auch in privaten Zusammenhängen, etwa kurz vor einer wichtigen Prüfung, der Hochzeit oder dem ersten Kuss“, sagt Robert Willi. Körperlich habe man dabei die gleiche Stressreaktion, das Entscheidende aber sei, dass sie nur sehr kurz anhalte. „Wenn der Stress nicht über mehrere Monate bestehen bleibt, kann er förderlich für die Leistung sein“, sagt auch Stressforscherin Professorin Birgit Derntl vom Uniklinikum Tübingen.

Therapie: Stress verändern durch Neubewertung und Anpassung

Situationen nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderungen wahrzunehmen und die innere Haltung zu verändern, kann den Experten zufolge Stress reduzieren. „Wenn zum Beispiel eine Prüfung ansteht, sollte man sich nicht vor Augen führen, was schiefgehen kann, sondern vielmehr wie viele Prüfungen man bereits geschafft hat“, sagt Willi. Auch Ziele anzupassen und sich von inneren Zwängen zu lösen, könne Stress reduzieren. Lesen Sie auch: Warum manche Menschen alles vor sich herschieben

Studien zeigen, dass sich negativer Stress durch adaptive Reaktion und kognitive Neubewertung in positiven Stress verwandeln kann. Die individuelle Einstellung und der Blickwinkel auf die Situation bestimmten maßgeblich mit, wie sehr Menschen sich von alltäglichen Dingen stressen ließen. In manchen Fällen, rät Birgit Derntl, helfe nur Akzeptanz: „Manche Sachen, die man nicht ändern kann, muss man einfach hinnehmen. Sich selbst zum Beispiel.“

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