Corona

Stiko erneuert Impfempfehlung für Schwangere und Stillende

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Kai Wiedermann
Stiko empfiehlt Corona-Impfung für Schwangere

Stiko empfiehlt Corona-Impfung für Schwangere

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Corona-Impfung für alle Schwangeren ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und Stillende. Bisher hatte die Stiko die generelle Impfung in der Schwangerschaft nicht empfohlen.

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Schwangere und Stillende sollen sich impfen lassen. Das empfiehlt die Stiko. Auch für Frauen mit Kinderwunsch hat sie einen Rat.

Berlin. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat am Freitag eine überarbeitete Impfempfehlung für Schwangere und Stillende vorgelegt. Sie ist ergänzt um einen allgemeinen Hinweis zu Frauen mit Kinderwunsch. Die Stiko empfiehlt nun eine Immunisierung gegen Covid-19 ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft mit zwei Dosen eines . Der Beschlussentwurf muss nun noch mit den Bundesländern und den beteiligten Fachkreisen abgestimmt werden. Jedes Jahr gibt es in Deutschland zwischen 700.000 und 800.000 Schwangerschaften.

Wie war die Situation für Schwangere vor der Anpassung?

Bisher galt die Empfehlung der Stiko nur für Schwangere mit Vorerkrankung oder mit einem durch Beruf und Umfeld erhöhten Infektionsrisiko. Nach Angaben von Stiko und der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) hatte dies zwei Folgen: Schwangere seien erstens verunsichert gewesen und hätten zweitens generell einen schlechteren Zugang zu Impfungen bekommen.

Warum hat die Stiko die Empfehlung geändert?

Grund ist eine Abwägung von Nutzen und Risiken nach Auswertung wissenschaftlicher Daten aus dem In- und Ausland. Die Studien betrachteten die von einer Infektion ausgehenden Gefahren für Schwangere sowie die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe. „Die Schwangerschaft an sich bedeutet einen Risikofaktor für einen schwereren Verlauf im Fall einer Infektion“, sagt Marianne Röbl-Mathieu, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in München und Mitglied der Stiko.

Das Risiko für einen schweren Verlauf sei um zehn Prozent höher als für nicht schwangere Frauen gleichen Alters. Das Risiko für eine durch Covid-19 verursachte Einweisung in die Intensivstation sei um vier Prozent erhöht. Darüber hinaus gebe es im Falle einer Infektion ein Risiko für einen durch Komplikationen verursachten Abbruch der Schwangerschaft.

Für unerwartete und schwere Impfkomplikationen habe es keine Hinweise gegeben, so Röbl-Ma­thieu. Die Impfreaktionen seien normal ausgefallen. Auch für eine durch die Impfung ausgelöste mögliche Gefahr einer Frühgeburt gebe es keinen Nachweis.

„Bei der Beurteilung einer Impfung in der Schwangerschaft sind immer zwei Leben zu betrachten, das der Mutter und das des Kindes“, sagt Stiko-Mitglied Christian Bogdan, Direktor des Instituts für klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene am Uniklinikum Erlangen. Da es in der Schwangerschaft zu komplexen Veränderungen im Immunsystem komme, habe die Kommission hier mit besonderer Sorgfalt abwägen müssen. Denn insgesamt sei das von Covid-19 ausgehende Risiko für Frauen im gebärfähigen Alter nicht so groß wie das etwa für ältere Menschen.

Wie groß ist der Nutzen der Impfung?

Die Wirksamkeitsdaten für Schwangere sind fast identisch mit denen für die übrige Bevölkerung. Das Risiko, sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren, sank für vollständig mit einem Vakzin von Biontech/Pfizer oder Moderna geimpfte Schwangere um 90 Prozent.

Darüber hinaus schützen Schwangere durch eine Impfung auch das ungeborene Kind. Die Antikörper gegen Covid-19 würden über die Plazenta – und nach der Geburt auch über die Muttermilch – weitergegeben. Der sogenannte Nestschutz hält nach Angaben der DGPM voraussichtlich mindestens ein halbes Jahr.

„Eine Infektion von Neugeborenen ist sehr, sehr selten. Durch die Impfung der Mutter aber können sie in einer sehr empfindlichen Phase profitieren“, sagt DGPM-Vorstand Professor Mario Rüdiger, Leiter des Fachbereichs Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am Uniklinikum in Dresden.

Wann sollten sich Schwangere impfen lassen?

Die Empfehlung gilt für die Phase ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft. Für die Zeit davor gebe es zu wenige Daten. „Das ist der Hauptaspekt“, sagt Christian Bogdan. Darüber hinaus sei das erste Drittel der Schwangerschaft eine Phase, in der das Immunsystem sehr aktiv sei. Eine Impfreaktion bei der Mutter, etwa mit Fieber, könnte ein Faktor sein für eine Fehlgeburt.

Bogdan betont in diesem Zusammenhang die ausdrückliche Empfehlung für alle Frauen, die mit dem Gedanken spielen, ein Kind zu bekommen, sich bereits vor der Schwangerschaft gegen Covid-19 impfen zu lassen. „Denn dann besteht der Schutz für den Zeitraum der gesamten Schwangerschaft.“

Warum sollten sich Schwangere oder Stillende mit einem mRNA-Impfstoff impfen lassen?

„Es gibt die generelle Empfehlung der Stiko, dass sich nur Menschen über 60 mit einem Vektorimpfstoff (etwa von Astrazeneca oder Johnson & Johnson, Anm. d. Redaktion) impfen lassen sollen“, sagt Marianne Röbl-Mathieu. Darüber hinaus gebe es fast ausschließlich zu mRNA-Impfungen in der Schwangerschaft aussagekräftige wissenschaftliche Daten.

Wie beurteilen die Fachgesellschaften die neue Empfehlung?

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) hat schon vor Wochen gemeinsam mit anderen Fachverbänden wie der DGPM eine Covid-19-Impfung für Schwangere empfohlen. „Wir begrüßen die aktuelle Stiko-Empfehlung. Sie wurde gewissenhaft ausgearbeitet“, sagt Mario Rüdiger. Die Nachfrage, aber auch die Verunsicherung bei Schwangeren sei hoch gewesen. Nun geht Rüdiger davon aus, dass sich noch mehr schwangere Frauen impfen lassen werden.

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