Gastbeitrag

Wissenschaft und Politik im dauerhaften Krisen-Modus

Die Wissenschaftssoziologin Prof. Dr. Simone Rödder.

Die Wissenschaftssoziologin Prof. Dr. Simone Rödder.

Foto: Ha / Mark Sandten

Neues aus der Klimaforschung: Warum Fachleute während der Corona-Pandemie auch ohne Lobbyarbeit bei Verantwortlichen Gehör finden.

Hamburg. Während der Coronavirus-Pandemie ist die Wissenschaft gefragt. Keine politische Entscheidung wird ohne die Einschätzung von Epidemiologen und Virologinnen getroffen. Manch einer reibt sich verdutzt die Augen. Warum finden Expertinnen nicht auch bei anderen Themen so viel Gehör? Denn obwohl die Klimaforschung seit Jahrzehnten darauf hinweist, dass vom Menschen verursachte Treibhausgase das Leben und Überleben von Mensch und Natur beeinflussen, sind bislang keine nennenswerten Kohlendioxid-Einsparungen zu beobachten. Im Gegenteil, in den vergangenen 25 Jahren hat der globale Ausstoß deutlich zugenommen.

Was sagt das über das Verhältnis von Wissenschaft und Politik aus? Als Wissenschaftssoziologin gehe ich am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg solchen Fragen nach. Insbesondere untersuche ich, welche Rolle wissenschaftliches Wissen in politischen Entscheidungen und öffentlichen Debatten spielt. Dabei arbeite ich mit einem soziologischen Modell, das die Gesellschaft je nach Funktion in verschiedene Bereiche unterteilt. Ein Bereich ist die Politik, ihre Aufgabe ist es, für alle bindende Entscheidungen zu treffen. Die Massenmedien sorgen qua Öffentlichkeit für eine gemeinsam geteilte Hintergrundrealität angesichts dieses differenzierten Gesellschaftszustands. Die Wissenschaft schließlich gewinnt neue Erkenntnisse und ist der anerkannte Faktenlieferant unserer Zeit. Dies gilt, obwohl ihr Wissen gerade bei neuen und politiknahen Themen unsicher und der Sachstand wie im Corona-Fall unter den Forschenden anhaltend und kontrovers diskutiert wird.

Ohne Geld aus der Wirtschaft keine Wissenschaft und Politik

Alle Bereiche sind dabei aufeinander angewiesen. Vereinfacht gesagt, gäbe es ohne das Geld aus der Wirtschaft keine Wissenschaft und Politik, ohne die Entscheidungen der Politik keine Wirtschaft und keine Wissenschaft und ohne Ereignisse in allen gesellschaftlichen Bereichen keine Nachrichten für die Medien. Hinzu kommen Differenzen innerhalb der einzelnen Bereiche: „Die“ Wissenschaft oder „die“ Wirtschaft gibt es nicht. Nicht einmal innerhalb der einzelnen Disziplinen oder Branchen sind sich alle einig. Was heißt das für Klimaschutzmaßnahmen wie die Einsparung von CO2? Dies könnte durch den Ausbau erneuerbarer Energien erreicht werden. Fotovoltaikanlagen-Hersteller begrüßen diesen wahrscheinlich, während Bergbauunternehmen ihn ablehnen.

Physikerinnen und Geologen befürworten vielleicht den Bau von Windrädern, Stauseen und Fotovoltaikanlagen, Biologen mahnen die negativen Folgen für die Umwelt an und Sozialwissenschaftlerinnen erinnern an den möglichen Verlust von Arbeitsplätzen. Und manch ein Physiker stellt die Frage, ob CO2-Einsparungen nicht viel eher durch eine Rückkehr zur Kernenergie erreicht werden können. Die Wissenschaft liefert also Argumente. Diese konkurrieren aber mit denen der anderen gesellschaftlichen Bereiche. Sie zu bewerten und danach zu entscheiden ist Aufgabe der Politik. Jede politische Entscheidung ist somit das Ergebnis eines Prozesses, in dem Argumente abgewogen werden.

Während der Corona-Pandemie ist alles anders

Es gibt verschiedene Institutionen, die diese Prozesse unterstützen und bestimmten Bereichen mehr Gehör verschaffen. Für die Wirtschaft sind dies unterschiedliche Lobbyverbände. Für die Wissenschaft leistet zum Beispiel der Weltklimarat Lobbyarbeit. Er veröffentlicht Berichte, die den Stand der Klimaforschung zusammenfassen. Damit bietet er der Politik die wissenschaftlichen Grundlagen für fundierte Entscheidungen. Doch während der Corona-Pandemie ist alles anders: Plötzlich findet die Wissenschaft auch ohne Lobbyarbeit Gehör. Dies liegt vor allem an der Dringlichkeit. Im Gegensatz zum Klimawandel wird Corona als unmittelbare und persönliche Bedrohung wahrgenommen. Was passiert, passiert direkt – mitten in der Amtszeit der Verantwortlichen. Dagegen werden die meisten Menschen, die heute klimapolitische Entscheidungen treffen, deren massivste Auswirkungen wohl nicht mehr miterleben.