Gastbeitrag

Klimawandel: Hamburger Forscher untersucht Fluchtursachen

Wie die Terroristen von Boko Haram die Dürre ausnutzen, erforscht der Hamburger Geograf Frederic Kamta in Nigeria.

Hamburg.  In Nigeria will die Terrororganisation Boko Haram einen sogenannten „Islamischen Staat“ errichten. Seit mehr als zehn Jahren gibt es immer wieder Anschläge auf Kirchen, öffentliche Plätze und Bildungseinrichtungen. Gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Extremistinnen und Extremisten und dem Militär sind Alltag. Mittlerweile hat sich der Konflikt auch auf die Nachbarländer Kamerun, Tschad und Niger ausgebreitet. Mehrere Millionen Menschen sind auf der Flucht. Darüber hinaus sind viele auf Lieferungen von Nahrungsmitteln durch Hilfsorganisationen angewiesen, denn die lokale Landwirtschaft ist beinahe vollkommen zum Erliegen gekommen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass der Nordosten Nigerias und die Nachbarländer seit Jahren stark vom Klimawandel betroffen sind. Anhaltende Dürren und Hitzeperioden haben den Tschadsee und die mit ihm verbundenen Flüsse – die wichtigsten Wasserquellen in der Region – um 90 Prozent schrumpfen lassen.

Am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) untersuche ich, inwiefern die anhaltende Trockenheit neben dem Terror ebenfalls eine Ursache für Flucht und Konflikte ist. 2019 bin ich deshalb für drei Monate in die Hauptstadt des Bundesstaates Borno gereist, der im Nordosten Nigerias liegt. Dort ist in der Stadt Maiduguri in den vergangenen Jahren das größte Flüchtlingscamp der Region entstanden, in dem derzeit rund 30.000 Menschen leben. Mit 300 von ihnen habe ich gesprochen.

Immer wieder kommt es zu Konflikten

Die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner waren Kleinbauern und Hirtinnen, die mit ihrem Vieh in der Nähe ihres Dorfs von Weide zu Weide ziehen. Sie berichten, dass es durch den Wassermangel und den Verlust von fruchtbarem Land zu zusätzlichen Konflikten gekommen sei. Hirten kämpfen untereinander um Wasser für ihre Tiere. Zusätzlich konkurrieren sie mit Ackerbäuerinnen um Land, das die einen als Weidegrund für ihre Tiere und die anderen zum Anbau von Obst, Getreide und Gemüse benötigen. Auf der Suche nach Wasser und Land verlassen viele Menschen ihr Heimatdorf. Einige ziehen nur ein paar Dörfer weiter. Andere geben die Viehzucht oder den Ackerbau auf und gehen in eines der vielen Flüchtlingscamps in der Region.

Sie hoffen, dort zumindest mit einem Mindestmaß an Wasser und Nahrung versorgt zu werden. Auf ihrer Flucht treffen sie auf Menschen anderer Ethnien und Religionen. Auch hier kommt es immer wieder zu Konflikten. Meine Gesprächspartnerinnen berichten mir, dass deren Ursachen zum Teil in jahrtausendealten Machtkämpfen, oft aber auch in der zunehmenden Konkurrenz um Ressourcen liegen. Einige Menschen schließen sich nach dem Verlust ihrer Lebensgrundlage Boko Haram an. Die Extremisten versprechen ihnen Hilfe, unter anderem in Form von Lebensmitteln und Unterkunft.

Starker weltweiter Klimaschutz ist unabdingbar

Die Interviews zeigen klar, dass die anhaltende Trockenheit Konflikte und Migrationsbewegungen verschärft. Meine Beobachtungen in Nigeria decken sich zudem mit den Forschungsergebnissen aus anderen Ländern des globalen Südens: Besonders dort, wo bereits Unruhen oder Kriege herrschen, multipliziert der Klimawandel die Risiken für Konflikte und stärkt Terrororganisationen.

Studien belegen, dass Maßnahmen zur Anpassung an das sich verändernde Klima die Sicherheit und die Stabilität erhöhen können. Bewässerungsanlagen, Bohrlöcher und Dämme etwa können Regenwasser speichern und bei Trockenheit wieder abgeben. Dies könnte die Wasserversorgung stabilisieren.

Doch neben Anpassungen ist ein starker weltweiter Klimaschutz unabdingbar. Denn vor allem die Länder des globalen Nordens verursachen einen Großteil der Klimaschäden, leiden aber bisher viel weniger darunter als die Länder des globalen Südens.

Frederic Kamta arbeitet als Geograf in der Forschungsgruppe­ „Klimawandel und Sicherheit“ am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit­ (CEN).