Coronavirus

Psychologe: „Wir müssen unseren Alltag aufrechterhalten“

Quarantäne wegen Coronavirus: Tipps gegen die Langeweile

Lange Tage zu Hause – ohne Freunde, Reisen, Kino. Quarantäne wegen des Coronavirus ist eine Herausforderung für die Psyche. Wir zeigen, wie sie die Zeit daheim gut nutzen könne.

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Die Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus wächst. Ein Psychologe erklärt, warum wir uns dennoch nicht zurückziehen sollten.

Berlin. Die Zahl der Coronavirus-Infizierten steigt und damit auch die Angst in der Bevölkerung. Stephan Grünewald, Psychologe und Bestsellerautor („Wie tickt Deutschland“), erklärt, wie sich soziale Isolation auf unsere Psyche auswirkt, warum es gefährlich sein kann, sich in diesen Zeiten komplett zurückzuziehen und wie wir lernen können, mit unserer Angst umzugehen.

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus schließen unter anderem immer mehr Kultureinrichtungen. Die Bundeskanzlerin empfiehlt jetzt sogar, nach Möglichkeit Kontakte zu Mitmenschen vorübergehend zu meiden. Wie wirkt sich die soziale Isolation auf unsere Psyche aus?

Stephan Grünewald: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir ja eine Art Kreuzzug gegen die Langeweile geführt. Wir hatten ständig 100 Kanäle offen, ob Kino, Kneipe oder Stadion – waren daran gewöhnt, zahlreiche Unterhaltungsangebote zu haben. Daher empfinden wir die momentane Situation erst einmal als Bedrohungsszenario. Weil alles, was sonst verfügbar war, um uns sozial zu bespaßen, plötzlich nicht mehr möglich ist.

Sehen Sie auch Vorteile?

Grünewald: Andererseits ist es aber auch eine Möglichkeit der Entlastung, in der die Verheißung steckt, eine Zeit lang aus dem Hamsterrad aussteigen. Diese neu gewonnene Zeit können wir beispielsweise im Kreis der Familie verbringen.

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Wie unterschiedlich wirkt die Situation auf Menschen: jene, die nun mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen können. Und alle, die ­alleinstehend sind?

Grünewald: Es ist enorm wichtig, einen funktions­fähigen Alltag aufrechtzuerhalten. Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, allein mit sich zu sein. Menschen, die beispielsweise aus Altersgründen seit Längerem alleine leben, haben natürlich Erfahrung mit dieser Situation. Da hat sich bereits ein Alltag eingestellt, der durchaus routiniert und erfüllend ist: mit kleinen Spaziergängen, Besorgungen, Hausarbeit, Fernsehen.

Für Familien sieht die Sache ganz anders aus. Man kennt das aus der Weihnachtszeit: Wenn man plötzlich aus der Betriebsamkeit herausgerissen wird und einige Tage gemeinsam auf engstem Raum verbringt, dann führt das schon mal zu Konflikten. Die Fluchtmöglichkeit fehlt, es kommt zum Lagerkoller.

Wie schafft man es, sich trotzdem nicht die Köpfe einzuschlagen?

Grünewald: Zum Glück bricht gerade der Frühling an. Auch wenn man nicht zu Großveranstaltungen gehen kann, sollte man ab und an das Weite suchen. Zum Beispiel wandern gehen, joggen, sich sportlich betätigen. Der größte Fehler wäre, uns wochenlang nur noch von Serien und Filmen berieseln zu lassen oder im Internet rumzudaddeln.

Wir kennen das ja von Kindern: Das erzeugt schnell große Unruhe, schürt Trotzattacken und Wutanfälle. Wir brauchen trotz allem Programmpunkte. Aufgaben, denen wir uns stellen und Dinge, die wir abarbeiten können. Zum Beispiel Reparaturarbeiten am Haus oder endlich mal die Wohnung neu streichen.

Ist es wirklich empfehlenswert, sozialen Kontakt auf ein Minimum zu beschränken? Kann Einsamkeit nicht auch krank machen?

Grünewald: Ja, Einsamkeit kann krank machen. Deshalb sollten wir uns nicht komplett zurückziehen. Wer mit anderen in Kontakt tritt, sollte die üblichen Maßnahmen einhalten wie Abstandsregeln und Ähnliches. Denn aus psychologischer Sicht brauchen wir Gespräche. Selbst wenn wir keine räumliche Nähe haben, brauchen wir soziale Nähe. Das funktioniert natürlich auch über Skype und am Telefon, aber manchmal ist es eben auch wichtig, in einem Raum miteinander zu agieren. Besonders für ältere Menschen.

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Wie kann ich damit umgehen, dass ich Angst um meine Kinder, um meinen Partner und um meine Eltern habe?

Grünewald: Zuerst einmal ist das ja keine irrationale Angst. Das Coronavirus begegnet uns als unvertraute Bedrohung, die wir nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken können. Das führt natürlich zu einem Ohnmachtsgefühl. Bei Menschen, die nur schwer damit klarkommen, keine Fassbarkeit und Handhabe zu erleben, kann das auch zu Übersprungshandlungen führen. Die Hamsterkäufe der vergangenen Wochen sind das beste Beispiel dafür.

Es ist eine Art, sich selbst zu beweisen, dass man weiter handlungsfähig bleibt. Wenn wir nun in eine Angststarre verfallen, hilft das nicht weiter. Wir sollten unsere Ängste bearbeiten, indem wir mit unseren Liebsten reden und gemeinsam herausfinden, wie wir konkret tätig werden können. Denn wenn wir etwas tun, wird die Angst nebensächlich. Und was wir wirklich tun können, ist beispielsweise, uns die Hände ordentlich zu waschen, Abstand zu halten und auf unsere Gesundheit zu achten.

Es ist also gut, über seine Ängste zu sprechen. Aber ab wann kann Angst auch ansteckend sein?

Grünewald: Die Erregung verbreitet sich gemeinhin schneller als der Erreger. Deshalb ist es wichtig, dass auch Politiker eine gewisse Ruhe und Rationalität ausstrahlen, um der allgemeinen Panik entgegenzuwirken. Gleichzeitig ist es wichtig, aufzuklären und zu informieren. Denn in ihrer Ohnmacht können sich Menschen in Verschwörungstheorien verfangen. Wer sich beispielsweise ausschließlich im Internet und in sozialen Netzwerken informiert, kann schnell verunsichert werden. Aktuell ergibt es deshalb durchaus Sinn, lieber mal eine Tageszeitung zu lesen oder eine Talkrunde anzusehen, wo normalerweise sehr ausgewogen und vernünftig berichtet wird.

Warum reagieren manche Menschen panisch, während andere eher gleichgültig mit der Situation umgehen?

Grünewald: Beide Reaktionen sind Abwehrmechanismen: Die einen stecken den Kopf in den Sand und stellen sich quasi ignorant, verleugnen oder verdrängen die Bedrohung. Andere schalten in den Aktionsmodus und kaufen die Regale leer. Menschen reagieren eben verschieden.

Wie merke ich, dass meine Angst zu groß wird? Wann sollte man sich vielleicht sogar um psychologische Unterstützung bemühen?

Grünewald: Wenn man seinen Alltag nicht mehr bestreiten kann. Wenn man in einen Panikmodus verfällt, sich in sich selbst festdreht, dann ist es enorm wichtig, einen Arzt zu kontaktieren, entsprechende Hotlines anzurufen oder mit Freunden zu sprechen, die einen stabilisieren.

Wie hilfreich kann es sein, sich auf die positiven Seiten der Krise zu konzentrieren? Nach dem Motto: Viele Maßnahmen greifen zwar extrem in meinen Alltag ein, aber ich bin jetzt auch zu einer Entschleunigung gezwungen, die es sonst nicht gäbe?

Grünewald: Zu Beginn werden die Menschen diese Ausnahmesituation sicher auch als Chance begreifen. Als eine Art kollektiv verordneten Vorruhestand. Wenn Senioren in den Ruhestand versetzt werden, dann räumen sie häufig zuerst einmal die Garage auf, kümmern sich um den Garten, sortieren ihre Unterlagen. Kümmern sich um all das, was über Jahre quasi liegen geblieben ist. Irgendwann ist aber alles abgearbeitet und dann beginnt die zweite Phase.

In der wird sich ein Teil der Bevölkerung mithilfe von Netflix oder dem Internet in Tagtraumblasen zurückziehen. Das kann, wie eingangs erwähnt, zu Unruhe, Wutausbrüchen und Übersprungshandlungen führen.

Wie entkomme ich dieser Blase?

Grünewald: Eine produktivere Strategie wäre, den Reichtum des Alltags zu entdecken. Und seine Befriedigung aus Beschäftigungen wie Basteln, Gärtnern, Lesen, Schreiben oder Wandern zu ziehen. Solche Besinnungsphasen können sehr produktiv sein.

Kreativität entsteht schließlich nicht im Turbomodus, sondern eher dann, wenn wir entschleunigen, innehalten und bereit sind, unsere Gedanken auch mal schweifen zu lassen. Diese Entschleunigung kann dazu führen, dass wir einen neuen Blick auf das Leben bekommen und wieder merken, was wirklich wichtig ist.