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Bringt Klöckners Tierwohl-Logo Schweinen ein besseres Leben?

36 der 60 Kilo Fleisch, die der Durchschnittsdeutsche pro Jahr isst, kommt vom Schwein.

36 der 60 Kilo Fleisch, die der Durchschnittsdeutsche pro Jahr isst, kommt vom Schwein.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Landwirtschaftsministerin Klöckner hat die Kriterien für das Tierwohllabel vorgestellt. 2020 soll es in den Supermärkten auftauchen.

Berlin.  Was für ein Schweineleben es war? Dem Schnitzel im Kühlregal sieht man das nur selten an. Und der Preis? Auch er gibt kaum eine verlässliche Auskunft. Das soll sich ändern. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat am Mittwoch ein staatliches Tierwohllabel vorgestellt. Das gilt zunächst nur fürs Schwein. Doch immerhin 36 der 60 Kilo Fleisch, die der Durchschnittsdeutsche pro Jahr isst, kommt von dem Borstenvieh.

Das Logo gebe „Orientierung“, meinte Klöckner, jeder könne „sich bewusst entscheiden“, ob er für mehr Tierwohl mehr Geld ausgeben wolle. Das Gütesiegel beziehe sich auf den gesamten Weg des Tiers – von der Geburt bis zur Schlachtung. Dabei gilt: Das neue Label darf nur auf der Verpackung prangen, wenn das Schwein es auf allen Stationen seines Lebens besser hatte als es die gesetzlichen Mindeststandards vorschreiben. Verpflichtend ist es nicht. Im Einzelnen gibt es drei verschiedene Qualitätsstufen, abhängig von 13 Kriterien. Fünf Beispiele:

1. Platz im Stall

Es soll weniger eng werden. Das Tier bekommt in der Stufe eins 20 Prozent mehr Platz als beim gesetzlichen Standard, in Stufe zwei 47 Prozent, in Stufe drei 91 Prozent – ab 30 Kilo Gewicht zusätzlich 0,5 Quadratmeter Auslauf nach draußen und damit insgesamt 100 Prozent mehr. Das geht Tierschützern nicht weit genug. Katrin Wenz vom Bund für Umwelt und Naturschutz rechnet vor: „Für ein Mastschwein, das bis zu 110 Kilogramm wiegt, sind in der ersten Stufe nur 0,90 Quadratmeter eingeplant. Das ist viel zu wenig.“ 40 Prozent Platz müssten es schon sein.

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2. Kastration

Millionen männliche Ferkel werden in Deutschland kurz nach der Geburt kastriert, damit das Fleisch nicht den strengen Geruch eines Ebers annimmt – ohne Betäubung. Damit sollte eigentlich schon Anfang dieses Jahres Schluss sein. Doch die Bundesregierung hat das Verbot um zwei Jahre hinausgeschoben, die Kastration ist also noch bis Ende 2020 erlaubt. Für das neue Gütesiegel ist sie grundsätzlich tabu. Dagegen haben Tierschützer freilich nichts, auch wenn es nur ein kurzer zeitlicher Vorsprung ist.

3. Kürzung der Schwänze

Damit Schweine einander nicht vor lauter Langeweile und im Gedränge anknabbern, wird in deutschen Ställen oft der Ringelschwanz gekürzt. Das ist in den Stufen zwei und drei des neuen Logos untersagt, in der Stufe eins nicht. Das ärgert viele. Gerald Wehde von Bioland, Deutschlands größtem Ökoanbauverband, verweist zum Beispiel darauf, dass das sogenannte Kupieren nach Vorgaben der EU schon seit 2008 nur noch in absoluten Ausnahmefällen zulässig sein soll.

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4. Transportwege

Schweine sind auf Lastwagen über weite Strecken unterwegs, bis zu 24 Stunden am Stück sind erlaubt, Tränken und Einstreu erst ab acht Stunden vorgeschrieben. Doch bei Tieren, deren Fleisch das Gütesiegel trägt, dürfen es nicht mehr als acht Stunden Fahrt sein, ab vier Stunden gehören Wasser und Einstreu in den Laster. Das gilt für alle Stufen. Ob sich viel ändert, hängt auch von der Überwachung ab. Geplant sind regelmäßige Kontrollen.

5. Schlachtung

Immer wieder tauchen geheim gedrehte Videos auf, die scheußliche Bilder aus Schlachthöfen zeigen. Um das Gütesiegel zu erhalten, sollen unter anderem von jedem Schwein Videoaufnahmen gemacht werden. Der Tod der Tiere muss durch „anerkannte Verfahren“ erfolgen, bevor die Tiere zerlegt und weiterverarbeitet werden. Das gilt für alle Stufen, also von der ersten bis zur dritten.

Beim staatlichen Tierwohllabel gehe es nicht nur um die Frage der Haltung, betonte Klöckner. Sie spielt damit auf die Supermärkte und Discounter an, die in den vergangenen Monaten eigene Fleisch-Logos auf den Markt gebracht haben. Mittlerweile haben sie sich auf ein einheitliches System geeinigt, das ab dem 1. April kommen soll. Anders als beim staatlichen Tierwohllabel spielen die Umstände beim Transport oder im Schlachthof aber keine Rolle.

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Für Verbraucher ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Denn auf dem Markt gibt es zusätzlich auch noch Biosiegel. Schweine in einem Bio-Betrieb können immer ins Freie, ihre Boxen sind großzügiger als für die strengste Stufe 3 des staatlichen Siegels gefordert. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, hält die zweite und dritte Stufe von Klöckners Logo für „unkritisch“. Die erste Stufe aber würde er am liebsten tilgen, sie hat aus seiner Sicht kein Tierwohllabel verdient. Anders gesagt: Verbraucher, die Wert auf Tierwohl legen, lassen besser die Finger davon.

„Mehr Tierwohl kostet mehr Geld“, sagte Klöckner – auch an der Ladenkasse. Die Landwirte könnten das nicht allein tragen.

Es solle zwar eine staatliche Unterstützung etwa für anfallende Umbauten geben – wie und in welcher Höhe ließ die Ministerin jedoch offen. Etwa 80 Prozent der Deutschen hätten in Umfragen angegeben, dass sie gerne wüssten, ob das Fleisch auf ihren Tellern von artgerecht gehaltenen Tieren kommt. Jetzt müsse sich zeigen, ob sie dennoch einkaufen wie zuvor. In den Supermarktregalen soll das staatliche Label ab 2020 auftauchen. (mit alir)