PETER FALK: EIN GESPRÄCH ÜBER MENSCHLICHE SCHWÄCHEN, COLUMBOS KONKURRENZ UND GROSSZÜGIGKEIT

"Ich bin jetzt 79 und kann mir meine Macken leisten!"

Den Polizisten mit dem zerknitterten Trenchcoat, der ewig glimmenden Zigarre und der scharfen Kombinationsgabe kennt fast jeder. Als Inspektor Columbo wurde Schauspieler Peter Falk weltberühmt. Was der mehrfach geehrte Film- und Fernsehstar privat denkt, verrät er in einem Interview mit dem "Hamburger Abendblatt Sonntags".

Wirkt etwas zerstreut, ist aber clever. Mit seinen scheinbar harmlosen Fragen löst Inspektor Columbo jeden Fall. Foto: obs

Shera Danesse (55), Ehefrau von Peter Falk, ist ebenfalls Schauspielerin. Foto: Getty Images

Peter Falk vor seiner schmucken Villa in Beverly Hills, in der er mit Ehefrau und zehn quirligen Hunden lebt. In seiner Nachbarschaft wohnen berühmte Schauspielerkollegen wie Kirk Douglas und Jack Nicholson. Foto: Michael Wolf/enapress.com

Das Foto der schwangeren Schauspielerin Demi Moore auf dem Modemagazin "Vanitiy Fair" war der Grund, warum Peter Falks Frau Shera einen Brillantring bekam.

Der Schauspieler als Maler. Für diese Aktzeichnung saß seine erste Ehefrau Alice Mayo Modell. Fotos: Thomas Lee

Abendblatt Sonntags: Sie haben eine schmucke Villa im teuren Beverly Hills mit einem Rolls-Royce und zwei Landrovern vor der Tür - aber Sie empfangen mich angezogen wie ein... Heimatloser!

Peter Falk: Wieso - sehe ich etwa ungewaschen aus?

Nein.

Falk: Na bitte! - Rieche ich etwas streng?

Nein.

Falk: Was ist dann an mir wie an einem Heimatlosen? Sagen Sie schon! Sie kommen aus Europa, ihr Europäer sollt ja mehr Stil haben als wir amerikanischen Kulturbanausen. Sprechen Sie sich ruhig aus!

Nun ja - Ihre graue Hose hat auch schon bessere Tage gesehen, der blaue Niki tut den Augen weh und hat Flecken, und dann tragen Sie auch noch graue Wollsocken und Puschen wie ein Rentner sonntags zu Hause!

Falk: Puschen - was ist das?

Hausschuh-Schlappen.

Falk: Ach so. Tut meinen Füßen gut. Haben Sie vielleicht erwartet, dass ich mich Ihretwegen feinmache?

Ja.

Falk: Kann ich dann auch nicht ändern. Ich bin erstens so, wie ich bin, zweitens interessiert mich Mode einen Teufel, drittens bin ich jetzt 79 Jahre alt und kann mir meine Macken leisten.

Was sagt Ihre Frau Shera (55) dazu?

Falk: Sie hat ja die Klamotten, die Sie gerade bemängeln, für mich ausgesucht! Shera geht immer für mich einkaufen. Erstens habe ich dazu keine Lust, zweitens bin ich im Privatleben faul, drittens ist mir ziemlich gleichgültig, wie ich ausschaue.

In den Spiegel schauen Sie nie?

Falk: Doch. Morgens. Gleich nach dem Aufstehen.

Erschrecken Sie dann?

Falk: Kommt darauf an, ob ich mich scharf sehe. Meistens ist das nicht der Fall, weil ich abends vor dem Schlafengehen doch noch meine Kontaktlinse 'rausnehme. Mein Doktor sagt nämlich, das muss sein. Leider vergesse ich das aber nur zu oft. Vergesslichkeit ist einer meiner großen Fehler. Ich lebe immer halb auf dem Mond. Wenn ich morgens mit einem Regenschirm aus dem Haus gehe, können Sie ziemlich sicher sein, dass ich abends ohne ihn heimkehre, weil ich ihn irgendwo stehen lassen habe.

Sie haben ein Glasauge rechts - und das linke Auge tut's auch nicht mehr so richtig?

Falk: Ohne diese Kontaktlinse wäre ich halb blind! - Ich habe auch eine Brücke im Mund, vier künstliche Vorderzähne, die ich abends in ein Wasserglas mit Kukident lege, damit Sie das auch gleich wissen.

Und das sagen Sie so frei heraus?

Falk: Ich komme mit meinen körperlichen Mängeln gut zurecht!

Sie sind Schauspieler, als Fernsehdetektiv Columbo weltberühmt. Sie nehmen uns ja alle Illusionen!

Falk: Wenn Sie mich nicht mehr mögen, weil ich nur knapp 1,75 Meter groß bin, ein Teilgebiss und ein Glasauge habe, tut's mir leid! Meine Zähne verlor ich übrigens bei einem Faustkampf mit ei-nem Idioten, der mir dumm kam. Und ich lasse mir nicht gerne dumm kommen. Und mein rechtes Auge musste mir damals, ich war noch ein Kind, gerade drei Jahre alt, herausoperiert werden, weil dahinter ein gefährlicher Tumor saß. Ich tröstete mich mit dem Gedanken: Lieber ein Glasauge, als an Krebs sterben!

Hatten Sie je Komplexe wegen Ihres künstlichen Auges?

Falk: Kann ich mich nicht erinnern, obwohl ich dazu genug Grund gehabt hätte. In die Armee ließ man mich nicht. Ein Soldat mit nur einem Auge? Untauglich! Ich wurde als "4F" eingestuft. Habe aber bis heute keinen Schimmer, was das bedeutet.

Zwischenfrage: Warum wollten Sie unbedingt freiwillig Soldat werden?

Falk: Um etwas Aufregendes zu erleben. Das College, bei dem ich mich angemeldet hatte, war mir nämlich zu langweilig. Ringsum keine Mädchen, und auch nur wenig Jungs in meinem Alter, die meisten waren ja zum Kriegsdienst eingezogen. Wir schrieben das Jahr 1945! Bei der Marine, wo ich es dann versuchte, wurde ich als dritter Koch angenommen. Immerhin kam ich auf diese Art wenigstens zu meiner ersten großen Schiffsreise - nach Marseille in Frankreich. Dort nahmen wir dreitausend Soldaten an Bord und ebensoviele Schweineschnitzel.

Konnten Sie überhaupt kochen?

Falk: Natürlich nicht. Aber erstens kann ich alles lernen, zweitens bin ich ein intelligentes Kerlchen, und drittens war ich ja nur dritter Koch, da hatte ich mehr Kartoffeln zu schälen, abzuwaschen und die Kessel zu putzen als zu kochen.

Kochen Sie heute manchmal privat?

Falk: Ich mache nicht mal eine Büchse auf! Meine Frau Shera (55) kocht dafür großartig, und Schweineschnitzel paniert ist seit damals immer noch mein Lieblingsgericht.

Sie leben nach dem Koran - Ihre Religion verbietet das Essen von Schweinefleisch, weil es angeblich "nicht rein" ist.

Falk: Das mag wohl so sein, aber mir schmeckt Schweineschnitzel einfach zu gut - also esse ich es auch! Religion hin und her!

Wurden Sie wegen Ihres künstlichen Auges je verspottet?

Falk: Können Sie laut sagen! Ich war 24 Jahre alt, ein immer haarscharf an der Pleite vorbeisegelnder Schauspieler in New York mit zehn Dollar Tagesgage und hatte mich für eine kleine Fernsehrolle beworben. Und wissen Sie, was Harry Kohn, der einflussreiche Boss der "Columbia Pictures", zu mir sagte, nachdem er meine Probeaufnahmen angeschaut hatte? "Junger Mann, für das Honorar, das ich zu zahlen bereit bin, bekomme ich auch einen Schauspieler mit zwei Augen!"

Wie kamen Sie mit Ihrem Handicap bei den Frauen zurecht?

Falk: Bestens, weshalb ich vorher auch sagte, dass ich nie Komplexe wegen meines Glasauges hatte. Meine erste große Liebe war Alice Mayo (sie war damals 18). Sie fand es ganz toll, wenn ich mein Glasauge herausnahm und wir dann damit Fangen spielten.

Sie machten also aus der Not eine Tugend?

Falk: Diesen Trick im Leben und Lieben lernte ich von meiner Mutter, die für mich - ohne meine beiden Ehefrauen unterbewerten zu wollen - die wichtigste Frau in meinem Leben war. Mutter bleute mir schon als kleiner Junge ein: Erstens die Defizite, die man an sich selbst ja meistens sehr gut kennt, bewusst ausspielen, zweitens sie um Himmelswillen nie zu kaschieren versuchen, weil der Partner sie irgendwann ja doch entdeckt und dann umso mehr geschockt ist, und drittens sich durch das Offenbaren seiner Fehler, Defekte und Mängel sympathisch machen.

Sie heirateten Alice, Ihre Jugendliebe - aber Sie beide konnten keine Kinder bekommen - wessen Schuld?

Falk: Nicht Schuld, einfach nur Schicksal. Alice und ich waren wirklich bei vielen Ärzten, probierten alles aus, was sie uns rieten. Es klappte leider nie!

War Ihre Kinderlosigkeit der Grund, dass Sie sich nach siebzehn Jahren scheiden ließen?

Falk: Konnte deswegen schon kein Grund sein, weil Alice und ich inzwischen zwei Mädchen adoptiert hatten, Catherine (heute 45) und Jackie (50), die wir sehr liebten, immer noch lieben, als seien sie unsere leiblichen Kinder. Die Jüngere von ihnen wollte immer im richtigen Leben Privatdetektiv werden, ihrem Vater "Columbo" Konkurrenz machen. Sie arbeitete sogar mal eine gewisse Zeit in einem großen Kaufhaus und überführte Ladendiebe. Aber dann traf sie den Mann ihres Lebens, heiratete und wurde Mama. Jackie dagegen verschrieb sich ganz ihrem Beruf als Diplompsychologin und blieb bis heute Single.

Das Zeichnen ist neben der Schauspielerei Ihre zweite Leidenschaft. Ist Ihre Frau Shera manchmal eifersüchtig auf die Modelle, die nackt für Sie sitzen?

Falk: Shera behauptet ja gerne, sie habe mich seinerzeit aus unserem gemeinsamen Haus geschmissen, weil ich so oft andere Frauen zu Gast habe. Das war natürlich ironisch gemeint. Die Wahrheit ist, dass ich mir auf unserem Grundstück ein zweites Häuschen bauen ließ, das mir als Atelier dient. Dort kann ich nun ungestört meinem Hobby nachgehen. Abgesehen davon - die Frauen, die ich zeichne, sind erstens nun gar nicht besonders attraktiv, schön oder verführerisch. Schon deshalb hätte Shera zweitens keinen Grund zur Eifersucht. Drittens ist und bleibt sie für mich die begehrenswerteste Frau, die ich kenne. Und das seit nunmehr 29 Jahren!

Als Detektiv Columbo rauchen Sie oft Zigarre. Wie ist das im wirklichen Leben?

Falk: Sehr selten nur. Und da ich ein Mann bin, der auf seine Frau Rücksicht nimmt, wäre ich immer bereit, das Rauchen ihretwegen völlig aufzugeben und mir, wenn es dann dazu käme, dass wir miteinander intim werden, vorher lange genug die Zähne zu putzen!

Ihre Frau Shera gibt sich oft und gerne recht freizügig - stört Sie das?

Falk: Keineswegs! Shera kann es sich leisten, ihren Körper zu zeigen!

Hatten Sie niemals Angst, sie könnte einen anderen Mann attraktiver finden als Sie?

Falk: Diesen Gedanken lasse ich schon deshalb nicht in mir Platz nehmen, weil ich für sinnlos halte, mir etwas vorzustellen, das deprimiert, bevor es möglicherweise Tatsache wird. Mit anderen Worten: Es wäre für mich immer noch Zeit genug, mich der Realität zu stellen, wenn es dazu kommen sollte. In diesem Punkt denke ich ganz pragmatisch.

Was findet Ihre Frau an Ihnen?

Falk: Ich bin sehr humorvoll, lache gerne, ganz besonders auch über mich selbst, und halte mich in aller gebührenden Bescheidenheit für einen Kavalier der alten Schule.

Wie zeigen Sie Ihrer Frau, was für ein Kavalier Sie sind?

Falk: Passen Sie auf, ich erzähl's Ihnen! Vor einigen Jahren druckte das Modemagazin "Vanity Fair" auf ihrem Titel ein Foto der Schauspielerin Demi Moore. Erinnern Sie sich? Demi Moore war hochschwanger, im neunten Monat, und absolut nackt. Sie sah fantastisch aus. Ich entdeckte das Magazin an einem Kiosk und kaufte es auf der Stelle, um es meiner Frau zu zeigen. Sie schaute sich das Titelbild aufmerksam an: Da war sie also, Demi Moore in ihrer umwerfenden, wunderschönen Nacktheit. Meine Frau atmete tief durch, dann sagte sie: "Wow!! Schau dir diesen Brummer von Ring an!" Das einzige, das meine Frau bemerkenswert fand, war der Brillantring an Demis rechtem Mittelfinger!

Ja und?

Falk: Ja und? Das fragen Sie? Was, denken Sie, tat der Peter noch in derselben Stunde?

Sagen Sie es mir!

Falk: Der Peter setzte sich in sein Auto, fuhr die paar Kilometer zum Rodeo Drive, der teuersten Einkaufsstraße der Welt, und kaufte seiner Frau einen ähnlich großen Brillantring. Denn erstens ist der Peter, wie gesagt, ein Kavalier der alten Schule...

...zweitens sehr wohlhabend und drittens ein "big spender", ein Mann mit offenem Portemonnaie, wenn es um seine Frau geht!

Falk: So ist es! Noch Fragen, mein Lieber?

Wer ist Peter Falk?

Falk: Ein etwas zu klein geratener Mann, mit einer großartigen Frau verheiratet, die ihm trotz seiner vielen Defekte und Mängel 29 Jahre treu blieb und es hoffentlich auch weiterhin bleibt!