Die Schüsse fielen um 20.44 Uhr

Ließ Italiens Premierminister 1979 einen unbequemen Journalisten ermorden? Jedenfalls soll er dafür 24 Jahre hinter Gitter

Rom. Am Abend des 20. März 1979 gegen 20.32 Uhr führte der Journalist Carmine Pecorelli (50), Spitzname "Mino", das letzte Telefongespräch seines Lebens. Er wusste natürlich nicht, dass er von nun an nur noch zwölf Minuten zu leben hatte. Er litt an diesem Abend unter starken Kopfschmerzen, die dadurch nicht besser wurden, dass er viel zu viel rauchte.

Er war besorgt. Aber nicht etwa über seine Zeitschrift "Osservatore Politico", die er selbst herausgab und die sehr erfolgreich war. Vielmehr bedrückte ihn, dass sein Privatleben ein einziges Chaos war. Seine Frau Liliana Pecorelli Russo war erleichtert, dass er endlich die Beziehung zu seiner Geliebten Giovanna Amato abgebrochen hatte, mit der er einen Sohn hatte. Sie wusste jedoch nicht, dass er inzwischen eine neue Geliebte hatte, Franca Mangiavacca. Und mit dieser telefonierte er an jenem Abend, kurz vor seinem Tod.

Zur selben Zeit versuchte jemand anders, Pecorelli zu erreichen - vergeblich. Es war Licio Gelli, der Chef der Geheimloge P2 (Propaganda 2), die einen Putsch in Italien plante. Gelli hatte mit Erfolg mehrere Minister, Generale und Industrielle um sich geschart, um mit der Geheimloge einen Staatsstreich zu planen. Auch Pecorelli gehörte der Geheimloge an und verdiente dadurch gut. Fast alle seiner sensationellen Enthüllungsstorys verdankte er Informationen von Logenbrüdern, die zum italienischen Geheimdienst Sisde gehörten und ihm Hintergrundmaterial zusteckten. Gelli war sehr verstimmt darüber, dass Pecorelli Informationen veröffentlichte, die unter Logenbrüdern geheim bleiben sollten. Er fürchtete, dass Pecorelli irgendwann die Geheimloge auffliegen lassen könnte. Aber das konnte er Pecorelli nicht mehr mitteilen.

Ebenfalls am selben Abend verhandelte der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti über die letzten Details, um seine fünfte Regierungsmannschaft zu präsentieren. Er war bemüht, so berichteten später Augenzeugen, allen Ballast der alten Regierung abzuwerfen und unbelastet ganz neu zu beginnen, ohne die alten Probleme. Vor allem den Finanzierungsskandal, den Carmine Pecorelli aufgedeckt hatte, wollte er überwinden und am nächsten Tag, dem 21. März, die Regierung vorstellen.

Als Pecorelli das Telefongespräch mit seiner Geliebten beendet hatte und in seinem Büro das Licht ausschaltete, entsicherte im Dunkel der Straße vor Pecorellis Redaktion in der Via Orazio in Rom ein Mann in einem dunklen Mantel eine Pistole Beretta Kaliber 7,65. Sie war professionell eingeölt, die Spuren fand man später auf dem Gehweg.

Über diesen Mann weiß die Justiz nur, dass er sehr wahrscheinlich aus dem sizilianischen Ort Cinisi bei Palermo stammte und ein professioneller Mörder war. Er besaß alle Eigenschaften des idealen Mafia-Killers: Er war kein Sadist, er tötete regungslos und sauber, verlor nach den ersten Schüssen nicht die Nerven, sondern ging erst, nachdem er dem sterbenden Opfer mit einem Genickschuss den Rest gegeben hatte. Der Mörder gehörte zur alten Mafia, den Clans von Gaetano Badalamenti und Tommaso Buscetta, die gerade von einer ganz neuen Mafia, Bauernfamilien aus dem Dorf Corleone, massiv angegriffen wurden.

Sein Auftrag war klar: Er sollte töten, dann ohne zu rennen in der Dunkelheit verschwinden, die Pistole in den Tiber werfen, schließlich eine Telefonnummer anrufen und das Telefon dreimal klingeln lassen. Es würde niemand abnehmen. Mehr als 23 Jahre nach der Tat will das Gericht von Perugia jetzt herausgefunden haben, wo dieses Telefon stand: im Palast des Ministerpräsidenten Giulio Andreotti.

Als Mino Pecorelli um 20.44 Uhr aus dem Haus kam, fiel ihm - dem ansonsten übervorsichtigen Journalisten - nichts Verdächtiges auf. Er setzte sich in sein Auto und hatte kaum mehr Zeit, sich darüber zu wundern, dass der Wagen so schlecht ansprang. Aus nächster Nähe feuerte der Unbekannte drei Schüsse in die Brust Pecorellis, bevor er ihn mit einem Genickschuss tötete und spurlos im Dunkel verschwand.

Die Leiche wurde kurz nach der Tat gefunden. Zeugen gab es nicht, dennoch hatte die Staatsanwaltschaft im Laufe der jahrelangen Ermittlungen kaum Zweifel, wer den mutigen Journalisten erschossen haben könnte.

Ein Motiv hatte Licio Gelli, dessen P2 zwei Jahre später tatsächlich aufflog. Er hatte gefürchtet, von Pecorelli verraten zu werden. Gelli wurde wegen Mordes an Pecorelli vor Gericht gestellt und schließlich freigesprochen.

Ein Motiv hatte auch die Mafia Tano Badalamentis: Die professionelle Art des Mordes ließ ohnehin auf die Mafia schließen; Pecorelli hatte gegen die entstehende Drogenmafia Badalamentis recherchiert und wusste zu viel.

Und dann hatte noch ein Mann ein Motiv: Ministerpräsident Giulio Andreotti. Aber jahrzehntelang wagte Italien nicht einmal zu vermuten, dass der große Freund der Päpste in einen Mordfall verwickelt sein könnte.

Bis 1993: Bei einem Verhör in den USA erinnerte sich ein Mafia-Pate an den Mordfall Pecorelli: Tommaso Buscetta berichtete, dass der Pate Gaetano Badalamenti ihm anvertraut habe, dass er einen Killer nach Rom in die Via Orazio geschickt habe, um einen Journalisten zu ermorden. Badalamenti wollte damals einem wichtigen Freund in Rom einen Gefallen tun, und im Jahr 1993 verriet Buscetta auch, wer dieser Freund war: der siebenfache Ministerpräsident Andreotti.

Das Gericht in Palermo erhob daraufhin Anklage gegen Andreotti. Ihm wurde vorgeworfen, ein Mitglied der Mafia gewesen zu sein. In erster Instanz wurde er aber freigesprochen. Der Mordfall Pecorelli wurde dem Gericht in Perugia zugeschlagen, das den 83-jährigen Andreotti am Sonntagabend in zweiter Instanz zu 24 Jahren Haft verurteilte. Nach Meinung des Gerichts ließ Andreotti die Mafia Badalamentis wissen, dass er am Vorabend des Auftritts seiner fünften Regierung ein Problem gern los würde: das Problem Carmine Pecorelli.

Buscetta galt immer als glaubwürdiger Kronzeuge, weil er 22 Verwandte in Racheaktionen der Mafia verloren hatte. Warum hätte er im Fall Pecorelli lügen sollen, wo er in fast allen anderen Fällen die Wahrheit gesagt hatte? Aber warum hatte er zehn Jahre lang über Andreotti geschwiegen, obwohl er seit 1983 der italienischen Justiz als Kronzeuge geholfen hatte und unter neuer Identität lebte? Warum fiel ihm erst 1993 wieder der Name des Ministerpräsidenten ein? Und warum sagte Gaetano Badalamenti, der in den USA im Gefängnis sitzt, dass er nie einen Killer losgeschickt habe, um Andreotti einen Gefallen zu tun, da er doch nichts mehr zu verlieren hat, weil er lebenslänglich einsitzt?

Buscetta kann niemand mehr fragen, er starb vor zweieinhalb Jahren in den USA. Andreotti muss jetzt auf die letzte Instanz, den Kassationshof, hoffen, um dem Gefängnis zu entgehen.