"Moskwa"

Gesunkenes Schiff bringt Russland-Propaganda ins Straucheln

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Run auf Kriegsschiff-Briefmarke in der Ukraine

Run auf Kriegsschiff-Briefmarke in der Ukraine

In der Ukraine wollen zahlreiche Bürger eine Briefmarke erwerben, die das gesunkene russische Kriegsschiff "Moskwa" und einen ukrainischen Soldaten mit "Stinkefinger" zeigt. Die Briefmarke war nach kurzer Zeit ausverkauft.

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Die Ukraine soll das Kriegsschiff "Moskwa" abgeschossen haben. Russland verbreitet andere Erzählungen, ist dabei aber nicht konsequent.

Berlin. Russland verstrickt sich in unterschiedlichen Angaben über die gesunkene "Moskwa" ("Moskau"). Hatte es zunächst noch geheißen, das Kriegsschiff sei im Sturm untergegangen, verbreitet das Staatsfernsehen nun eine andere Geschichte. Sowohl Kiew als auch die US-Regierung hatten zwei ukrainische Neptun-Raketen für die gesunkene "Moskwa" verantwortlich gemacht.

Das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte ist bereits am Donnerstag gesunken, die ukrainische Regierung hatte zuerst darüber berichtet. So erklärte eine ukrainische Militärsprecherin, andere Schiffe hätten noch versucht, die "Moskwa" zu retten. Doch ein Sturm habe "sowohl die Rettungsaktion als auch die Evakuierung der Besatzung unmöglich" gemacht, so die Sprecherin.

Auch die russische Regierung hatte sich zunächst noch an dem Sturm als Erklärung bedient. Ursache für das gesunkene Schiff sei allerdings kein ukrainischer Angriff, sondern eine Verkettung unglücklicher Umstände.

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"Moskwa"-Untergang: Russland spricht von Unfall im Sturm

Das russische Verteidigungsministerium hatte am Donnerstag mitgeteilt, an Bord des Schiffes sei Munition explodiert und habe einen Brand ausgelöst. Während einer Abschlepp-Aktion der "Moskwa" habe das Schiff schließlich das "Gleichgewicht" verloren und sei durch den starken Seegang untergegangen.

Am Freitag bestätigte schließlich auch das US-amerikanische Pentagon, dass der Untergang von zwei Neptun-Raketen der ukrainischen Streitkräfte herbeigeführt worden sei.

Am Donnerstag hatte sich das Verteidigungsministerium mit einer Einschätzung noch zurückgehalten. Im russischen Staatsversion kursiert inzwischen eine ähnliche Geschichte.

"Moskwa"-Untergang laut Staatsfernsehen doch kein Unfall

So teilte die US-Amerikanerin Julia Davis, Journalistin und Expertin für russische Medien, auf Twitter einen Ausschnitt aus dem russischen Staatsfernsehen, in dem ebenfalls die Ukraine für den Untergang der "Moskwa" verantwortlich gemacht wird.

Der ehemalige Duma-Abgeordnete Wladimir Bortko zeigt sich in einer Talkshow sichtlich emotionalisiert über das gesunkene Schiff. Die Ukraine habe mit dem Abschuss das "Mutterland angegriffen", sagt Bortko. Von einem Unfall durch einen Munitionsbrand ist dort keine Rede.

Der Auftritt ist auf mehreren Ebenen verwirrend: Die Antwort auf den Angriff des Schiffes müsse Krieg sein, stammelt Bortko. Er fordert Vergeltung: "Ohne eine… Wie heißt es nochmal?" Die Moderatorin hilft schließlich aus: "Militärische Spezialoperation". So hatte Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg gegen die Ukraine genannt. Bortko hatte den Begriff offenbar vergessen.

Sturm von "Moskwa"-Untergang gab es offenbar gar nicht

Fragen wirft aber nicht nur der Ausrutscher im russischen Staatsfernsehen auf, sondern auch der vermeintliche Sturm als Ursache für den Untergang. Denn wo genau sich dieser Sturm aus den ukrainischen und russischen Erzählungen zugetragen soll, ist derzeit unklar. Mehrere Experten erklären auf Basis von Wetteraufzeichnungen inzwischen sogar, dass er nie existiert hat.

Der Wind in der Region um Sewastopol, wohin das Schiff mutmaßlich gebracht werden sollte, sei am Donnerstag nicht besonders stark gewesen, berichtete der US-Sender CNN unter Berufung auf einen früheren General. Sewastopol auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim ist der Hauptstandort der russischen Schwarzmeerflotte.

Der deutsche Wetterexperte Jörg Kachelmann erklärte ebenfalls, es habe keinen Sturm gegeben. Auf Twitter bezeichnete er die Angaben als "Lügen aus einer Zeit, in der man noch nicht wusste, wie das Wetter anderswo ist" und berief sich dabei auf die Aussage eines Users, wonach der Wellengang ein Schiff von derartiger Größe nicht versenken habe können.

"Moskwa"-Untergang: Russland greift Raketenfabrik an

Woran oder womit die "Moskwa" nun schlussendlich unterging, darüber scheint man sich in Russland noch nicht einig zu sein. Besonders die militärische Reaktion auf den Untergang der "Moskwa" lässt allerdings vermuten, dass es sich bei der ersten russischen Version um das gesunkene Schiff nicht um die Wahrheit handelt.

Seit dem Untergang des wichtigen Kriegsschiffes aus der Sowjet-Zeit verstärkte der Kreml seine Angriffe auf die Region Kiew erneut – nachdem er zuvor erklärt hatte, sich bei seiner Offensive auf die Ostukraine konzentrieren zu wollen.

Nach "Moskwa"-Untergang: Russland verstärkt Angriffe in der Ukraine
Nach "Moskwa"-Untergang: Russland verstärkt Angriffe in der Ukraine

Am Freitag griffen russische Truppen einen Rüstungskomplex nahe der Hauptstadt an, in dem laut der Webseite des staatlichen Rüstungskonzerns Ukroboronprom Neptun-Raketen produziert wurden. Gouverneur Olexander Pawljuk berichtete am Freitag von drei Luftangriffen in der Region um Kiew, dazu zahlreichen Bombardements im Osten des Landes.

Zuvor hatte eine Militärsprecherin bereits Sorge über russische Vergeltungsangriffe geäußert. Der Direktor des US-Geheimdienstes CIA, William Burns, ging sogar noch einen Schritt weiter: Er warnte davor, dass Russland angesichts einer "möglichen Verzweiflung" über militärische "Rückschläge" kleinere Atomwaffen einsetzen könne. (dpa/afp/reba)

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