Die Zahl derjenigen, die über den Balkan nach Europa kommen wollen, steigt wieder an – doch kaum jemand nimmt davon Notiz

Die Route der Vergessenen

Bihac. Manche erzählen, die alten Römer gaben dem Fluss seinen Namen. Una. Die Einzigartige, keine war schöner im ganzen Reich. Das Wasser schlängelt sich durch das Gebirge, von Kroatien bis nach Bosnien, über Wasserfälle und Stromschnellen, unter Brücken, durch die Städte Martin Brod und Bihac mit Kirche und Moschee. Enzian und Edelweiß blühen am Ufer. Die Berge sind im Sommer dicht bewachsen, eine grüne Tapete aus Eichen, Buchen, Fichten. In der Dämmerung sind die Hänge schwarz wie riesige Schatten am Himmel.

Was in diesen Tagen in den Wäldern zwischen Bosnien und Kroatien passiert – darüber gibt es zwei Erzählungen. Eine kommt von Angela Merkel. Die andere von Menschen wie Saifullah, Mitte 20, geflohen aus Afghanistan.

Saifullah, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte, weil er Angst hat, die Polizei könne ihn später erkennen, hockt auf Betonboden im dritten Stock einer Ruine am Rand der Stadt Bihac. Mit einem Nudelholz rollt Saifullah Teig aus. Mit dicken Ästen haben sie ein Feuer entfacht. Ein Freund neben Saifullah wendet das Fladenbrot in der Pfanne. Die beiden bereiten Proviant für ihre Flucht vor. Brot für zehn Tage, Wasser, Decken, Kekse und Akkus für ihre Handys, Geld, jeder, was er hat. Manche tragen ihren Ausweis mit, andere nicht.

Saifullah und seine Freunde sind nicht allein. Mehrere Hundert Menschen leben in dem Haus, das vor vielen Jahren ein Studentenwohnheim war und jetzt nur noch ein Gerippe aus dreckigen Mauern. Pakistaner, Afghanen, Syrer, Algerier, Iraner, fast nur Männer. Matratzen liegen auf dem staubigen Boden, mit Vorhängen aus Tischdecken oder Handtüchern haben sie sich Nischen gebaut. Wenn es regnet, sammelt sich das Wasser in Pfützen vor den Matratzen. Zelte stehen in einer Ecke, in der anderen stinkt es nach Urin. An den Wänden klebt Ruß vom Rauch der Lagerfeuer, überall Graffiti. „Every living creature dies alone“, hat jemand auf den Beton gesprüht. Jedes Lebewesen stirbt allein.

Zehn Tage, dann will Saifullah über die Grenze von Bosnien nach Kroatien sein, das nächste Level, weiter nach Slowenien, das nächste Level. Zehn Tage – und vielleicht schon in Italien.

Fast alle Menschen hier sprechen nicht mehr nur von „Flucht“. Sie sagen: „The Game“. Das Spiel. Als hätten sie dadurch ein paar Bonusleben. Jede Grenze ein neues Level. Ihr Gegner: die Polizei.

Doch von hier, der Ruine bei der Stadt Bihac, im äußersten Westen Bosniens und nur fünf Kilometer entfernt von der kroatischen Grenze, schafft es Saifullah nicht ins nächste Level. Seit drei Monaten nicht. Viermal habe der Afghane es versucht, so erzählt er, 16 Stunden laufen sie am Tag, immer durch den dichten Wald, der sie schützen soll vor der Polizei. Sie navigieren mit den GPS-Daten, die ihnen das Handy anzeigt. Zweimal war Saifullah schon in Slowenien, zweimal in Kroatien. Immer habe ihn die Polizei zurückgeschickt. So geht es vielen. Einen Antrag auf Asyl habe er dort nicht stellen können, sagt er.

2015 und 2016 lief die Route der Geflüchteten über den Balkan weltweit auf Bildschirmen, übertragen von Kamerateams. Eine Million Menschen kam aus der Türkei über das Mittelmeer nach Griechenland und dann weiter über Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich vor allem nach Deutschland. Die Balkanroute war über Monate ein großer Treck der Verzweifelten und Hoffenden. Dann bauten erst die Ungarn einen Zaun, dann Mazedonien und Slowenien. Routen wechselten ihren Kurs, versackten im Schlamm. So wie in Idomeni, ein Ort zwischen Griechenland und Mazedonien. Und die Kameras verschwanden.

Heute schaut kaum noch jemand auf den Balkan. Dabei steigt die Zahl der Migranten wieder an. Doch die Verzweifelten haben kaum noch Hoffnung.

Hier, in den Wäldern zwischen Kroatien und Bosnien, zeigt sich, wie gut das Projekt „Grenzschutz“ der Europäischen Union funktioniert. Wie gut oder schlecht eine Gemeinschaft von Staaten Migration und Asyl kontrollieren kann, ohne Reisefreiheit, Handel und Humanität zu gefährden. Die Antworten? Eine Frage der Perspektive.

Ende August besuchte der kroatische Ministerpräsident Andrej Plenkovic Bundeskanzlerin Merkel. Es war einer der Termine, die im Getöse der Berliner Republik eher untergehen. Doch Merkel fand großes Lob für ihren Kollegen. Kroatien leiste „herausragende Arbeit beim EU-Außengrenzschutz“. Die Kanzlerin wolle das „ausdrücklich würdigen“, man arbeite „eng“ und „vertrauensvoll“ zusammen. Merkel, Plenkovic und die EU erzählen ihre Geschichte – von einer Grenze auf dem Balkan, die niemand unkontrolliert durchdringt. Von einer EU, die besser funktioniert als 2015.

Der junge Afghane Saifullah sagt, dass kroatische Polizisten Flüchtlinge schlagen würden. Dass manche ihre Handys zerstören und ihr Geld klauen würden. Und nicht nur Saifullah berichten das, sondern fast alle hier in Bihac und in einem anderen Camp, 50 Kilometer nördlich, im Ort Velika Kladusa. Ein junger Iraker zeigt Fotos, auf seinem Rücken und an der Schulter große rote Blutergüsse. Ein junger Pakistaner holt sein Handy raus, das Glas des Displays zersplittert. Ein Mann aus Libyen berichtet von einer iranischen Familie, mit der er gemeinsam die Flucht riskierte. „Als wir geschnappt wurden, klaute die Polizei der Familie ihr Geld, 800 Euro. Die Polizisten schlugen den Vater vor den Augen der Kinder“, sagt der Mann.

Überprüfen lassen sich diese Geschichten nicht. Doch die zerstörten Handys und Fotos sind Indizien. Neven Crvenkovic vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, nimmt diese Vorwürfe „sehr ernst“. Es gebe zudem Berichte der bosnischen Polizei, in denen Flüchtlinge von Übergriffen auf kroatischer Seite berichten. Auch der Bürgermeister von Bihac und ein Arzt in Velika Kladusa bestätigen zumindest die Verletzungen.

Die kroatische Regierung weist die Anschuldigungen zurück. Die Grenzpolizei würde sich an das Gesetz halten und „internationale Standards“ befolgen, hieß es bisher immer. Nachfragen dieser Redaktion ließ die Regierung in Zagreb unbeantwortet. Das Bundeskanzleramt schreibt auf Anfrage, dass die Missbrauchsvorwürfe bislang „nicht zweifelsfrei bewiesen werden“ konnten. Gleichwohl spreche die Kanzlerin mit der kroatischen Führung über das Thema. „Nach Kenntnis der Bundesregierung ergaben alle bisher in Kroatien eingeleiteten Untersuchungen keinen Anfangsverdacht einer Straftat durch kroatische Polizisten.“

Was bleibt, ist die Wirkung. So wie das umstrittene Abkommen der EU mit der Türkei und die Schließung der Balkanroute durch Ungarn ist auch Härte des Grenzregimes ein Symbol in der europäischen Asylpolitik geworden. 2015 nannten viele Flüchtlinge die Kanzlerin noch „Mama Merkel“, sie hielten Plakate in die Luft mit „Merkel help us“. In der Ruine bei Bihac schimpfen sie darüber, dass Merkel die „schlagende kroatische Polizei“ finanziere.

Menschen wie Saifullah sagen, sie hätten Angst, irregulär die Grenze zu überqueren. Und trotzdem probieren sie es. Und es werden mehr. 2017 registrierte Bosniens Polizei nur 755 Flüchtlinge. 2018 sind es bisher schon 13.184. In Albanien: 1049 Geflüchtete 2017, mehr als 4000 schon dieses Jahr. In Montenegro dasselbe: 2017 noch 849, jetzt 3280. Wer die Zahlen des UNHCR mit der Landkarte abgleicht, erkennt die neue Route über den Balkan. Sie führt nicht mehr über den Norden, sondern entlang der Adria. Menschen fliehen auch aus dem Iran. Mit einem Touristenvisum können sie nach Serbien reisen – und von dort über Bosnien in Richtung EU. Doch gilt auch: Die Zahlen auf der Balkanroute liegen meilenweit unter denen von 2015.

Von den mehr als 13.000 Flüchtlingen, die bei den bosnischen Beamten an der Grenze Asyl anmeldeten, stellte nur jeder Zehnte einen Antrag. Fast keiner will hierbleiben. Die Camps im Land sind halb gefüllt. Die Lager in Bihac dagegen überfüllt. Und Menschen wie Suhret Fazlic sagen, dass sie sich alleingelassen fühlen. Fazlic ist Bürgermeister von Bihac, verantwortlich für 60.000 Einwohner. Er lädt zum Gespräch in sein Büro im Stadtzentrum. Im April hätten 20 Geflüchtete vor der Moschee gezeltet, sagt Fazlic. „So fing es an.“ Dann wurden es Tag für Tag mehr. In Bihac passierte das, was Europa immer wieder erlebt. Eine neue Route entsteht – und eine Dynamik, die eine Regierung, ein Land allein nicht kontrollieren kann.

Oder will.

Lange passierte auch in Bihac nichts. Die Menschen schliefen auf Feldern, in der Fußgängerpassage, in der Ruine. Fazlic sagt, er bekomme von der Regierung in der Hauptstadt keine Hilfe. Weil er nicht zur Regierungspartei gehört. Weil der Wahlkampf für das Parlament läuft – und Hilfe für Flüchtlinge ist kein Gewinnerthema. Eher Härte.

Einzelne Anwohner würden von Diebstahl berichten, sagt Fazlic. Manchmal waschen Flüchtlinge ihre Kleidung in der Una, ein paar Mal kam es zu Schlägereien. „Doch angesichts der Ausnahmesituation und der Anspannung ist es friedlich.“ Einmal seien sogar ein paar Hundert Flüchtlinge aus der Ruine ins Stadion gekommen und hätten die lokale Fußballtruppe angefeuert.

Orte wie Bihac spüren das Versagen der EU am stärksten

Europas Grenzorte wie Bihac, Idomeni oder Calais spüren die Entscheidungen der Regierungen in den Hauptstädten als Erstes. Und am stärksten.

Bihac kennt Krieg und Flucht. Die Osmanen lieferten sich hier Schlachten mit den Habsburgern. 1941 marschierte die Wehrmacht in die Stadt ein. In den Balkankriegen war das bosnische Bihac von serbischen Truppen umzingelt. Heute herrscht Frieden – und die Flüchtlinge sind trotzdem da. Vor einigen Wochen fuhr Fazlic mit vier anderen Bürgermeistern aus der Region nach Sarajevo. Vor dem Sitz der Regierung protestierten sie, gaben Interviews, beklagten das „Nichtstun der Politik“. Geholfen habe das nicht, sagt Fazlic. Bisher. Hilfsorganisationen wie Danish Refugee Council und UNHCR haben mit EU-Geld ein leerstehendes Hotel als Unterkunft für Familien und Kinder eingerichtet. Zumindest die Schwachen sollen geschützt sein. Bedingung: Die Familien müssen in Bosnien Asyl beantragen. Nicht unwahrscheinlich, dass sie nach kurzer Zeit dennoch alleine oder mit Hilfe von Schleusern aus dem Hotel in Richtung Grenze verschwinden.

Ejaz will übermorgen los. Der Mann aus Pakistan ist 40 Jahre alt. Er steht vor der Ruine bei Bihac. Vor vier Monaten habe Ejaz seine Frau, die zwei Söhne und die Tochter verlassen müssen. Er berichtet von einer Fehde, sein Onkel und dessen Sohn seien ermordet worden. Zum vierten Mal wird Ejaz nun die Flucht nach Kroatien versuchen. Zum vierten Mal spielt er das „Game“.

Neben Ejaz geben Helfer Essen aus, Sanitäter vom Roten Kreuz säubern eiternde Wunden oder verteilen Aspirin. An der Wand bei den Waschcontainern hängt eine Karte. Sie zeigt die Berge, den Fluss Una, die Straßen und Brücken. Auf der Karte sind die Wälder um Bihac grün eingezeichnet, gesprenkelt mit roten Punkten. Dort, so warnt die Karte Menschen wie den Afghanen Saifullah und den Pakistaner Ejaz, liegen noch Minen aus dem Balkankrieg. Dort kann das „Spiel“ tödlich enden.