Berlin

„Ich fühlte mich im Recht“

Der Flüchtling Knaan Al S. attackierte in Berlin einen 21-Jährigen, der eine Kippa trug. Seit Dienstag steht der 19-Jährige vor Gericht

Berlin.  Janina L. ist eine couragierte Frau. Die 44-jährige Hamburgerin saß am 17. April dieses Jahres in einem Restaurant unweit der Raumerstraße in Berlin-Prenzlauer Berg. Zunächst seien ihr die beiden jungen Männer mit der Kippa aufgefallen, sagte sie am Dienstag vor einem Jugendschöffengericht. Wenig später habe sie drei mit Koffern und Taschen beladene junge Männer auf der anderen Straßenseite gesehen, die auf Arabisch laut schimpften. „Es war mir sehr schnell klar geworden, in welche Richtung das ging“, sagte sie.

Die Werbefachfrau gilt als wichtige Zeugin in einem Prozess gegen den 19-jährigen Knaan Al S., der an diesem Tag einen 21-Jährigen, der eine Kippa trug, antisemitisch beleidigt und mit einem Gürtel heftig geschlagen haben soll. Die Anklage lautet gefährliche Körperverletzung und Beleidigung. Dabei kann sich die Staatsanwaltschaft auf ein Handyvideo stützen, dass das Opfer Adam A. während des Angriffs aufgenommen hat. Diesen Film hatte er später ins Internet gestellt. Auch vor Gericht wurde er mehrfach betrachtet.

Knaan Al S. hat die Vorwürfe dann auch gleich zu Prozessauftakt zugegeben. „Ich entschuldige mich, dass ich ihn geschlagen habe“, sagte er, und dass er sich „im Recht gefühlt“ habe, weil er zuvor beleidigt worden sein. Den Vorwurf, dass der Angriff einen antisemitischen Hintergrund habe, wies er zurück. „Für mich sind alle Menschen gleich. Juden, Christen und alle anderen. Wenn ich was gegen Juden hätte, wäre ich doch nicht nach Deutschland, sondern nach Palästina gegangen.“ Seine Familie lebt in Syrien und hat palästinensische Wurzel. „Meine Eltern haben gesagt, ich soll nach Deutschland flüchten und mich dort in Sicherheit bringen“, sagte er. Das hätten er und ein Bruder 2015 getan.

Am 14. April half Knaan Al S. einem Cousin bei dessen Umzug in eine Wohnung in Prenzlauer Berg. Er, der Cousin und ein Freund des Cousins waren mit Koffern und Taschen beladen. Es sei ein langer Fußmarsch gewesen; für Knaan Al S. besonders belastend, weil er nach eigener Aussage vorher heimlich gekifft und Ecstasy genommen habe. Am Ende habe er dem Cousin Vorwürfe gemacht, dass es so lange dauere. Das war schon in der Raumerstraße. Dabei habe er ihn auch auf Arabisch beschimpft. Unter anderem soll auch der Satz „ich verfluche deine Juden“ gefallen sein. Und dann habe es plötzlich Beschimpfungen von einem der Jungs auf der anderen Straßenseite gegeben. Er habe sich vergewissert: „Meinst du mich?“ Und der andere habe erwidert: „Ja, dich, du Hurensohn!“ Woraufhin Knaan Al S. wütend über die Straße lief, den Gürtel aus der Hose zog und brüllte: „Warum beschimpfst du mich? Ich habe dir nichts getan!“ Anschließend habe er dreimal zugeschlagen. Und erst vor dem letzten Schlag will er gesehen haben, dass Adam A. eine Kippa trug. Deswegen habe er auch das Wort „Jude“ gerufen. Ob „Jude“ für ihn ein Schimpfwort sei, wollte der Vorsitzende des Jugendschöffengerichts Günter Räcke wissen. Es sei nur so ein Spruch, antwortete Knaan Al S. Und auf Nachfrage des Richters: Ja, es sei schon ein Schimpfwort, aber es beziehe sich nur auf eine Person, über die man sich gerade ärgere, nicht auf alle Juden.

Adam A. hat den Fall anders in Erinnerung. Der Student für Tiermedizin sagte: „Ich würde die Kippa nicht wieder aufsetzen, wenn ich allein bin.“ Am 17. April habe er gerade auf seinem Handy etwas gelesen, als er das Wort „Schlampe“ auf Arabisch hörte. Wenig später sei Knaan Al S. auf ihn zugerannt, habe ihn beschimpft und ihn mit dem Gürtel geschlagen. Dass sein Begleiter, ein Deutsch-Marokkaner, Knaan Al S. vorher beleidigte, hatte der Israeli nicht gehört. Richtig ist jedoch, dass Knaan Al S. auf dem Video beim Heranstürmen schreit: „Warum beleidigst du uns?“

Janina L.war damals aus dem Restaurant sofort zu den Männern gerannt und hatte auf Englisch geschrien, dass sie die Polizei rufen werde. Zu dem Angeklagten habe sie gesagt: „Wir sind hier in Deutschland und dulden so etwas nicht!“ Er habe geantwortet: „Ich bin Palästinenser.“ Worauf sie erwiderte: „Das ist mir egal.“ Er sei drohend näher gekommen, sagte sie. „Da habe ich schon Angst bekommen.“ Der Prozess wird am 25. Juni fortgesetzt.