Berlin

Deutschland hinkt beim schnellen Internet hinterher

Berlin. Die große Koalition aus Union und SPD hat sich in Sachen Gigabit-Gesellschaft große Ziele gesetzt: Ein flächendeckender Ausbau mit Gigabit-Netzen bis 2025 soll erreicht werden, heißt es auf Seite 38 des Koalitionsvertrages. „Glasfaser in jeder Region und jeder Gemeinde, möglichst direkt bis zum Haus.“ Schulen, Gewerbegebiete und Krankenhäuser sollen schon in dieser Legislaturperiode direkt an das Glasfasernetz angebunden werden.

Doch der Weg in die digitale Zukunft in Deutschland ist steinig. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie unter Federführung des Forschungsinstituts IW Consult im Auftrag der Vodafone-Stiftung, die dieser Redaktion exklusiv vorliegt. Vodafone will den deutschen Kabelnetzbetreiber Unitymedia schlucken. Die Zustimmung der Kartellbehörden für den Deal steht noch aus. Die Firma verspricht im Fall einer Übernahme, „in den kommenden vier Jahren 12 Milliarden Euro zu investieren, um 50 Millionen Menschen Gigabit-Anschlüsse zu bringen“, so der deutsche Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter. Die Studie mache deutlich, dass die Ausbauziele der Politik in Deutschland in den vergangenen Jahren viel zu bescheiden ausgefallen seien, sagte er dieser Redaktion.

Die Volkswirtschaft könnte enorm profitieren

Aktuelle Zahlen zeigen, dass Deutschland in den vergangenen Jahren beim Breitbandausbau nachgelegt hat. Die Breitbandanschlüsse mit mindestens 30 und 100 Mbit/s je 1000 Einwohner sind laut EU-Kommission seit 2010 gestiegen. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schneidet die Bundesrepublik jedoch nur durchschnittlich oder sogar unterdurchschnittlich (100 Mbit/s) ab. Besonders bei der Anbindung mit schnellem Internet hakt es: „Im weltweiten Vergleich der Ausstattung mit Hochgeschwindigkeitsnetzen ist Deutschland nur Mittelmaß“, schreiben die Verfasser der Studie. Zwar habe sich die Durchschnittsgeschwindigkeit im Festnetz in den vergangenen fünf Jahren auf aktuell 15,3 Mbit/s fast verdreifacht. Dennoch liege Deutschland hinter den Spitzenreitern aus Asien und vielen europäischen und nordamerikanischen Staaten zurück und belege im internationalen Vergleich nur den 23. Platz. Die durchschnittliche Verbindungsgeschwindigkeit ist mit 28,6 Mbit/s in Südkorea am höchsten, es folgen Norwegen und Schweden. Auch hat sich in den vergangenen zwei Jahren der Anteil der reinen Glasfaseranschlüsse an allen Breitbandanschlüssen laut OECD nur von 1, 3 Prozent auf 2,1 Prozent entwickelt. „Statt den überfälligen Glasfaserausbau wie international üblich gezielt voranzutreiben, fällt Deutschland weiter zurück“, heißt es in der Studie. Zum Vergleich: In Japan und Südkorea bestehen rund drei Viertel aller Breitbandanschlüsse aus reinen Glasfaserkabeln.

Dabei birgt der Ausbau von leistungsstarken Internet-Verbindungen laut Berechnungen der Autoren für die deutsche Wirtschaft gewaltige Potenziale. Eine Erhöhung der durchschnittlichen Übertragungsgeschwindigkeit um ein Mbit/s würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 11,8 Milliarden Euro pro Jahr erhöhen. Ein Prozent mehr Glasfaseranschlüsse würde zu einem jährlichen BIP-Wachstum von rund einer Milliarde Euro, beziehungsweise 135.600 Euro je Anschluss führen.

Die Internetnutzung hierzulande jedenfalls wächst: In Deutschland sind nach Zahlen der Weltbank mit 74 Millionen Menschen knapp 90 Prozent der Bevölkerung online. 63 Prozent der deutschen Dienstleistungsunternehmen schätzen den Einfluss der Digitalisierung auf ihren Unternehmenserfolg als hoch ein. Doch nach wie vor klaffen zwischen Stadt und Land erhebliche Unterschiede. So ist der Anteil der Unternehmen, die über Anschlüsse in der Bandbreitklasse mit mindestens 50 Mbit/s verfügen, in ländlich geprägten Gebieten etwa halb so hoch wie im deutschen Durchschnitt. In städtischen Gebieten ist die Verfügbarkeit dafür höher. Auch bei den Haushalten gibt es ein Stadt-Land-Gefälle. Im städtischen Raum haben 90,3 Prozent der Haushalte diese Verbindung, im ländlichen Raum sind es gerade mal 36,2 Prozent.