Berlin.

Es klingt wie der kollektive Wunschtraum aller Frauenministerinnen: Der Aufsichtsrat eines deutschen Dax-Konzerns wird von einer weiblichen Doppelspitze regiert. Doch es ist kein Traum. Bei Henkel in Düsseldorf lenken jetzt zwei Frauen das Kontrollgremium, Aufsichtsrat-Chefin Simone Bagel-Trah und die langjährige Betriebsrätin Birgit Helten-Kindlein. Tut sich also endlich was in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft? Vor genau drei Jahren, am 1. Mai 2015, trat die gesetzliche Frauenquote für große Unternehmen in Kraft. Die Bilanz ist trotz solcher Vorreiter wie Henkel jedoch insgesamt nur durchwachsen. Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) droht säumigen Unternehmen bereits mit Strafen. Auch Experten beklagen: Es geht viel zu langsam voran. Muss jetzt die Quote verschärft werden?

Wo gilt die Frauenquote?
Das Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen war 2015 die Antwort der Politik auf die deutschen Unternehmen, die sich zwar verpflichtet hatten, mehr Frauen in Spitzenjobs zu holen – es aber kaum taten. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich lange gegen eine gesetzliche Frauenquote gesperrt hatte, war schließlich überzeugt: Ohne Quote geht es nicht. Doch die Quote, die dann kam, war eher ein „Quötchen“, wie Kritiker spotteten: Das Gesetz zwingt gerade einmal 104 börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen, schrittweise eine Frauenquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat zu erreichen. Rund 3500 große Unternehmen sind zudem verpflichtet, für ihre Aufsichtsräte, Vorstände und obersten Management-Ebenen freiwillige Zielgrößen für den Frauenanteil zu bestimmen. Unternehmen, die keine Frau in den obersten Riegen haben, dürfen aber auch weiterhin die Zielgröße „null“ festlegen.

Wirkt die gesetzliche Quote?

Ja, sagt Ministerin Giffey. Seit 2015 habe sich viel verändert. Damals lag die Quote bei den Aufsichtsräten der Konzerne, die unter die neue Regelung fallen, im Durchschnitt bei 21,9 Prozent. Jetzt liegt sie bei 30,9 Prozent. Eine Steigerung um neun Prozentpunkte – das sei gut: „Das Gesetz wirkt.“ Zum Vergleich: Die 82 Dax-Unternehmen, die nicht unter die feste Quote fallen, verzeichneten im selben Zeitraum lediglich einen Anstieg des Frauenanteils von 5,9 Prozent. Das geht aus dem aktuellen „Women-on-Board-Index 2018“ im Auftrag des Bundesfrauenministeriums hervor. Erreicht haben das 30-Prozent-Ziel bereits 66 der 104 Unternehmen, einige sind sogar schon deutlich weiter: Zu den Vorreitern gehören die Unternehmen Bilfinger SE und die Ceconomy AG (Media Markt, Saturn) mit 50 Prozent Frauen im Aufsichtsrat sowie die Deutsche Telekom mit einem Frauenanteil von 45 Prozent. Jedes der vom Gesetz betroffenen Unternehmen hat mindestens eine Frau im Aufsichtsrat, insgesamt liegt dadurch die Quote inzwischen bei fast 31 Prozent.

Doch Giffey schaut nicht nur auf die Kontrollgremien: „Bei den Vorständen hat sich in keiner Weise etwas getan. Da sind wir bei rund sechs Prozent Frauenanteil.“ Die Zuversicht bröckelt, dass durch die Quote für die Aufsichtsräte automatisch auch mehr Frauen in den Vorständen und obersten Management-Ebenen ankommen würden. Das aktuelle Managerinnen-Barometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zieht eine ernüchternde Bilanz: Von einer Signalwirkung für Vorstände und Geschäftsführungen könne keine Rede sein, dort herrsche nahezu Stillstand. In manchen Branchen, etwa bei den Versicherungen, sei der Anteil der weiblichen Vorstände sogar zurückgegangen. Giffey stellt deswegen dieselbe Frage, die schon ihre Vorgängerinnen Ursula von der Leyen (CDU) und Manuela Schwesig (SPD) stellten: „Was tut man, wenn Gleichstellung von alleine nicht funktioniert?“ Es ist eine rhetorische Frage. Giffey würde das Gesetz gerne verschärfen, etwa durch eine Quote für die Vorstände. „Wünschenswert“, sei das, sagte sie dieser Redaktion. Doch eine gesetzliche Verschärfung sieht der Koalitionsvertrag nicht vor. Und Giffey will sich nicht schon in den ersten Wochen im Amt mit der Union anlegen.

„Es ist ein Ritt auf der Schnecke“, beklagt Elke Holst, Forschungsdirektorin am DIW. Jenseits der Aufsichtsräte verändere sich zu wenig. Auch deshalb, weil viele Unternehmen auf eine falsche Strategie gesetzt hätten: „Sie haben es versäumt, die personelle Pipeline so zu entwickeln, dass man aus einem großen Pool schöpfen kann“, sagte Holst dieser Redaktion. Die Unternehmen müssten Anreizsysteme schaffen, um mehr Frauen an die Spitze zu bekommen – zum Beispiel mithilfe eines Bonus für Manager, die weibliche Karrieren erfolgreich umsetzen. „Der Druck wird steigen, wenn nichts passiert“, prognostiziert Holst.

Was will die GroKo ändern?

Das Quoten-Gesetz soll nicht verschärft, seine Wirksamkeit aber verbessert werden. Vor allem im Bereich der freiwilligen Zielvorgaben für die Führungsetagen: „Viele Unternehmen nennen als Zielgröße eine Null“, beklagt Giffey. „Das ist eine rückwärtsgewandte Unternehmenspolitik. Reine Männerclubs sind aus meiner Sicht nicht mehr zeitgemäß.“ Unternehmen, die nicht begründen, warum sie keine geeigneten Frauen finden, sollen künftig mit Ordnungsgeldern bestraft werden. Dasselbe soll auch für diejenigen gelten, die ihrer Meldepflicht bislang noch gar nicht nachkommen.

Die GroKo nimmt sich aber auch selbst in die Pflicht: „Dem öffentlichen Dienst kommt für die Gleichstellung von Frauen und Männern eine Vorbildfunktion zu“, heißt es im Koalitionsvertrag von Union und SPD. Bis 2025 soll eine 50-Prozent-Quote für Frauen und Männer in Leitungsfunktionen des öffentlichen Dienstes erreicht sei. Das betrifft auch die Leitung der Ministerien. Doch gerade hier muss die Frauenministerin besonders dicke Bretter bohren: Etliche Ministerien sind an der Spitze ausschließlich mit Männern besetzt, Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) etwa hat ausschließlich Männer zu Staatssekretären gemacht. Er hat bereits Post von Giffey bekommen.