Dresden/Berlin

Erst Wahlverlierer, jetzt Regierungschef

Dresden/Berlin.  Vor ein paar Tagen veröffentlichte er auf Twitter ein Foto von sich beim Holzhacken. Die Botschaft: Ich habe Kraft und Ausdauer, ich packe an.

Diese Fähigkeiten braucht Michael Kretschmer (CDU) jetzt auch. Als neuer Ministerpräsident von Sachsen muss er vor allem die AfD bekämpfen, die im Freistaat bei der Bundestagswahl mit 27 Prozent knapp vor der CDU lag. Die Stärke der neuen Partei in seiner Heimat bekam Kretschmer auch unmittelbar zu spüren: Der Görlitzer unterlag in seinem Wahlkreis knapp gegen den bis dahin unbekannten AfD-Kandidaten Tino Chrupalla. Der saß auf einmal im Bundestag, Kretschmer nicht mehr. Seine Karriere hatte einen deutlichen Dämpfer bekommen – ihm blieb noch sein Posten als CDU-Generalsekretär in Sachsen. Der Aufstieg zum Ministerpräsidenten kam dann etwas plötzlich, nachdem Stanislaw Tillich im Oktober seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Sachsen wird von einer Koalition aus CDU und SPD geführt. Kretschmer bekam am Mittwoch bei der Wahl im Landtag 69 von 77 Stimmen aus den Koalitionsreihen. Damit ist der 42-Jährige der jüngste amtierende Ministerpräsident Deutschlands, noch vor Daniel Günther (44) aus Schleswig-Holstein. Er regiert nun Sachsen, mit etwa vier Millionen Menschen das Ost-Bundesland mit den meisten Einwohnern. Und damit eine Region, die in den vergangenen Jahren vor allem mit negativen Meldungen in die Schlagzeilen kam. In Dresden gingen Anhänger des islamfeindlichen Bündnisses Pegida auf die Straße, in vielen Städten wurden Flüchtlinge attackiert. Kretschmer wird auf die Stimmung in seiner Heimat eine Antwort finden müssen. Sein Vorgänger Tillich war wegen seines zögerlichen Verhaltens bei diesen Themen oft kritisiert worden. Kretschmer, von dem sich die Sachsen-CDU einen Neustart erhofft, hat sich in der Flüchtlingsfrage teilweise klar positioniert, zum Beispiel verteidigte er 2015 den Zaun der Ungarn. Zuletzt sagte er, beim Thema Flucht brauche Deutschland eine „gesellschaftliche Befriedung“.

Zuspruch für den jungen Politiker gab es zuletzt aus berufenem Mund. Alt-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der bei der Landtagswahl 1999 noch 56,9 Prozent für die Sachsen-CDU holte, hält viel von Kretschmer. „Das kann was werden mit dem jungen Mann“, sagte „König Kurt“ zuletzt, wobei er bisher nicht mit Lob für seine Nachfolger aufgefallen wäre. Vor Kurzem hatte er noch gesagt, Tillich fehle die „Vorbildung“ für das Amt des Regierungschefs.

Eine lange Einarbeitungsphase kann sich Kretschmer nicht leisten. Schon im Sommer 2019 stehen die nächsten Landtagswahlen an. Bis dahin sollte der Vater von zwei Kindern die AfD wieder überholt haben. Etwas abstrakter: Er muss beweisen, dass die CDU immer noch Volkspartei ist. Dies hätte dann auch eine Wirkung über die Grenzen Sachsens hinaus.