Madrid/Barcelona

Die eiserne Statthalterin

Madrid/Barcelona.  Sie ist zierlich, misst gerade einmal anderthalb Meter. Doch der Schein trügt. Wenn Soraya Sáenz de Santamaría spricht, wie dieser Tage in Madrid, kann sie mit butterweicher Stimme Sätze sagen, die es in sich haben. Das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien am 1. Oktober sei „gegen die Verfassung“, „gegen unsere Lebensform“ und „antidemokratisch“, betont die 46-Jährige. Eine dunkle Haartolle bedeckt ihre Stirn, der Blick ist fest, nur die linke Augenbraue biegt sich leicht nach oben.

Sáenz de Santamaría gilt als Spaniens „eiserne Lady“. Sie ist die Stellvertreterin von Ministerpräsident Mariano Rajoy. Gerade hat der ihr den Auftrag erteilt, in Spaniens Krisenregion Katalonien die Kontrolle zu übernehmen - als Statthalterin des Regierungschefs. Und zwar so lange, bis in Barcelona eine neue Führung im Amt ist. Was vermutlich Anfang nächsten Jahres der Fall sein wird. Für den 21. Dezember sind Neuwahlen in Katalonien angesetzt.

Dass die studierte Juristin den Job kann, bezweifeln nur wenige. Sie hat früh gelernt, sich durchzubeißen - verbindlich im Ton und knallhart in der Sache. Bereits als Kind war sie sehr ehrgeizig. In einer Biografie erzählen ehemalige Lehrer, die Tochter einer Friseurin und eines Mannes ohne gelernten Beruf sei in Tränen ausgebrochen, wenn sie keine glatte Eins bekommen habe. „Wenn du eine Frau bist und nur 1,50 groß bist, sieht man dich als verwundbar an“, bekannte Sáenz de Santamaría einmal.

Ihre politische Karriere startete sie mit 29. Damals fuhr die junge Landesanwältin im Bus von ihrer Geburtsstadt Valladolid in die Hauptstadt Madrid. „Man hat mich genommen, weil ich dem Druck standhalte“, resümiert sie heute. Seit 2004 sitzt sie für die konservative Volkspartei (PP) im nationalen Parlament in Madrid. Seit 2011 ist die Vize-Ministerpräsidentin.

Bis heute bilden sie und der oft hölzern und spröde wirkende Rajoy ein eingespieltes Duo. Als es darum ging, die Separatisten in Katalonien zu warnen und zur Rückkehr zur Rechtmäßigkeit aufzurufen, trat Sáenz de Santamaría im Namen von Rajoy vor die Mikrofone. Auch wenn Spannungen in der Luft lagen, scheute sie vor nichts zurück. Während Spaniens schwerer Finanz- und Wirtschaftskrise, die inzwischen überwunden ist, hielt sie jahrelang als Sprecherin der Rajoy-Regierung in der Öffentlichkeit ihren Kopf hin. Sie verteidigte die harten und unpopulären Sparmaßnahmen, ihr Chef ging derweil auf Tauchstation.

Auch im Katalonien-Konflikt zieht „Soraya“, wie sie in ganz Spanien genannt wird, die Fäden. Sie soll in der nordostspanischen Autonomieregion die Kastanien aus dem Feuer holen. Und dafür sorgen, dass wieder Ruhe einkehrt. „Wir müssen Katalonien retten“, forderte Sáenz de Santamaría kürzlich im spanischen Senat. Dort, im parlamentarischen Oberhaus, verteidigte sie im Auftrag Rajoys die Zwangsmaßnahmen gegen die Rebellenregierung in Barcelona.

Nun unterstehen ihr die nahezu 200.000 Angestellten der katalanischen Verwaltung. Obwohl befürchtet worden war, dass sie auf massiven Ungehorsam in den Regionalbehörden stoßen würde, schaffte Sáenz de Santamaría das Wunder: Die vorübergehende Machtübernahme in Barcelona lief – bislang – ohne größere Probleme ab.

Vielleicht auch, weil Sáenz de Santamaría dafür sorgte, dass es nicht zu einer Invasion von Madrider Beamten in Barcelona kam. Denn statt Aufpasser der Zentralregierung zu schicken, wurde loyalen Spitzenbeamten die Aufsicht vor Ort überragen – und es scheint zu funktionieren. Für alle Fälle hatte aber Kataloniens neue starke Frau klargemacht, dass Widerstand nicht folgenlos bleiben werde. Ihre Botschaft: Wer die Zusammenarbeit verweigere, der müsse erst mit Gehaltsstopp, dann mit rechtlichen Sanktionen und im schlimmsten Fall mit Entlassung rechnen.

„Soraya wird einmal Regierungschefin sein“

„Regieren heißt, schwierige Entscheidungen zu treffen“, lautet ihr Arbeitsmotto. Weil sie sehr entscheidungsfreudig ist, schickt sie Rajoy regelmäßig an die Front. Er selbst hat eher den Ruf, die Probleme vor sich herzuschieben. Da kommt ihm seine zupackende Stellvertreterin gerade recht.

Dass sie hart im Nehmen ist und mit Mehrfachbelastungen umgehen kann, bewies sie immer wieder. 2011 wurde sie von Rajoy zur Vizepremierministerin ernannt. Gerade einmal einen Monat zuvor hatte sie ihren Sohn Iván zur Welt gebracht. „Sie ist die mächtigste Frau Spaniens“, schwärmte die Wirtschaftszeitung „El Economista“. Nun muss sie in Katalonien „die größte Herausforderung der spanischen Demokratie“ bewältigen, wie die renommierte Tageszeitung „El País“ schrieb. Wenn sie das schafft, dann dürfte die Prognose ihres Parteikollegen Alfonso Alonso Wirklichkeit werden: „Soraya wird einmal Regierungschefin sein.“