Abendblatt-Interview

Markus Wasmeier: „Heimat ist wichtig, gerade in dieser Zeit“

Der Ex-Skifahrer
Markus Wasmeier
(54) betreibt ein
Freilichtmuseum
in Schliersee

Der Ex-Skifahrer Markus Wasmeier (54) betreibt ein Freilichtmuseum in Schliersee

Foto: Markus Wasmeier

Der Autor und ehemalige Profisportler erklärt, warum Heimat für ihn vor allem ein Gefühl ist. Die Herkunft sei nicht entscheidend.

Hamburg. Markus Wasmeier ist spätestens seit seinem zweifachen Olympiatriumph in Lillehammer eine Sportlegende. Nach seiner Karriere baute er in Schliersee ein Freilichtmuseum auf. Nun erscheint sein Buch „Dahoam“. Ein Gespräch übers Weltenbummeln, über Heimat und Schicksalsschläge.

Ihr erstes Buch hieß: „Pisten-fit mit Markus Wasmeier: Skigymnastik für jedes Gelände“. Nun haben Sie mit „Dahoam“ ein ganz anderes Buch verfasst – eine Autobiografie, einen Ratgeber, ein Heimatbuch. Warum?

Markus Wasmeier: Das erste war ein Fachbuch, das Menschen in Bewegung bringen sollte. Nun möchte ich Leser mit meiner Geschichte bewegen. Werte und Heimat sind mir persönlich extrem wichtig, und diese Debatte prägt ja gerade das Land. Der Auslöser kam von meinem Freund Bobby Dekeyser, der mir sagte: „Du hast so tolle Geschichten erlebt, schreib doch ein Buch.“ Ich war zuerst skeptisch. Braucht die Welt wirklich so ein Buch? Aber bei der Arbeit mit meinem Co-Autor Stefan Kruecken haben wir dann schnell gemerkt, dass sehr viel zusammenkommt.

Es geht um Heimat, das neue Buch heißt „Dahoam“. Klingt das unverfänglicher?

Wasmeier: Ja, er wird nicht zu anderen Dingen missbraucht – und den Titel verstehen auch die Norddeutschen. Heimat wurde seit Jahrzehnten als Begriff missdeutet.

Warum haben die Bayern ein unbefangeneres Verhältnis zum eigenen Land? Im Sommer habe ich im Voralpenland Jugendliche mit Rastalocken getroffen, die beim Dorffest Tracht trugen – das sollte hier im Norden mal jemand versuchen ...

Wasmeier: Das macht Bayern ja so besonders – und so liebenswert. Wir pflegen unsere Traditionen, unsere Dialekte, unsere Eigenheiten. Genau das vermisse ich manchmal in anderen Bundesländern. Es sind doch diese Eigenarten, die den Einzelnen von der großen Masse abheben – und zugleich ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl geben.

Wir sitzen hier nicht im Finkenwerder Hemd ...

Wasmeier: Das war in den 70er- und 80er-Jahren in Bayern genauso. Damals galt als Hinterwäldler oder Exot, wer eine Tracht trug. Seit zehn, 15 Jahren ist das anders, da hat auch das Oktoberfest vieles verändert. Auch in der Stadt ist die Tracht wieder salonfähig. Jetzt kannst du damit das ganze Jahr über durch München laufen und fällst nicht auf, sondern bekommst sogar positive Reaktionen.

Sie sind auch schon zu Ihrer aktiven Sportlerzeit in der Tracht herumgelaufen.

Wasmeier: Das war damals eine Revolution – ich wollte nicht so daherkommen wie alle anderen. Wer soll denn wagen, eine Tracht zu tragen, wenn nicht ich als bekannte Persönlichkeit? Ich wollte meine eigenen Leute motivieren: Wenn ich das kann, könnt ihr das auch!

Sind wir Deutschen manchmal zu verklemmt?

Wasmeier: Das Gewand macht die Leute, heißt es ja. Aber es ist nicht entscheidend, was man anhat. Zu oft werden Menschen in einer Tracht in eine Schublade gestopft. Das ist Blödsinn. Ich war gerade in der Ukraine. Dort ist den Menschen in den vergangenen 100 Jahren bewusst die Heimat genommen worden, sie kannten ihre Traditionen nicht mehr. Jetzt entdecken sie ihre Geschichte und Wurzeln neu und tragen beispielsweise ihre Tracht. Und wissen Sie was? Sie gehen jetzt aufrechter. Auch in Österreich oder der Schweiz trägt man sie wie selbstverständlich. Eines sollten wir übrigens nicht vergessen: Politisch war es die SPD, die in Bayern die Trachten zuerst für sich entdeckt hat.

Heute sind Sie in Jeans hier. Wie oft tragen Sie Ihre Lederhose?

Wasmeier: Die Lederhose ist für mich quasi Arbeitskleidung in unserem Museumsdorf. Du kannst keine Tradition im neongrünen Shirt und Jeans verkörpern.

Sie haben in Schliersee ein altbayerisches Dorf aufgebaut. Warum?

Wasmeier: Zuerst hat mich das Handwerk fasziniert. In Lillehammer, wo ich bei den Olympischen Spielen zwei Goldmedaillen gewonnen habe, gibt es das Freiluftmuseum Maihaugen – das hat mich nachhaltig beeindruckt. Der Gründer hat das Museumsdorf aufgebaut, um Traditionen vor dem Vergessen zu retten. Auch bei uns verschwanden Denkmäler aus dem 16 und 17. Jahrhundert – die wollte ich retten. Den letzten Kick bekam ich, als ich das Ergebnis einer Umfrage las. 60 Prozent der Münchner Grundschüler glaubten seinerzeit, dass Kühe lila sind.

Wird die Welt in Ihrem Museumsdorf nicht als gute alte Zeit verklärt?

Wasmeier: Nein, überhaupt nicht. In meinem Freilichtmuseum in Schliersee kannst du in eine andere Welt eintauchen, etwa eine Rauchküche am eigenen Leib erfahren. Da erlebst du gleich, was das für schwere Zeiten waren, wie sehr diese Häuser im Winter auskühlten. Du sieht, welchen Aufwand einfache Lebensmittel wie ein Laib Brot erfordern. Heute haben wir einen Kühlschrank und brauchen nicht um unser Leben fürchten, wenn die Ernte mal schlecht ausfällt.

Sie sagen, Heimat ist ein Gefühl. Was ist das für ein Gefühl?

Wasmeier: Heimat ist da, wo sich der Mensch wohlfühlt, wo seine Liebsten sind, seine Freunde, seine Traditionen, seine Kultur. Heimat ist da, wo man sich aufgehoben fühlt. Die Herkunft ist gar nicht entscheidend. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und hatte manchmal das Gefühl, dort kann ich heimisch werden. Die Schönheit eines Landes ist aber nur die Hälfte, es kommt auf die Menschen an, die wir treffen. Heimat ist wichtig, gerade in einer schnelllebigen Zeit. Ich möchte zeigen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Dafür muss man die Vergangenheit kennen.

Im Skizirkus haben Sie die Welt bereist. Hat das Ihre Verbundenheit zur Heimat gestärkt?

Wasmeier: Absolut. Es ist nie ein Schaden, die Welt und andere Kulturen kennenzulernen. Aber ich habe auch festgestellt: Bei uns ist es megaschön, wir haben alles da. Hey, warum meckern die Leute nur so viel? Ein kleines Beispiel: Mein Sohn ­verletzte sich auf Hawaii beim Surfen. Im Krankenhaus gab ich erst mal die Kreditkarte ab – und es wurde sehr ­teuer. Und in der Ukraine musst du dein eigenes Verbandszeug und die Medikamente gleich mitbringen. Wie gut geht es uns!

Viele Prominente flüchten aus ihrer Heimat, um ihre Ruhe zu haben und Steuern zu sparen. Sie gründeten ein Freilichtmuseum.

Wasmeier: Ich finde es in Ordnung, Steuern zu zahlen. Ich habe ein Heimatgefühl und bin hier hineingeboren. Meine Frau kommt aus Südtirol und hat ebenfalls Wurzeln geschlagen. Ich stehe auf der Sonnenseite des Lebens, da kann ich meiner Heimat etwas zurückgeben – etwas, was in 50 Jahren noch so interessant ist wie heute.

Kommen wir zum Sport. Auf welchen Sieg sind Sie besonders stolz?

Wasmeier: Der erste Weltmeistertitel in Bormio 1985 war sicherlich besonders prägend, weil er für mich so überraschend kam.

Der Sieg im Riesenslalom gehört zu den kollektiven Erinnerungen im Sport. Gleich am ersten Tor im Riesenslalom haben Sie Ihre Sachen verloren und sind trotzdem Sieger geworden.

Wasmeier: Ja, die Mütze und die Brille flogen weg ... Heute glaube ich, dass man so was nur schaffen kann, wenn man unbekümmert ist. Danach war ich in der Öffentlichkeit der Wasi.

Ihr größter Erfolg kam 1994.

Wasmeier: Geschichte schreibst du nur mit Olympia, also den beiden Goldmedaillen von Lillehammer. Das hat ein gewisses Feuer, zu dieser olympischen Familie zu gehören. Olympia ist für jeden Sportler das ganz große Ziel – entsprechend groß ist die Freude, wenn man es schafft.

Gucken Sie sich diese Siege eigentlich immer mal wieder an?

Wasmeier: Ach, ich lebe mehr im Jetzt und schaue lieber nach vorn. Aber das ist schon Wahnsinn, was ich erleben durfte. Was hatte ich für ein Glück und eine Freude. Aber es gibt auch die andere Seite, die negativen Erlebnisse. Da habe ich gelernt, mich wieder aufzurappeln.

Ihr Buch liest sich mitunter wie ein Ratgeber ...

Wasmeier: Sport ist eine Lebensschule – gebe nicht auf, dann kannst du ganz viel erreichen. Das gilt im Sport, im Beruf und im Privatleben. Mir ist aber am wichtigsten, dass wir freundlicher und respektvoller miteinander umgehen. Mit einem Lächeln und einem freundlichen „Hallo“ oder „Grüß Gott“, mit einem „Bitte schön“ kann man anders in einen Dialog treten.

Im Buch schreiben Sie auch offen über Schicksalsschläge, vor allem die Krebserkrankung Ihrer Frau. Sie stand an der Schwelle zum Tod.

Wasmeier: Das ist für jeden Menschen und jede Familie eine Riesenherausforderung. Ich musste damals, als meine Frau die Therapie nicht vertrug und auf der Intensivstation lag, entscheiden, was zu tun ist. Das war krass. Für mein eigenes Leben habe ich stets Verantwortung übernommen, aber nun war ich für das Leben von Gitti verantwortlich. Wir haben die Therapie dann umgestellt. Und Gitti wurde langsam gesund.

Hat das Ihr Leben und das Ihrer Familie verändert?

Wasmeier: Zweifellos. Wir haben Demut gelernt. Es ist unser aller Geschichte, und wir möchten, so seltsam das klingt, es nicht missen. Wir haben Glück gehabt und genießen jeden Tag. Jedes gemeinsame Frühstück, jeden gemeinsame Tag, jede gemeinsame Reise. Jeder Tag ist ein geschenkter Tag.

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