Berlin.

Er hat es geschafft. Christian Lindner hat die Liberalen zurück in den Bundestag geführt. Es ist der größte Triumph seines politischen Lebens, es ist der Beweis, dass die Deutschen die Stimme der FDP wieder hören wollen. Und es könnte am Ende ein doppeltes Comeback werden: Wiedereinzug ins Parlament, Rückkehr auf die Regierungsbank. Nach der Absage der SPD an eine Neuauflage der großen Koalition läuft nun vieles auf ein Dreierbündnis aus Union, FDP und Grünen hinaus.

„Die Menschen haben uns ein Comeback ermöglicht“, ruft Lindner mit bewegter, rauer Stimme seinen Anhängern zu. Die Botschaft dieses Abends: „Nach einem Scheitern ist ein Neuanfang möglich.“ Aus der neuen Chance wachse aber auch eine große Verantwortung. Und er fügt hinzu: „Wir stellen uns dieser Verantwortung.“ Es ist der Satz, auf den sie hier im Genscher-Haus gewartet haben. Sein Ende geht beinahe im frenetischen Jubel unter. FDP-Vize Wolfgang Kubicki will Lindner bei der konstituierenden Sitzung der Fraktion an diesem Montag als Fraktionschef vorschlagen, wie in FDP-Kreisen zu erfahren war.

Ohne Lindner stünde die FDP nicht dort, wo sie heute steht. Für viele ist der junge Parteichef sogar das einzige Argument, das Kreuz bei den Liberalen zu machen. Vier von zehn FDP-Wählern sagen laut ARD-Umfrage: „Ohne Lindner würde ich die FDP nicht wählen.“

Lindner war 34 Jahre alt, als die Liberalen im Herbst 2013 aus dem Parlament flogen. Es war der Tiefpunkt der Partei, die FDP lag am Boden. Was folgte, war die beispiellose Wiederbelebung einer Partei, mit neuen Gesichtern und neuem Image. Nach den Wahlen in Hamburg und Bremen schöpften sie erstmals wieder Hoffnung – inzwischen regieren Liberale wieder in den Landesregierungen in Düsseldorf, Kiel und Mainz. Und noch immer ist Lindner der jüngste Spitzenkandidat – mit 38 Jahren. Er soll nun Chef der neuen Bundestagsfraktion werden.

Am Wahlabend wollen viele in seiner Nähe sein: 1500 Gäste, darunter über 600 Journalisten, hatten sich für die Wahlparty im Genscher-Haus angemeldet. Viel zu viele für die Parteizen­trale in Berlin – sie haben deshalb improvisiert, Zelte bestellt, aber es ist dennoch eng. Und das darf es auch sein, finden sie in der Parteispitze. Denn: Lieber aus allen Nähten platzen als die Bilder von 2013 wiederholen.

Damals hatten die Liberalen für den Wahlabend das elegante Congress-Center am Alexanderplatz gemietet, doch als die ersten Hochrechnungen den katastrophalen Absturz der FDP bestätigten, trollten sich die Partygäste. Zurück blieben ein paar versprengte Parteianhänger, die mit schalem Sekt in der Hand und Tränen in den Augen weiter auf die Bildschirme mit den Wahlergebnissen schauten, als erwarteten sie noch ein Wunder. Diesmal dagegen: großer Jubel, aber keine Großmannsgesten. „Wir kommen aus dem Loch, wir kommen von ganz unten“, erinnert Europapolitiker Alexander Graf Lambsdorff.

Aber feiern, das wollen sie schon. Egal, wie schwierig es schon wenige Stunden später wird. An diesem Montag, wenn der Sekt getrunken ist und die Liberalen aufwachen und harte Arbeit vor sich haben. Denn eines wollen sie auf keinen Fall: mit einem guten Ergebnis gewählt werden und sich dann in einer Koalition mit der Union verzetteln, verschleißen und schließlich verzwergen. So wie zwischen 2009 und 2013 geschehen.

Die zentrale Frage ist deswegen: Was soll die FDP nun anfangen, mit dem deutlichen Wählerwillen? Kurz vor der Wahl hatte Spitzenkandidat Lindner dazu aufgerufen, die FDP auch deshalb zu wählen, um sie zur drittstärksten Kraft vor der AfD zu machen und somit in jedem Fall zu verhindern, dass die AfD Oppositionsführerin werden könne. Der Plan ist nicht aufgegangen. Die AfD hat sich den dritten Platz erkämpft, bei einer großen Koalition wäre sie stärkste Fraktion in der Opposition. Für die FDP erwächst daraus ein wichtiges Argument für eine Regierungsbeteiligung: Denn nur, wenn die FDP in die Regierung ginge und die SPD wie angekündigt in die Opposition, ließe sich verhindern, dass die AfD die Privilegien des Oppositionsführers bekäme.

Doch Regieren um jeden Preis – diesen Vorwurf wollen die Liberalen nie wieder hören. Christian Lindner hat deswegen rote Linien festgelegt, als Ansage für mögliche Koalitionspartner: Ein Verbot des Verbrennungsmotors ist mit der FDP demnach genauso wenig zu machen wie eine Vergemeinschaftung von Schulden in der Eurozone. Sollbruchstellen sind das jedoch nicht. Wer zusammen regieren will, findet auch Wege dorthin, das haben die Liberalen in den vergangenen Monaten gleich dreimal gezeigt: In NRW regiert die FDP mit der CDU, in Rheinland-Pfalz mit Sozialdemokraten und Grünen, in Schleswig-Holstein mit CDU und Grünen in einer Jamaika-Koalition. Für eine „klare Empfehlung, das auch in Berlin zu machen“, sei es noch zu früh, sagte gestern der Kieler CDU-Ministerpräsident Daniel Günther. Auch die FDP bremst noch: „Nur weil die SPD sich vom Acker macht, sind wir noch nicht der Ausputzer“, sagt Kubicki.

Die Hamburger FDP-Chefin Katja Suding aber will den neuen Schwung nutzen: Das gute Ergebnis sei „ein historischer Auftrag“, um im neuen Bundestag für beste Bildung, durchgreifende Digitalisierung und kluge Wirtschaftspolitik zu sorgen, sagte Suding dieser Zeitung. Die Union sei jetzt am Zug, um neue Mehrheiten in Deutschland zu organisieren. Ihre Partei sei bereit, „Deutschland in moderne 20er-Jahre dieses Jahrhunderts zu führen“.

Einer, dessen Rat dabei besonders gefragt sein dürfte, ist Volker Wissing. Der Finanzexperte gehört zu den wenigen FDP-Politikern, die bereits Erfahrung in der Bundespolitik haben – was aber noch viel mehr zählt: Wissing ist der Architekt des Ampel-Bündnisses in Mainz und heute Vize-Ministerpräsident. Mit Blick auf das starke Abschneiden der AfD sagte Wis­sing dieser Zeitung, seine Partei spüre „eine außergewöhnliche staatspolitische Verantwortung“. Die FDP müsse jetzt „ohne Emotionen und mit klarem Kopf in die Gespräche gehen“.