Washington

Amerika diskutiert über die Amtsfähigkeit des Präsidenten

Hat Donald Trump eine narzisstische Persönlichkeitsstörung? Mehrere Psychiater und Psychologen sehen Anhaltspunkte dafür – andere widersprechen

Washington. Die ersten Entscheidungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump sorgen weltweit für Verwirrung und Besorgnis. In den USA zieht der juristische Streit über die von Trump verfügten Einreiseverbote unterdessen immer weitere Kreise. Die international verflochtene IT-Branche griff ein, indem sie bei dem Gericht einen Schriftsatz gegen den Bann der Bürger aus sieben muslimisch geprägten Länder vorlegte. Ein Bundesgericht in Seattle hatte am Freitag das Einreiseverbot vorläufig gekippt. Seitdem können wieder Bürger aus Iran, Irak, Libyen, Somalia, Jemen und dem Sudan in die USA einreisen. Über Twitter griff Trump den zuständigen Richter James Robart verbal als „sogenannten Richter“ an und bezeichnete es als unglaublich, dass ein Richter das Land einer derartigen Gefahr aussetze.

Twitter-Einträge wie diese und das oft aufbrausende Auftreten Trumps haben in den USA eine Debatte über seine Eignung für das Präsidentenamt entfacht. In Trumps Furor gegen Kritiker offenbart sich für Psychologen wie Ben Michaelis ein klarer Befund. „Trump leidet an einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung.“ Sein Kollege John D. Gartner, Psychotherapeut aus Baltimore, der einst in einem Fachbuch das Innenleben von Präsident Bill Clinton unters Mikroskop legte, geht noch einen Schritt weiter. Er hält Trump für „gefährlich psychisch krank“ und „charakterlich unfähig“, um das höchste Amt im Staat auszuüben. Andere Kapazitäten der Branche bestreiten das allerdings. Trump zeige keine klaren Signale von „Leid“ oder „Beeinträchtigung“, sagt Allen Frances, ehemals Professor für Psychologie an der Duke-Universität.

Gesetz könnte Trump zu einem psychologischen Test zwingen

Als Fenster in die Innenwelt des Präsidenten dient professionellen Beobachtern oft Trumps Twitter-Konto, auf das mittlerweile fast 24 Millionen Menschen mit ihrer Aufmerksamkeit einzahlen. Studiert man die Einträge, fällt auf, dass Trump zwei Themen kennt: Sich selbst. Und seine „Feinde“. Er nennt sich den „größten Jobproduzenten, den Gott je geschaffen hat“. Wer Kritik wagt, kriegt scharfrichterliche 140 Zeichen ab.

Beschreibungen wie „zwanghafter Lügner“ machen die Runde. Im Kongress unterstützen die prominenten Abgeordneten Jason Chaffetz (Republikaner) und Nancy Pelosi (Demokraten) die Idee eines Gesetzes, das Trump zu einem psychologischen Test zwingen würde. Chaffetz bezog sich im Gespräch mit der „Washington Post“ ausdrücklich auf Trumps Verfügungsgewalt über die Atomwaffenarsenale. Howard Stern, ein langjähriger Freund Trumps und Radiomoderator, sagt, das Amt werde Trumps geistiger Gesundheit schaden. „Er will gemocht und geliebt werden. Er will, dass die Leute Beifall klatschen.“ Der Job im Weißen Haus bringe aber viel Kritik mit sich. Trumps „sensibles Ego“ könne das womöglich nicht verkraften.

Bereits im Sommer hatte William Doherty ein Manifest verfasste, in dem er Donald Trump die charakterliche und psychische Eignung dafür absprach. Der Milliardär, konstatierte der Psychotherapeut an der Universität von Minnesota nach intensiver Auswertung des Wahlkampfes, „zielt auf Furcht und Wut, erfindet Geschichte neu, hat wenig übrig für die Wahrheit, entschuldigt sich nie, gibt keine Fehler zu, erniedrigt Kritiker, sieht keine Notwendigkeit zu sachlicher Überzeugung, verachtet Institutionen wie die Gerichte, wenn sie nicht unterwürfig sind, und stachelt zur Gewalt an“.

3000 hauptberufliche Seelenkundler und Therapeuten in den USA unterschrieben die Warnung und sprachen sich gegen den New Yorker Geschäftsmann aus. Obwohl Ferndiagnosen in Dohertys Zunft verpönt sind.

In US-Medien wird längst über den vor 50 Jahren festgeschriebenen 25. Verfassungszusatz debattiert. Dort ist das Prozedere festgelegt, wie die Macht an den Vizepräsidenten übertragen wird, sollte der Präsident „unfähig sein, die Befugnisse und Pflichten seines Amtes wahrzunehmen“. Kurz gesagt und natürlich reine Theorie: Trump teilt dem Kongress mit, dass er nicht mehr kann. Dann wird sein Vize Mike Pence mit sofortiger Wirkung „Acting President“, also amtierender Präsident. Solange, bis Trump sich wieder für fit erklärt. Sollte Trump dauerhaft nicht in der Lage sein, seine Amtsunfähigkeit selbst zu beglaubigen (etwa wegen einer schweren Krankheit), kann Pence das für ihn erledigen. Die Mehrheit des Kabinetts müsste dem zustimmen. Alles graue Theorie. Aber geredet darüber wird immer öfter.

Warum? Trump habe als „Soziopath“ Wahlkampf geführt, schreibt der konservative Kommentator des „Weekly Standard“, Andrew Ferguson, „und er deutet an, auch als solcher zu regieren.“