Hamburg

Glühwein hinter Panzersperren

Hamburger Weihnachtsmärkte bleiben geöffnet. Gedenkminute um 18 Uhr für die Opfer von Berlin

Hamburg.  Pünktlich um 18 Uhr steht die Welt auf dem Weihnachtsmarkt am Rathaus still. Eine Minute lang harren die Besucher dichtgedrängt in den engen Gängen und die Verkäufer in ihren Ständen aus und gedenken still der Opfer des furchtbaren Anschlags vom Vorabend auf den Weihnachtsmarkt in Berlin. Genau wie in Eppendorf oder in Ottensen setzen die Hamburger an diesem kalten Dezemberabend auch in der Innenstadt mit einer Gedenkminute ein beeindruckendes Zeichen der Anteilnahme.

„Meine kleine Tochter hat mich heute morgen gefragt, ob wir nun nicht mehr auf den Weihnachtsmarkt gehen können“, sagt Lisa Schwartz (44). „Was soll man seinen Kindern denn auf solch eine Frage sagen?“ Es geht ihr wie vielen, die einen Tag nach Berlin plötzlich keine eindeutigen Antworten mehr auf vormals einfache Frage haben.

Auch auf dem Weihnachtsmarkt am Rathaus schwankt die Stimmung zwischen Ausnahmezustand und dem Wunsch nach Normalität. Aus den vielen Boxen erklingen heute keine Weihnachtslieder, aber überall wird geplaudert, gelacht – und Glühwein getrunken. In Sichtweite stehen zahlreiche Polizeibeamte, aber Hamburgs bekanntester Weihnachtsmarkt vor der historischen Kulisse des Rathauses, der jedes Jahr fast drei Millionen Besucher zählt, ist proppevoll. Nur der fliegende Weihnachtsmann, der jeden Tag um 16, 18 und 20 Uhr mit seinem Schlitten über die staunenden Köpfe der Besucher schwebt, ist heute nicht im Einsatz.

„Wir haben heute die Musik abgestellt, das Karussell verzichtet auf Beschallung, und auch unser Weihnachtsmann im Gespann wird nicht über die Köpfe der Besucher fliegen“, sagt Marktsprecherin Heide Mombächer. „Wichtig ist nach dieser schrecklichen Tat in Berlin aber, dass wir mit der Öffnung unseres Marktes ein Zeichen für Freiheit und Toleranz setzen.“ Alle Händler auf dem Rathausmarkt seien in Gedanken bei den Opfern, den Freunden und Familien, jedoch auch bei den Händlern und allen, die diesen mutmaßlichen Terroranschlag miterleben mussten. Es sei aber falsch, nun die Weihnachtsmärkte zu schließen. „Wir müssen den Menschen die Gelegenheit geben, in der Öffentlichkeit ein Zeichen gegen den Terror zu setzen.“

Neben dem Adventsbasar vor dem Rathaus wehen die Deutschland- und die Hamburg-Flagge auf Halbmast, Trauerflor ist am Rathaus angebracht. „Wir sind schon mit einem mulmigen Gefühl hier hergekommen“, sagt Silvana Otto, die mit ihrem Mann Axel aus Lübeck angereist ist. „Der Anschlag erinnert einen daran, dass immer und überall etwas passieren kann.“ Das Ehepaar hat sich trotzdem für seinen Hamburg-Besuch entschieden. „Sich im Keller einzuschließen, ist ja keine Lösung“, sagt Axel Otto. Man hoffe nun eben immer, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. „Einen absoluten Schutz gibt es ohnehin nicht“, sagt Silvana Otto. „Wir wollen auch mit unseren Kindern noch einmal wiederkommen.“

Die Händler am Rathausmarkt wollen ihren Kunden weiter eine besinnliche Zeit vermitteln. „Natürlich werden wir heute dauernd auf den Anschlag in Berlin angesprochen“, sagt Giuseppe Galante. Irgendwo müssten die Leute mit ihren Gedanken ja hin. Insofern sei es das richtige Signal, den Markt geöffnet zu lassen.

„Ich habe volles Vertrauen in unsere Sicherheitsbehörden“, sagt auch Händler Benjamin Winter. Er fühle sich weder sicherer noch unsicherer mit Polizeischutz. „Man sollte grundsätzlich keine Angst auf dem Weihnachtsmarkt haben müssen.“

Auch auf dem Weihnachtsmarkt auf der Fleetinsel ist der Anschlag in Berlin das beherrschende Thema. „Es wäre traurig, wenn die Menschen sich von so einer Tat beeinflussen ließen“, sagte Kalle, der aus Bremen stammt und auf dem Weihnachtsmarkt einen Bratwurststand betreibt. Er selbst will sein Leben und seinen Job nicht ändern. „Wenn ich morgens über die Straße gehe, kann ich auch überfahren werden.“ Allerdings sei der Anschlag eine feige Tat gewesen, die ihn wütend mache.

Stefan (33) zuckt mit den Achseln. „Dass wir unser Leben ändern, das ist doch genau das, was die Terroristen erreichen wollen.“ Er gehe in der Weihnachtszeit zwei Mal in der Woche auf den Markt, um hier Mittag zu essen. „Das wird auch so bleiben.“

Die sichtbar am besten geschützten Weihnachtsmärkte in Hamburg sind die am Jungfernstieg, wo abends schwere Betonquader wie Panzersperren aufgebaut werden, und auf der Reeperbahn. Rund um die Zufahrtsstraßen zu „Santa Pauli“ in der Taubenstraße und in der Hein-Hoyer-Straße stehen an Absperrungen Polizisten mit umgehängten Maschinenpistolen. Bereits gegen 16 Uhr trudeln auf „Hamburgs geilstem Weihnachtsmarkt“ die ersten Besucher ein. Sie sind weitgereist, kommen aus Gelsenkirchen und werden später ins Volksparkstadion weiterziehen. Zum Vorglühen kommen die Schalke-Fans aber auf den Kiez.

Einer von ihnen ist Martin Hermans. Er werde sein Leben nicht verändern, auch wenn es vielleicht gefährlicher geworden sei, zu öffentlichen Veranstaltungen wie Bundesligaspielen oder eben auch auf Weihnachtsmärkte zu gehen. „Aber es ist doch Quatsch, wenn jetzt darüber geredet wird, ob man den Anschlag hätte verhindern können. Wie soll das denn bitte funktionieren?“, fragt er. Natürlich lasse sich vielleicht hier und da für einen gewissen Zeitraum die Sicherheit erhöhen. „Und vielleicht müssen wir uns auch daran gewöhnen, dass wir beim Glühweintrinken und Bratwurstessen von Polizisten mit Maschinenpistolen geschützt werden.“ Aber hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht.

Manch einer bringt den terroristischen Anschlag in Berlin mit den Flüchtlingen in Verbindung. „Wir müssen helfen, keine Frage“, sagt Bratwurst-Verkäufer Kalle. „Aber so viele Menschen unkontrolliert ins Land zu lassen, das geht nicht.“

Andere warnen davor, genau diesen Zusammenhang jetzt herzustellen. „Erst vor ein paar Tagen hat eine ältere Frau zu mir gesagt, wie schön sie es findet, dass hier ganz viele unterschiedliche Sprachen zu hören sind“, sagt Marktsprecherin Heide Mombächer. „Das sollte uns davor bewahren, jetzt irgendeinen Personenkreis unter Generalverdacht zu stellen.“