Das Schicksal Aleppos scheint besiegelt. In anderen Gebieten dauern die Kämpfe an – die internationale Gemeinschaft ist ratlos

Wie geht es weiter nach dem Morden?

Kairo/Berlin. Für die Menschen in Aleppo nimmt der Albtraum kein Ende. Nach Augenzeugenberichten irrten am Mittwoch mehrere Hundert Flüchtlinge im Osten der Stadt in panischer Angst durch die Ruinen. Aktivisten und Bewohner sendeten SOS-Rufe in den sozialen Netzwerken. „Die Verletzten und Toten liegen am Boden“, schrieb ein Bewohner. „Die Gebäude, in denen sich Menschen verstecken, werden über ihren Köpfen zerstört. Helft uns!“

Die Opposition kontrolliert nur noch ein winziges Territorium von gut zwei Quadratkilometern, in das sich offenbar 80.000 Menschen geflüchtet haben. Ein Evakuierungsplan für Zivilisten und Rebellen, den Russland am Dienstagabend auf der UN-Sicherheitsratssitzung in New York angekündigt hatte, scheiterte nach wenigen Stunden. Stattdessen nahm die syrische Armee am frühen Mittwochmorgen die heftige Bombardierung der umzingelten Enklave wieder auf. An allen Frontlinien kam es nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte zu erbitterten Gefechten.

Die Assad-Getreuen zwangen alle, die vom Osten in den von Damaskus kontrollierten Westen Aleppos kamen, sich registrieren zu lassen. Hunderte von Männern wurden verhört, verhaftet und sind seitdem spurlos verschwunden. Andere wurden auf der Stelle für die syrische Armee zwangsrekrutiert. Viele hatten eigentlich gehofft, am Mittwoch in die von Assad-Gegnern beherrschte Provinz Idlib gefahren zu werden.

Doch das syrische Regime und sein Verbündeter Iran blockieren die von Russland und der Türkei federführend ausgehandelte Vereinbarung. Diese sah vor, zunächst alle Zivilisten aus Aleppo herauszubringen und dann die Kämpfer mit ihren leichten Waffen. Dagegen hieß es in Damaskus, man habe lediglich einem Abtransport von 2000 Bewaffneten zugestimmt, nicht jedoch von 10.000 Menschen. Die Aufständischen warfen den Machthabern in Damaskus daraufhin vor, die Einigung durch neue Bedingungen zu torpedieren.

Im Iran feierten Politiker den militärischen Erfolg über die Rebellen als Beweis dafür, dass die Islamische Republik zur führenden Regionalmacht im Nahen Osten geworden sei. Der türkische Vizepremier Mehmet Simsek kündigte an, die Türkei bereite ein Aufnahmelager für 80.000 Menschen aus Aleppo vor.

Welche strategische Bedeutung hat Aleppo für Assad?

Mit dem endgültigen Sieg über die Rebellen in Ost-Aleppo würde der Spielraum der syrischen Armee und ihrer Verbündeten enorm wachsen. Ein entscheidendes Schlachtfeld fiele weg, die Armee könnte sich dann auf die anderen Fronten im Land konzentrieren. Der Kampf um Aleppo bindet viele Kräfte. Zudem würde das Regime von Machthaber Baschar al-Assad nach dem Abzug der Rebellen wieder eine wichtige Achse von Nordsyrien Richtung Süden bis in die Hauptstadt Damaskus kontrollieren: Es sind die Gebiete Syriens, in denen die meisten Menschen leben.

Ist der Bürgerkrieg mit dem Fall Aleppos beendet?

Zögen die Rebellen tatsächlich ab oder würden sie militärisch besiegt, wäre das sicherlich ein Wendepunkt in dem Krieg – dessen Ende bedeutet das aber noch lange nicht. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) kontrolliert weiter größere Gebiete in Zentral- und Ostsyrien. Verschiedene Rebellengruppen halten Gebiete in ländlicheren Regionen. Unter diesen Gruppen – von moderaten bis zu islamistischen Gruppierungen – könnten sich neue Bündnisse ergeben. Zudem könnten einzelne Gruppen dazu übergehen, gezielt Anschläge zu verüben.

Welche Rolle spielt Russland?

Die Front zwischen Ost- und West-Aleppo war lange Zeit fast statisch. Erst mit dem Eingreifen Moskaus und der Luftunterstützung durch die russische Armee verschoben sich die Frontverläufe innerhalb der Stadtgrenzen. Wie verwundbar die Armee von Assad ohne die Unterstützung seiner Verbündeten ist, hat der überraschende Einmarsch der IS-Kräfte in der zuvor von Regierungstruppen beherrschten antiken Stadt Palmyra in Zentralsyrien gezeigt.

Welchen Einfluss hat Amerika?

Keinen sehr großen. Präsident Barack Obama wollte sich im Syrien-Konflikt nicht engagieren. Er unterstützte sogenannte gemäßigte Rebellen wie die säkulare Freie Syrische Armee – allerdings erst sehr spät. Der Kampf gegen Assad wurde jedoch von islamistischen Aufständischen angeführt. Eine direkte Intervention lehnte Obama ab. Er stand unter dem Eindruck der verlustreichen Militär-Interventionen seines Vorgängers George W. Bush.

Was würde der Fall Aleppos für die EU bedeuten?

Die EU spielte im Syrien-Konflikt keine maßgebliche Rolle. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen kam die Gemeinschaft auf keinen gemeinsamen Nenner. Mit der Forderung nach einer Verlängerung von Sanktionen gegen Russland steht Brüssel bald allein. Die neue US-Regierung wird hier kaum mitmachen.

Wie reagiert die deutsche Politik auf das Grauen von Aleppo?

Mit Appellen: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert, berichtete Regierungssprecher Steffen Seibert. In dem Gespräch habe Merkel eine sofortige Waffenruhe gefordert. Die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Bärbel Kofler (SPD), mahnte angesichts der Berichte über Gräueltaten in Aleppo die Einhaltung des humanitären Völkerrechts an. In der Praxis bedeute das vor allem uneingeschränkten Zugang für die Hilfsorganisationen und ein umgehendes Ende der Angriffe, sagte Kofler dieser Zeitung.

Was tut Deutschland für die
Menschen in den Kriegsgebieten?

Das für humanitäre Hilfe zuständige Auswärtige Amt fördert vor Ort Projekte deutscher Organisationen, der Vereinten Nationen und der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung. Dabei geht es um Nahrungsmittel, Trinkwasser, gesundheitliche Versorgung und die Bereitstellung von Unterkünften. Deutschland ist weltweit drittgrößter Geber von direkten Hilfszahlungen – allein in diesem Jahr stellte der Bund rund 638 Millionen Euro für die vom Syrien-Konflikt betroffenen Menschen zur Verfügung. Gleichzeitig gehen die Spenden aus der deutschen Bevölkerung zurück.

Was sagen die Helfer?

DRK-Präsident Rudolf Seiters berichtet, dass die Helfer seiner Organisation „buchstäblich Überlebenshilfe“ leisteten: „Der Bedarf ist immens, aber das Andauern der Kämpfe und der Mangel an Sicherheit erschweren die humanitäre Hilfe sowie auch notwendige Reparaturarbeiten etwa an Infrastruktur und Wasserleitungen gravierend“, betonte Seiters.