Washington

Trump auf Kamikaze-Kurs

Washington.  Auf der Zielgeraden des Wahlkampfes, der für ihn laut aktuellen Umfragen in einer krachenden Niederlage zu enden droht, schaltet der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump in den Kamikaze-Modus. In einem beispiellosen Rundumschlag gegen „die Medien“, „das politische System“, „die Clintons“ und „die eigene Partei“ zeichnete der 70-jährige Immobilien-Unternehmer am Wochenende das Bild einer globalen Verschwörung, die ihm den Wahlsieg am 8. November rauben will.

Der durch ein skandalöses Video mit frauenverachtenden Äußerungen schwer unter Beschuss geratene Milliardär sieht „finstere Kräfte“ am Werk, die unter der Regie seiner Rivalin Hillary Clinton das Wahlergebnis manipulieren wollten. „Das dürfen wir nicht zulassen“, rief Trump auf mehreren Wahlveranstaltungen seinen Anhängern zu und forderte sie auf, am 8. November an den Wahllokalen im Land quasi Patrouille zu laufen. „Entweder gewinnen wir diese Wahl oder wir verlieren dieses Land“, erklärte Trump. In mehreren Fällen sagten eingefleischte Trumpianer später gegenüber Reportern, dass es bei einem Wahlsieg von Clinton zu einer „Rebellion“ kommen werde. Sogar das Wort „Blutbad“ fiel.

In Washington werden die Äußerungen nicht auf die leichte Schulter genommen. „Menschen machen gefährliche Dinge, wenn gefährliche Führer tiefen Unmut schüren“, erklärte der demokratische Kongressabgeordnete Steve Israel. Wenn Trump sich im Falle einer Niederlage nicht als „guter Demokrat“ erweise und seiner Mitbewerberin gratuliere, sagte der langjährige republikanische Partei-Stratege Mike Murphy, „attackiert er unsere Demokratie“.

Trump unterstellt Clinton, Drogen genommen zu haben

Der Republikaner macht unmittelbar vor der dritten und letzten TV-Debatte mit Clinton am Mittwoch in Las Vegas keine Anstalten, seine Attacken zu reduzieren. Im Gegenteil. Ohne jeden belastbaren Hinweis warf er seiner Konkurrentin vor, beim zweiten TV-Duell gedopt gewesen zu sein. Er verlangte bis spätestens Mittwoch einen Drogentest, dem auch er sich unterziehen würde.

US-Kommentatoren sehen in dem Gebaren den „verzweifelten Versuch“, von jenem Thema abzulenken, das den zum dritten Mal verheirateten Geschäftsmann seit über einer Woche fast aus der Bahn wirft und ihn die letzten Zweckfreundschaften in der republikanischen Partei kostet: sein Image als notorischer Sex-Täter, der sich Frauen nach Belieben bemächtigt.

Nach dem bei einem Interview mit dem inzwischen gefeuerten NBC-Moderator Billy Bush öffentlich geworden Skandal („Greif ihnen zwischen die Beine, du kannst alles machen, wenn du ein Star bist“), haben sich inzwischen zehn Frauen öffentlich zu Wort gemeldet. Sie geben allesamt an, von Trump teilweise massiv sexuell belästigt worden zu sein. Alle „Opfer“ gaben als Motivation für ihren späten Gang in die Öffentlichkeit an, dass Trump sich in der zweiten Fernsehdebatte als Saubermann dargestellt hat, der nie gegenüber Frauen sexuell übergriffig geworden sei.

Trump bezeichnete sämtliche Anklägerinnen als „verrückt“. In einem Fall sprach er dem vermeintlichen Opfer ab, attraktiv genug für eine Annäherung gewesen zu sein. „Glaubt mir Leute, sie wäre nicht meine erste Wahl gewesen“, sagte er über Jessica Leeds.

Jetzt auch noch Vorwürfe des Kindesmissbrauchs

Derweil droht Trump, der in Umfragen in der weiblichen Wählerschaft fast 35 Prozentpunkte hinter Clinton liegt, noch größeres Ungemach. Ein Richter in Manhattan hat für den 16. Dezember eine Anhörung angesetzt, bei der der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum steht. Eine namentlich nicht genannte Frau hat angegeben, im Alter von 13 Jahren von Trump im Haus eines befreundeten Geschäftsmannes in New York missbraucht worden zu sein. Auch hier lautet der Konter von Trumps Anwälten: „Schmierentheater. Frei erfunden.“

Bei den Republikanern verfestigt sich der Eindruck, dass Trump insgeheim seine Niederlage bereits eingestanden hat. Um von seiner Verantwortung abzulenken, sei er nun fest entschlossen, die gesamte „republikanische Partei mit in den Abgrund zu reißen“.

Dem Wahlkampflager von Hillary Clinton bleibt bei so viel Selbstzerfleischung nicht viel zu tun. Die Demokraten lassen Trump (weitgehend unkommentiert) ins Messer laufen. Sie sind erleichtert, dass der Skandal in den eigenen Reihen – die täglich durchsickernden Berichte über kompromittierende E-Mails aus der Zeit Clintons als Außenministerin – kaum Medien-Feuer fängt.