Der IS ist in Syrien und im Irak auf dem Rückzug. Doch Experten warnen bereits: Die Gefahr von Anschlägen in Europa steigt

Ist die Terrormiliz IS am Ende?

Paris/Kairo/Berlin. Über mehrere Monate hatte die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) Angst und Schrecken verbreitet. Schwarz vermummte jugendliche Kämpfer mit Maschinengewehren und Sprengstoff stießen in Syrien und im Irak immer weiter vor. Mit ihren Geländewagen eroberten sie Stadt um Stadt. Die Langbärtigen zwangen die Bevölkerung unter das Joch der Scharia und erpressten Steuern.

Der Mythos der Unbesiegbarkeit ist dahin

Doch nun scheint der Mythos der Unbesiegbarkeit, der die Gotteskrieger lange umgeben hatte, dahin. Am Mittwoch flohen die IS-Kämpfer aus der nordsyrischen Stadt Dscharablus. Türkische Panzer, unterstützt durch Verbände von syrischen Rebellen und amerikanischen Kampfjets, schlugen die Dschihadisten zurück. Wenige Wochen zuvor hatten sie bereits die wichtige Stadt Manbidsch räumen müssen.

Auch im Irak ist der IS auf dem Rückzug. Regierungstruppen hätten die Islamisten am Donnerstag aus der Stadt Kadschara vertrieben, meldete die irakische Nachrichtenseite Alsumaria News. Monate vorher waren die Extremisten aus Ramadi und Falludschah gedrängt worden. Auch im ehemals bedeutenden Rückzugsraum Libyen schrumpft das Gebiet der IS-Milizen. Von den insgesamt rund 30.000 Auslandskämpfern sei nur noch die Hälfte im Nahen Osten, schätzt die US-Regierung.

„Es zeichnet sich das Ende der militärischen Präsenz des IS in seinem Kerngebiet in Syrien und im Irak ab“, sagt der renommierte Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King’s College dieser Redaktion. Gut möglich, dass in den nächsten zwölf Monaten eine der beiden wichtigsten Städte der Islamisten – Mossul im Irak oder Rakka in Syrien – falle. „Das wäre psychologisch eine Riesenniederlage für den IS“, betont Neumann. Und ein schwerer Rückschlag für die Rekrutierungsbemühungen der Propagandisten des Terrors: „Die Attraktivität, warum so viele junge Westeuropäer nach Syrien und in den Irak gezogen sind, war das Image von Stärke, Macht und Unaufhaltsamkeit.“

In der französischen Regierung sieht man dies ähnlich. „In sechs bis zwölf Monaten wird der IS besiegt sein“, heißt es im Umfeld des französischen Präsidenten François Hollande. Doch Experten warnen: Die Gefahr durch den IS sei damit keineswegs gebannt. Selbst wenn das im Juni 2014 ausgerufene Kalifat verschwinden würde, wären die IS-Kämpfer nicht aus der Welt. Viele würden in die Türkei gehen, prognostiziert der Terrorismusforscher Neumann. „Wir müssen daher mit einer weiteren Destabilisierung der Türkei rechnen. Die Infrastruktur des IS existiert dort nach wie vor.“

Aber auch für Europa und die USA sei eine militärische Niederlage des IS kein Grund zur Erleichterung. „Kurz- und mittelfristig könnte es im Westen zu mehr Terroranschlägen kommen“, so Neumann. Es gebe Studien, wonach zwischen elf und 25 Prozent von zurückgekehrten Auslandskämpfern später zu Terroristen geworden seien. Würden alle der mehr als 700 Deutschen, die sich dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen haben, zurückkommen, hieße dies: Das Land müsste sich auf rund 80 bis 180 Terroristen einstellen.

Angesichts dieses Szenarios ist man vor allem in Frankreich alarmiert. In keinem anderen europäischen Land haben sich mehr Bürger dem IS angeschlossen. Derzeit sind etwa 680 Franzosen im Kalifat präsent – sowie 420 Minderjährige. Spätestens, wenn die Anti-IS-Allianz auf syrischem Boden weiter voranmarschiert, rechnet man in Paris mit einer massiven Rückkehr der französischen IS-Kämpfer und ihrer Familien. Patrick Calvar, den Direktor des Inlandgeheimdienstes DGSI, ist beunruhigt. Unter den künftigen IS-Rückkehrern seien zahlreiche als „Fälle für den Psychiater“ einzustufende Fanatiker. Die abgestumpften und schlachterprobten Islamisten seien zu „wahren Killern“ geworden.

Der Geheimdienstchef warnt zudem, dass man sich dringend mit dem Schicksal der demnächst aus dem Kalifat nach Frankreich kommenden Minderjährigen auseinandersetzen müsse. Etwa ein Drittel der 420 Kinder wurde in Syrien oder im Irak geboren und ist jünger als vier Jahre. Die Älteren reisten mit ihren Eltern aus und gingen auf IS-Schulen. Calvar spricht von einer regelrechten Gehirnwäsche, die „wandelnde Zeitbomben“ geschaffen haben könnte. Mindesten drei Jungen im Alter von zwölf bis 15 Jahren, die auf Propagandavideos des IS Gefangene durch Kopfschüsse exekutieren, haben die Dienste als Franzosen identifiziert.

Identifizieren, abfangen, einkerkern – so lautet das Motto, nach welchem Frankreich mit heimkehrenden Dschihadisten verfährt. 322 juristische Verfahren wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung sind bereits eingeleitet worden. Die ersten Prozesse mündeten in den vergangenen Monaten in lange Haftstrafen. Terrorexperte Neumann verlangt dies auch für Deutschland: „Es muss längere Gefängnisstrafen für gewaltbereite Rückkehrer geben, die nachweislich Mitglieder in einer terroristischen Organisation waren. Derzeit beträgt das Strafmaß nur drei bis vier Jahre.“

Der Datenaustausch in Europa klappt noch nicht

Aber selbst wenn bislang wohl die meisten Rückkehrer gefasst wurden: Einigen gelingt es dennoch, durch das Netz der Sicherheitsdienste zu schlüpfen. Zu den neun Attentätern, die am 13. November Paris mit einer Anschlagsserie überzogen und 130 Menschen getötet hatten, gehörten mindesten vier französische Rückkehrer aus dem Dschihad. Fachleute sehen in der mangelnden Zusammenarbeit ein Schlüsselproblem. „Zwischen den europäischen Ländern muss ein nahtloser Datenaustausch stattfinden. Das ist eines der größten Versäumnisse im Anti-Terror-Kampf in Europa“, kritisiert Neumann. Der militärische Sieg gegen den IS würde sich sonst als Bumerang erweisen.