Berlin

Merkels hartnäckigster Kritiker geht

Berlin. Er ist der Querkopf der CDU, ein Frontmann der Unionskonservativen und Talkshowkönig. Obwohl Wolfgang Bosbach nie ein Regierungsamt bekleidete, war er zeitweise populärer als die Kanzlerin. Da ist dem 64-Jährigen die Entscheidung zum Rückzug nicht leichtgefallen, immer wieder hat er gehadert – doch jetzt ist es endgültig: Der CDU-Abgeordnete wird 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren, nach dann 23 Parlamentsjahren nimmt er Abschied von der Politik.

Es seien „sowohl politische als auch sehr persönliche Gründe“, erklärte Bosbach am Dienstag, nachdem er seinen Kreisverband im Kölner Umland informiert hatte. In einigen wichtigen politischen Fragen könne er die Haltung seiner Partei nicht mehr mit der nötigen Überzeugung vertreten. Ob Flüchtlingskrise, Milliardenhilfen für Griechenland oder Burka-Verbot: Bosbach war in vielen Fragen anderer Meinung als die Kanzlerin. Er wäre einmal gern Innenminister geworden, stattdessen wurde er mit den Jahren Angela Merkels schärfster Kritiker in der CDU. Eine „Linksdrift“ der Union beklagte Bosbach zuletzt und meinte, die Kurs­korrekturen in wichtigen Fragen könne er nicht mehr vertreten. Bei aller Leidenschaft war der Rechtsanwalt und bekennende Rheinländer mit seinen At­tacken aber nie boshaft oder aggressiv.

Doch wie sehr er die Regierungsspitze nervte, wurde öffentlich, als Merkels Kanzleramtsminister Ronald Pofalla im Euro-Rettungsstreit seinen Parteifreund anblaffte: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Bosbach hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Vermutlich hätte der Innenexperte trotz der vielen Differenzen weitergemacht, wenn er nicht seit Jahren unheilbar an Krebs erkrankt wäre. Ungewöhnlich offen geht er mit seiner Erkrankung um, weshalb sich die Überraschung über den Rückzug nun in Grenzen hält: „Heute in acht Tagen geht es schon wieder ins Krankenhaus zu einer schwierigen Operation“, berichtete der CDU-Politiker am Dienstag. „Wenn man merkt, dass die Kraft nachlässt, dann muss man sich schon gut überlegen, wofür man diese Kraft noch aufwendet.“ Der Vater von drei erwachsenen Töchtern, der schon seit zwei Jahrzehnten an einer chronischen Herzschwäche leidet, war im Juli auf Mallorca schwer gestürzt, einen Monat zuvor bei einem Messeauftritt in Hamburg zusammengebrochen.

Bosbach ist nicht der einzige prominente Bundestagsabgeordnete, der im kommenden Jahr das Parlament verlässt. In der Union haben unter anderem Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Ex-Familienministerin Kristina Schröder und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt ihren Abschied angekündigt. Auch Bosbachs konservative Fraktionskollegen Hans-Peter Uhl und Erika Steinbach, die langjährige Vertriebenenfunktionärin, gehen.

In der SPD geben Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, Ex-Justizministerin Brigitte Zypries, der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte der Regierung, Christoph Strässer, der Russlandbeauftragte Gernot Erler, die Ostbeauftragte Iris Gleicke und der langjährige Finanzexperte Joachim Poß ihr Mandat auf. Bei den Grünen scheidet unter anderem die frühere Ausländerbeauftragte Marieluise Beck aus, bei den Linken der Außenexperte Jan van Aken.