Sie kämpfen im Auftrag des Westens. Dafür verlangen sie Autonomie in Nordsyrien – und verschärfen damit den Konflikt mit Ankara

Der Preis des Sieges gegen den IS

Essen. Eine junge Soldatin umarmt lachend eine voll verschleierte Frau. Andere Frauen verbrennen den Gesichtsschleier, hinter den sie in den vergangenen zwei Jahren gezwungen worden waren. Männer rasieren sich ihre Bärte ab. Diese Bilder aus Manbidsch, der syrischen Kleinstadt 40 Kilometer südlich der türkischen Grenze, gingen durch die Welt. Die Menschen dort feierten die Befreiung von der Terrormiliz, die sich „Islamischer Staat“ (IS) nennt.

In der türkischen Hauptstadt Ankara werden die Bilder Besorgnis erregt haben. Die Befreier von Manbidsch waren die Demokratischen Streitkräfte Syriens (SDF), deren Rückgrat die kurdische YPG-Miliz ist. Der Sieg in Manbidsch könnte die Grundlage für die Schaffung einer zusammenhängenden autonomen kurdischen Region in Nordsyrien, direkt an der Grenze der Türkei, gewesen sein. Das streben die Kurden an. Es wäre der Preis für den Vormarsch gegen die Dschihadisten. Denn die Kurden haben sich bislang als die verlässlichsten Partner des Westens erwiesen und militärisch die größten Erfolge erzielt. Für die türkische Regierung ist dies eine Horrorvorstellung und dürfte zu weiteren Reibungen mit Brüssel und Washington führen.

Die Kurden haben bereits drei Kantone im Norden Syriens

Die YPG ist der bewaffnete Arm der syrischen Kurdenpartei PYD (Partei der Demokratischen Union). Für Ankara ist die PYD eine terroristische Organisation, weil sie eine Schwesterpartei der in der Türkei verbotenen PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) ist, die seit Jahrzehnten im Südosten des Landes einen blutigen Kampf um mehr Selbstständigkeit für die Kurden führt. Was den Kurden in der Türkei bis heute verwehrt ist, haben die syrischen Kurden in den Bürgerkriegswirren umsetzen können: Sie haben sich dank geschickter Bündnispolitik und einer gehörigen Portion Opportunismus eine selbstverwaltete Region im Norden Syriens geschaffen: Rojava, bestehend aus den drei Kantonen Cizire, Kobane und Efrin. Das syrische Regime, das die Kurden jahrzehntelang brutal unterdrückte, zog sich nach einem Stillhalteabkommen bereits 2012 kampflos aus der Region zurück.

Das Verhältnis zwischen Kurden und dem syrischen Regime ist bis heute nicht spannungsfrei. Zwar kämpfen YPG-Einheiten beispielsweise in Aleppo an der Seite des Regimes gegen islamistische Rebellen. Aber speziell im Kanton Cizire im äußersten Nordosten ist es in der Vergangenheit immer wieder zu Zusammenstößen zwischen regimetreuen und kurdischen Milizionären gekommen. Am Donnerstag flogen syrische Kampfjets erstmals Angriffe gegen kurdische Stellungen in der Region.

Der Schulterschluss zwischen den syrischen Kurden und dem Westen nahm Ende 2014 seinen Anfang. Auslöser war die Schlacht um Kobane, die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons. Die Welt konnte damals quasi live verfolgen, wie sich die Kurden mithilfe amerikanischer Luftangriffe gegen die erbitterten Angriffe des IS verteidigten. Als die Terrormiliz im Januar 2015 die Stadt räumen musste, war dies die erste große Niederlage für den IS – der Nimbus der Unbesiegbarkeit war dahin.

Auch das Konzept der „demokratischen Autonomie“, das auf den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan zurückgeht und das die Kurden in Rojava umsetzen, stößt im Westen durchaus auf Sympathie: eine basisdemokratische Selbstverwaltung, in die Minderheiten wie Araber, Turkmenen und Assyrer eingebunden sind und in der Geschlechtergleichheit und religiöse Toleranz gelten. Allerdings werden der PYD auch immer wieder Menschenrechtsverletzungen wie der Einsatz von Kindersoldaten, willkürliche Festnahmen von kurdischen Oppositionspolitikern oder ethnische Säuberungen in eroberten arabischen Dörfern vorgeworfen.

Die Türkei sieht Rojava als Bedrohung an. Die Befürchtung Ankaras ist, dass die autonome Region den Kurden im Südosten der Türkei als Vorbild dienen und zum Rückzugsraum für PKK-Kämpfer werden könnte. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat mehrfach betont, dass die Türkei die Schaffung eines kurdischen Staates – wovon die Kurden selbst nie gesprochen haben – verhindern werde, „koste es, was es wolle“. Immer wieder wird in der Türkei eine mögliche Militärintervention diskutiert. Nach der Eroberung von Manbidsch erneuerte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu seine Forderung, dass die Kurden sich auf das Gebiet östlich des Euphrat zurückziehen sollten, wie es mit den USA vereinbart worden sei.

Dafür spricht wenig: Die Demokratischen Streitkräfte Syriens, in denen neben der kurdischen YPG auch assyrische und arabische Milizen kämpfen, haben bereits angekündigt, weiter nach Westen vorstoßen zu wollen, um die vom IS gehaltene Kleinstadt al-Bab zu erobern.

Die Region um diese Stadt liegt wie ein Keil zwischen dem westlichen Kanton Efrin und den beiden anderen Kantonen Rojavas. Wäre diese Operation erfolgreich, würden die syrischen Kurden erstmals ein zusammenhängendes Gebiet beherrschen.

Entspannter sieht Ankara die Situation der Kurden im Irak

Die Ankündigung der von den Kurden beherrschten Allianz belastet das ohnehin gestörte Verhältnis zwischen den USA und der Türkei: Die Türken sind vergrätzt, dass der Nato-Partner auf der Seite einer Organisation kämpft, die sie als terroristisch einstufen. Als im Mai Fotos von US-Spezialeinheiten auftauchten, von denen ein Kämpfer ein YPG-Emblem an der Uniform trug, war der Protest in Ankara groß.

Wesentlich entspannter sieht die türkische Regierung die Situation im Irak. Dort haben die Kurden im Norden des Landes bereits seit den 90er-Jahren weitgehende Autonomie mit einem eigenen Parlament, eigener Verfassung und eigenen Sicherheitskräften. Diese Autonomieregion hat beste wirtschaftliche Beziehungen zur Türkei, die Führung steht der PYD und der PKK ablehnend bis feindlich gegenüber und wird deswegen von Ankara problemlos als Partner betrachtet.

Die irakischen Kurden haben den Vorstoß des IS im Sommer 2014 genutzt, um ihrerseits Gebiete wie die erdölreiche Region um die Stadt Kirkuk zu besetzen, die sie für sich beanspruchen. Aktuell streben die Kurden im Irak sogar die völlige Loslösung vom restlichen Irak – sie sind die ständigen Auseinandersetzungen mit Bagdad insbesondere um die gerechte Verteilung von Erdöleinkommen leid und betrachten den Irak als gescheiterten Staat.