Detroit

Trumps Steuerpläne bleiben nebulös

Präsidentschaftskandidat korrigiert seine Reformpläne. Experten fürchten noch immer ein Billionenloch

Detroit. Als bei den Zwischenrufen das Dutzend voll ist, sieht man Donald Trump an, wie sehr er sich zusammenreißen muss. Krawatten- und Gesichtsfarbe – fast identisch. Im Fünf-Minuten-Abstand muss der nach selbst verschuldeten Pannen in den Umfragen abgestürzte republikanische Präsidentschaftskandidat seine Rede zur wirtschaftlichen Gesundung Amerikas in Detroit unterbrechen. Es sind Frauen, die sich strategisch im Publikum positioniert haben und dem Milliardär in die Parade fahren. Der 70-Jährige versagt sich den sonst üblichen Appell, sie achtkantig hinauswerfen zu lassen. Er ist Gast beim örtlichen Wirtschaftsklub. Millionen warten nur darauf, dass er wie zuletzt bei den Eltern eines gefallenen Irakkriegsoldaten aus der Rolle fällt.

Aber Trump hat sich diesmal im Griff. Zu viel steht auf dem Spiel. Darum auch der Teleprompter. Von ihm liest der Bauunternehmer der Regierung und seiner Konkurrentin Hillary Clinton die bekannten Leviten ab. Sein Tenor: De­troit, die einst stolze Motor-City, sei nur deshalb zum Armenhaus geworden, weil Demokraten sich hier mit ihren irrigen Konzepten hätten austoben können.

Trump geht Statistiken von Arbeitslosenquote bis Realeinkommen durch, die Faktenchecker noch während der Rede unter Lügenverdacht stellen, wirft mit Milliardenbeträgen um sich, die man hätte einsparen oder mehr einnehmen können. Mit brachialer Vereinfachung bilanziert er: „Detroit ist das lebende Beispiel für die gescheiterte Wirtschaftspolitik meiner Konkurrentin.“ Die „Kandidatin der Vergangenheit“, die Amerika ein „stilles Heer der Arbeitslosen“ eingebrockt habe – Trump will es reduzieren. Nur womit?

Das bleibt auch diesmal nebulös. Immer wieder verweist er bei Detailfragen auf seine Internetseite. Nur so viel: Sein aus 13 weißen, männlichen Milliardären und Investmentbankern zusammengesetztes Beraterteam hat Trumps Kernversprechen – „Die größte Steuerrevolution seit Ronald Reagan!“ – noch einmal durch die Rechner laufen lassen. Statt der geplanten Einkommensteuersätze von null, zehn, 20 und 25 Prozent sollen die Amerikaner je nach Brieftasche künftig zwölf, 25 und 33 Prozent an den Fiskus abführen. Für die Reichen keine schlechte Botschaft, die höchste Steuerklasse liegt heute bei 40 Prozent.

Als Trump im Herbst 2015 erstmals seine Ideen vorstellte, rechnete die unabhängige Tax Foundation nach. Ergebnis: Die Steuerpläne würden ein Zehn-Billionen-Dollar-Loch in die Staatskasse schlagen. Unsinn, meint Trump. Sie würden sich bis zum Quietschen füllen, wenn Hemmschwellen wie Umweltauflagen im Energiesektor gestrichen würden, meint er. Schon an seinem ersten Tag im Amt werde er die Bürokratie auf Eis legen. Allein dadurch würden Beschäftigungseffekte entfesselt, die es ihm erlaubten, die Unternehmensteuer von 35 auf 15 Prozent zu senken. So würden wieder „amerikanische Arbeiter“ „amerikanische Güter und Waren“ auf „amerikanischem Boden“ produzieren. Trump bekräftigte sein Nein zu Handelsabkommen wie Nafta (mit Mexiko und Kanada) oder dem im Verfahrensgang steckenden TPP mit Südostasien. Beide Instrumente, die Clinton unterstütze, seien Arbeitsplatzvernichter.

Um seine soziale Ader zu zeigen, kündigte der Milliardär an, dass Eltern Kitakosten künftig viel stärker von der Steuer absetzen könnten. Dass Millionen armer Familien überhaupt keine Steuern zahlen und daher nicht von Trumps Plänen profitieren, ging im Szenenapplaus unter – ebenso wie die Tatsache, dass die Ratingagentur Moody’s seine Planskizzen analysiert hat. Resultat: Die Staatsverschuldung würde explodieren, die Zahl der Arbeitslosen steigen, ebenso die Verbraucherpreise.

Ein Argument, dass Hillary Clinton am Donnerstag an gleicher Stelle aufnehmen wird. Sie führt im Bundesstaat Michigan mit elf Prozentpunkten. Auch darum hat diese Meldung gestern für Furore gesorgt: Evan McMullin, Ex-Mitarbeiter des Geheimdienstes CIA, der im Kongress als Berater der Republikaner arbeitet, will am 8. November gegen Trump als unabhängiger Kandidat antreten. Er gilt zwar als chancenlos. Doch er könnte Trump in einigen Bundesstaaten wertvolle Stimmen abjagen.