Essen

Das Examen war nur erfunden

SPD-Bundestagabgeordnete Petra Hinz legt Mandat nieder

Essen. Tagelang waberte das Gerücht durch den Essener Politikbetrieb: Petra Hinz, Bundestagsabgeordnete der SPD, soll ihr Abitur und ihre juristischen Staatsexamina erfunden haben. Am Dienstag dann räumte ihr Anwalt den teilweise erfundenen Lebenslauf ein und die 54-Jährige gab ihr Bundestagsmandat zurück. Zu groß war die Dreistigkeit – und die mediale Wucht, die Schockwellen bis in die Bundespolitik auslöste.

Wer ist Petra Hinz, wie konnte sie so lange eine solche Legende aufrechterhalten? Wer sich in der Essener SPD umhört, bekommt Antworten, die auf eine maskenhafte Persönlichkeit hindeuten. Petra Hinz gilt in Essen als typische Gremienpolitikerin, die viel Zeit da verbrachte, wo Karrieren geschmiedet werden: in Arbeitskreisen, Ratsausschüssen und Versammlungen an der Basis. Man habe es mit einem „schwierigen Charakter“ zu tun, sagte ein Vorstandsmitglied, das ungenannt bleiben will, über die Politikerin. Gefürchtet waren ihre gestelzten und latent aggressiven Reden.

Gesichert ist, dass Hinz eine Hauptschule besuchte, schließlich an einer Berufskolleg das Fachabitur schaffte. Abseits des Erfundenen gibt es zum beruflichen Werdegang dann nur Wolkiges: Von einem Praktikum bei der Sparkasse ist die Rede und einer Ausbildung im Bereich Moderation und Kommunikation.

Mit 17 war Hinz in die SPD eingetreten, mit 27 dann in den Rat gewählt worden. Mitte der 90er-Jahre habe sie laut Anwalt versucht, ihr Abitur nachzuholen „und zumindest einen Teil ihrer biografischen Falschaussagen zu heilen“. Aus zeitlichen Gründen habe sie dies aber wieder aufgegeben. Tatsächlich stehen Ratspolitiker oft ohne ausgeübten Beruf da und versuchen, von Sitzungsgeldern oder Aufsichtsratstantiemen zu leben. Ziel ist eine Stelle als Referent in einer Fraktion – oder ein bezahltes Parlamentsmandat.

Hinz wurde im Jahr 2005 direkt in den Bundestag gewählt. Über die Jahre blieb die Abgeordnete eher Hinterbänklerin. Ende Juni dieses Jahres dann verdichteten sich Gerüchte zu einem anonymen offenen Brief: In ihrem Büro habe Petra Hinz ein Schreckensregiment geführt, ehemalige Mitarbeiter klagten über Mobbing härtester Art.

Hinz wies dies zurück, sah eine Verschwörung mit dem Ziel, ihre erneute Kandidatur zu torpedieren. Unstrittig ist: Hinz verschliss auffallend viele Mitarbeiter, einige sollen noch heute in ärztlicher Behandlung sein, um die „irrsinnigen Schikanen“ und „Erniedrigungen“ zu therapieren. In diesem Zusammenhang kamen dann Fragen nach ihrem Lebenslauf auf – woraufhin die Politikerin schließlich den Rückzug ins Privatleben für die kommende Legislaturperiode ankündigte. Doch die Fragen, auch von dieser Zeitung, blieben. Bis das Lügengebäude in sich zusammenfiel.