Berlin/Nizza

Beten für die Opfer

Unter den Toten sind viele Ausländer – darunter wahrscheinlich auch zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin

Berlin/Nizza. Der Terror von Nizza trifft auch Deutschland mitten ins Herz. Zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus der Berliner Schule sollen nach Angaben des Bezirksamtes Charlottenburg unter den Opfern des grausamen Anschlags sein. Das Auswärtige Amt bestätigte dies zwar bis zu Redaktionsschluss nicht, schloss aber nicht aus, dass es auch deutsche Opfer gebe. „Mit dem schrecklichen Attentat von Nizza reicht der Terrorismus direkt hinein in die Schulklassen und die Familien unserer Stadt. Wir sind bestürzt und in großer Sorge“, sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Mehr als 84 Menschen verloren in Nizza bei dem Anschlag ihr Leben - darunter auch zehn Kinder und Jugendlichen. Hunderte wurden schwer verletzt, mindestens 50 schweben weiterhin in Lebensgefahr. Viele Opfer sind Ausländer und Kinder, berichtete Präsident François Hollande. Bei den Anschlägen starb auch Sean Copeland, ein 51-jähriger Vater aus Texas, und sein elfjähriger Sohn Brodie. Auch zwei Schweizer und eine russische Studentin verloren ihr Leben.

Es ist nicht auszuschließen, dass die Zahl der Toten weiter steigen wird. Die Krankenhäuser in und um Nizza sind überfüllt mit Verletzten. Mindestens 50 Kinder wurden eingeliefert und werden behandelt. Zwei Kinder seien am Freitagmorgen bei Operationen gestorben, sagte eine Sprecherin des Kinderkrankenhauses Lanval. Viele Erwachsene und Kinder schweben in Lebensgefahr.

Beklemmende Stimmung an der Berliner Schule

Die Stimmung vor der Berliner Paula-Fürst-Schule ist beklemmend. Polizisten stehen vor der Gemeinschaftsschule in Charlottenburg. Mit versteinertem Gesicht eilen Eltern durch das Schultor. Eine Lehrerin und ein Lehrer empfangen die Mütter und Väter. Die Augen der Pädagogin sind gerötet. Gesprochen wird kaum.

28 Schüler aus verschiedenen Leistungskursen der Schule waren auf Studienfahrt in Nizza - ein Höhepunkt des Schuljahres. Die meisten der Jugendlichen sind 17 Jahre alt. Am Donnerstagabend wollten sie eigentlich ausgelassen mit Franzosen den Nationalfeiertag feiern. Doch aus dem erhofften Fest der Freude wurde für sie wie für viele Feiernde an der Promenade des Anglais der grausamste Tag ihres Lebens.

Manche Feiernde an der Côte d’Azur kamen wiederum nur zufällig und mit viel Glück mit dem Leben davon. Die deutsche Reporterin Janine Konopka war mit ihrer Mutter mitten auf der Straße, als der Lkw in die Menschenmenge raste. Konopka schildert gegenüber tagesschau24, wie sie Schüsse hörte und sich dann in Sicherheit brachte.

Zum Zeitpunkt des Anschlags waren insgesamt zehn Schülergruppen aus Berlin in Nizza zu Gast. Das Bangen unter Bekannten, Freunden und Eltern der Schüler war am Freitag entsprechend groß. Leben sie noch? Sind sie verletzt? Neun Oberschulen konnten am frühen Nachmittag Entwarnung geben. Die Jugendlichen seien wohlauf, allen Schülern gehe es gut, sagte der Schulleiter des Gerhart-Hauptmann-Gymnasium Thomas Hähnert. Schon in der Nacht habe er mit der Kollegin in Nizza telefonieren und sich überzeugen können, dass alle unverletzt sind. Anschließend habe er umgehend alle betroffenen Eltern telefonisch informiert.

Der Schock sitzt aber auch bei den Unverletzten tief. Eine Mutter, deren Tochter das Attentat überlebt hat, berichtet: „Die sind alle völlig verstört. Die sind total traumatisiert.“ Ihre Tochter wolle einfach nur noch nach Hause. Ihre Tochter habe erzählt, bei dem Anschlag sei alles sehr schnell gegangen. Sie hätten sich stundenlang im Hotel verstecken müssen. „Jetzt warten sie nur darauf, dass ihre Maschine fliegt.“

Die Schüler kommen am Freitag zurück. An den zwei Berliner Flughafen warten bereits Notseelsorger auf die Jugendlichen. „Wir wollen ihnen bei der Ankunft einen sicheren Raum bieten“, sagte die Pressesprecherin vom Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes. Und auch in der Schule stehen in der nächsten Woche Schulpsychologen für die Schüler bereit.

Nicht nur in Berlin und Deutschland, sondern weltweit zitterten viele Menschen am Freitag um das Leben ihrer Bekannten, Freunde und Verwandte, die sich in Südfrankreich aufgehalten haben. Die Ungewissheit ist groß. Neben Notfalltelefonen nutzen viele vor allem das Internet und die sozialen Netzwerk zur Suche. So schaltete Facebook am Vormittag seine Sicherheitscheckfunktion für die Region rund um Nizza ein. Damit konnte jeder markieren, ob er sich in Sicherheit befindet, um seinen Freunden die Ängste zu nehmen.

Die Trauer um die Opfer ist aber nicht nur bei direkt betroffenen Verwandten und Freunden groß. In Berlin legten Hunderte Blumen vor der französischen Botschaft in Berlin nieder und zündeten Kerzen an. Das Auswärtige Amt zog ihre Flaggen – darunter auch die französische Trikolore – auf halbmast. Das deutsch-französische Fest zum französischen Nationalfeiertag am Brandenburger Tor wurde abgesagt.

Auch in den sozialen Netzwerken ist das Mitgefühl, aber auch die Wut über die grausame Brutalität riesig. Unter den Hashtags „#Nice“, „#PrayForNice“ drückten Tausende ihr Entsetzen mit Bildern, Kerzen, Worten und Gebeten aus. Der Musiker David Guetta postete ein Bild mit drei Herzen in den französischen Nationalfarben blau, weiß, rot – aus dem roten rinnt Blut: Unsere Herzen weinen.