Jetzt ist es offiziell: Joachim Gauck strebt keine zweite Amtszeit an. Wer die besten Chancen auf seine Nachfolge hat

Rückzug – aus Sorge um die eigene Kraft

Berlin. Dieser Gang würde kein leichter sein, das hat Joachim Gauck schon früh geahnt. Er werde nach seiner Entscheidung „womöglich nicht so glücklich aus der Wäsche schauen“, hatte Gauck vor Wochen erklärt. Und die Zweifel würden ihn begleiten: „Oh, war das jetzt richtig?“ Aber am Montag Punkt zwölf Uhr gibt es kein Zurück mehr: Der Bundespräsident betritt entschlossenen Schrittes den Großen Saal auf Schloss Bellevue, ruft aufgeräumt „Guten Tag“ und kommt schnell zur Sache: „Heute möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich mich entschlossen habe, nicht erneut für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren.“

Die Entscheidung sei ihm „nicht leichtgefallen“, denn er empfinde es als große Ehre, dem Land zu dienen. Gauck gibt sich viel Mühe, auch in diesem Moment würdevoll zu wirken, aber man sieht ihm an, wie aufgewühlt er ist. Als er von der Begegnung mit vielen engagierten Menschen berichtet, übermannt ihn doch kurz die Rührung. Aber seine Begründung für den Rückzug ist dann kurz und bündig. Der 76-Jährige liest jedes Wort vom Blatt ab, als geübter Redner blickt er zwischendurch prüfend in die Runde: Es gehe ihm gut, doch sei ihm bewusst, dass die Lebensspanne zwischen dem 77. und 82. Lebensjahr eine andere sei als jetzt. „Ich möchte für eine erneute Zeitspanne von fünf Jahren nicht eine Energie und Vitalität voraussetzen, für die ich nicht garantieren kann“, sagt Gauck. „Wie man das eigene Alter betrachtet, das ist eine ganz individuelle, ganz persönliche Frage. Ich habe sie für mich beantwortet.“ Schon nach vier Minuten ist alles vorbei, schnell verlässt Gauck den Saal.

Er legt Wert darauf, dass er die restlichen neun Monate bis zur Amtsübergabe am 18. März 2017 „mit Hingabe“ Präsident bleibe. Aber er weiß natürlich, dass er von jetzt an eine „lahme Ente“ ist, dessen Auftritte an Wirksamkeit verlieren. Mitunter war in den letzten Wochen spekuliert worden, Gauck zögere deshalb mit einer Festlegung. Ungewöhnlich lange hat er ja die Politik warten lassen: Seine Vorgänger hatten sich meist spätestens ein Jahr vor der Wahl zu ihren Plänen geäußert; Gauck ließ es zu, dass in der Koalition ein leises, ungeduldiges Murren begann, der Präsident möge sich mal bitte äußern.

Dabei konnte die Berliner Politik ja wissen, wie es um das Staatsoberhaupt stand. Sehr früh hat der Bundespräsident signalisiert, dass er es gern bei einer Amtsperiode belassen würde. Natürlich hat er Freude an den Möglichkeiten, die das höchste Staatsamt bietet, an der großen Rede ebenso wie an der Begegnung mit den Menschen. Er ist eitel genug, um die öffentliche Resonanz zu genießen, und ungewöhnlich neugierig ist er auch. Wo immer Gauck öffentlich auftritt, holt er sich einen Energieschub aus Begegnungen – ob beim Treffen mit Drogensüchtigen im Berliner Obdachlosentreff oder im Gespräch mit KZ-Überlebenden in Griechenland. Dennoch klagte der Präsident bald nach seiner Wahl 2012 im kleinen Kreis: „Es ist ein harter Job mit viel mehr Belastungen, als ich dachte.“ Zum Entsetzen seiner Mitarbeiter erklärte der damals 72-Jährige auch bald intern, es werde bei einer Amtszeit bleiben. Da hatte er sich mit Terminen überlastet, nach Siebentagewochen im Dienst war von Ermüdungserscheinungen des Schlossherrn die Rede.

Später spielte sich das ein, und Gauck versicherte: „Wenn ich im Dienst bin, merke ich das Alter nicht.“ Doch auf Auslandsreisen waren ihm die Strapazen mitunter schon anzumerken, und seit längerer Zeit machte ihm auch das Knie zu schaffen – bei offiziellen Terminen wurde die Zahl der Treppenaufstiege reduziert. So begleitete ihn die Frage nach der Dauer seiner Präsidentschaft eigentlich ständig. Durfte er wirklich loslassen? Voriges Jahr machte er sein Hadern öffentlich: „Ich wäre ein oberflächlicher Präsident, wenn ich nicht intensiv das Für und Wider erörtern würde.“ In der Familie wurde vor allem das Wider diskutiert: „Lass es mit der zweiten Amtszeit“, rief ihm sein Sohn Christian Gauck bei der Geburtstagsfeier vor einem Jahr „im Namen der Familie“ zu. Gauck solle sich lieber noch ein paar schöne, unbeschwerte Jahre mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt machen. So plant es Gauck wohl auch: Als er Ende März zum Staatsbesuch in China weilte, erklärten er und Schadt bei Besuchen in der Verbotenen Stadt oder im Kaiserlichen Garten Händchen haltend, das nächste Mal würden sie als Privatpersonen wiederkommen. Schadt ließ keinen Zweifel, dass sie gern auch in ihren Beruf als Journalistin zurückkehren wolle. Und im kleinen Kreis räsonierte Gauck auch schon mal über die Themen, über die er sich gern später noch öffentlich äußern wolle – wenn die Zwänge des präsidialen Amtes vorüber seien. Gauck hätte sich deshalb wohl schon viel früher zu seinem Rückzug geäußert – hätte ihm nicht die Flüchtlingskrise so große Sorgen bereitet. Der Aufstieg der Rechtspopulisten, die Unruhe im Land, zeitweise auch Ungewissheit über die Zukunft der Kanzlerin und den Fortbestand der Koalition: Gauck war spätestens zu Jahresanfang alarmiert.

Es könne eine Situation eintreten, in der er als Staatsoberhaupt im Amt bleiben müsse, um die Unruhe nicht noch zu vergrößern, hieß es plötzlich. Aus der Berliner Politik wurde Gauck verstärkt zum Bleiben ermuntert: Politiker von Union, SPD, Grünen und FDP hatten sich ohnehin schon früh für eine zweite Amtszeit ausgesprochen – doch in den letzten Monaten nahm das Drängen von Koalitionspolitikern zu. Gauck ließ sich Zeit, die Ermutigungen taten ihm gut. Bald nach den Landtagswahlen im März festigte sich bei ihm allerdings der Eindruck, das Land sei stabil genug für den Wechsel. Am Ende stand die Gewissheit: Es geht auch ohne ihn. In seiner Rückzugsankündigung erklärte Gauck: „Der Wechsel im Amt des Bundespräsidenten ist in diesem Deutschland kein Grund zur Sorge, er ist vielmehr demokratische Normalität – auch in fordernden, auch in schwierigen Zeiten.“

Die Spitzen der Koalition und der Grünen bedauerten gleichwohl die Entscheidung. CSU-Chef Horst Seehofer sagte, Gauck habe herausragende Arbeit geleistet: „Er hat den Menschen Orientierung gegeben, sie zusammengeführt.“ Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel erklärte, Gauck sei ein „Präsident des ganzen deutschen Volkes“, der das Amt mit „absoluter persönlicher Integrität“ ausübe. Kanzlerin Angela Merkel meinte, Gauck sei „glücklicherweise“ noch einige Monate im Amt. Über den Nachfolger wolle sie nicht nur zwischen CDU und CSU Gespräche führen, sondern auch mit anderen Parteien. Eilig hat es Merkel nicht: Die Gespräche, deutete sie an, dürften bis zum Herbst dauern.